Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 2)
- Language
- German
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29 Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte 30 gefügt, historisch-kritisch beleuchtet und streng wissenschaftlich übersetzt. Kein Besonnener wird glauten, daß zwei christliche Theologen, die von allen Fachgenossen in Deutschland als Autoritäten ersten Ranges betrachtet wurden, zugunsten der Juden tausendfache Fälschungen begangen und vor Gericht beschworen haben könnten. Bloch legt diese Texte zugrunde und entwirft, nach allen Seiten weit ausgreifend, ein zusammenhängendes Bild von den Lehren des Judentums, betreffend das Verhalten seiner Bekenner Andersgläubigen gegenüber. Wir gewinnen auf diese Weise eine umfassende Darstellung dessen, was man die internationale und. interkonfessionelle Ethik des Judentums nennen kann. Wir haben da vor uns eine erschöpfende Enzyklopädie der Apologetik des Judentums. Ein besonderer Vorzug des Buches ist, daß es, obwohl streng wissenschaftlich gehalten und überall unmittelbar auf die Quellen zurückgehend, doch stets im besten Sinne des Wortes populär bleibt. Dem Gelehrten ist es ein unentbehrliches Nachschlagebuch, dem Gebildeten eine unerschöpfliche Quelle der Belehrung über die verschiedensten Fragen der jüdischen Kultur-, Sitten- und Rechtsgeschichte. Kein Jude hat jemals geleugnet, daß in dem fast unübersehbaren jüdischen Schrifttum, das sich über nahezu dritthalb Jahrtausende erstreckt, mancher Ausspruch und manche Anordnung, betreffend die Nichtjuden, findet, die nicht .gerade freundlich klingen; aber kein Vernünftiger wird leugnen, daß solche Aussprüche und Anordnungen aus ihrer Zeit und deren Umständen heraus verstanden werden müssen, und daß sie von uns Juden als obsolet und überwunden betrachtet werden. Um sie alle in das richtige Licht zu setzen, hat Bloch sich in dem christlichen Talmud und Schulchan Aruch gründlich umgesehen, nämlich in der katholischen Moraltheologie und dem kanonischen Recht, in denen er ebenso zu Hause ist, wie in der rabbinischen Literatur, aber auch die weltlichen Gesetzgebungen hat er nicht übersehen. Er zieht diese Quellen jedesmal zum Vergleich mit den jüdischen heran, und der Vergleich fällt wahrlich nicht zuungunsten der jüdischen aus. So wird z. B. jeder Unbefangene dem Verfasser recht. geben, wenn er zum Schluß des Kapitels über den Eid an unsere Gegner die Frage richtet, ob es ihnen nicht angemessen erscheinen möchte, Lehre und Praxis der christlichen Völker über den Eid einmal gründlich nachzuprüfen, anstatt einseitig Talmud und Schulchan Aruch zu beschnüffeln . . . Nie war ein solches umfassendes apologetisches Handbuch so notwendig, wie heute. Jeder einzelne von uns steht heute im Kampfe um unsere primitiven Menschenrechte gegen eine Flut von Verleumdungen und Verunglimpfungen, die in allen Sprachen täglich auf uns niederprasseln. Jeder einzelne von uns wird täglich von giftigen Pfeilen getroffen, die sein jüdisches Ehrgefühl tief schmerzlich verwunden. Darum benötigt jeder von uns eine solche Hausapotheke, ein solches Hausarsenal, wo er sich das nötige Gegengift und die Waffen zur Abwehr holen kann. Im Grunde wäre es die Aufgabe einer Kommission von bestallten jüdischen Gelehrten aller Länder gewesen, im Auftrage ihrer Gemeinden mit vereinten Kräften ein solches Werk zu schaffen, und Pflichfxler großen jüdischen Organisationen, es herauszugeben. Aber es ist besser, daß ein einfacher Privatmann, imbeamtet und unbesoldet, es vollbracht, und ein wagemutiger Verleger es auf eigene Gefahr herausgegeben hat. Das Vertrauen der Welt zu der Unabhängigkeit seines Urteils ist dadurch besser gewährleistet. * * * Unter den vielen Widersprüchen, die unsere Zeit beherrschen und erschüttern, ist der schroffste und merkwürdigste der, welcher im Bereiche des religiösen Lebens waltet. Auf der einen Seite ein krankhaftes „Gottsuchertum" mit den unvermeidlichen Absenkern in die Nachtseifen der menschlichen Natur, wie Aberglauben und Mystizismus, auf der anderen Seite ein wüster Nihilismus, der sich rationalistisch drapiert und seine metaphysischen Lehren für unerschütterliche Dogmen ausgibt, (die zwar ebenso unbeweisbar sind wie die Grundartikel der Religion, dafür aber den Vorzug haben, negativ zü sein. Auch innerhalb des Judentums machen sich diese Wirrnisse geltend, weisen aber hier eine besondere Schattierung auf. Auch wir haben unter uns „Gottsucher", denen der alte Gott Israels, der jedem nahe ist, der ihn anruft, nicht genügt und die auf der Suche nach neuen religiösen Emotionen sogar beim — Chassidismus angelangt sind, gleichzeitig wird häufig von derselben Seite die Lehre gepredigt, daß das Judentum mit der jüdischen Religion nichts zu tun habe, diese sei bloß ein zufälliges Erzeugnis des jüdischen Volkes, ein überlebtes Produkt, welches abgelegt, am Wege liegengelassen werden kann, wie ein unnützer'Ballast, ein lästiger Überrest aus verschollenen Zeiten. Um so freudiger wird man ein Buch begrüßen, welches in hohem Grade geeignet ist, den Irrenden ein Führer zu sein, Licht in die Reihen der Suchenden zu tragen: „Das Wesen des Judentums" von Leo Baeck3) In den 17 Jahren, seit die erste Auflage erschien, ist das Buch innerlich gewachsen, ist unendlich bereichert worden, obwohl die Grundzüge seiner Physiognomie dieselben geblieben sind. Nicht etwa, daß die leidigen - dazwischenliegenden Zeitereignisse ihm neuen Inhalt zugeführt hätten — es ist von innen heraus gereift, die Gedanken sind zu Ende gedacht, konsequent entwickelt, harmonisch zu einem Vollklang ausgeglichen worden. Nicht eine Religionsphilosophie, nicht eine evolutive Religionsgeschichte ist es, was hier geboten wird, auch nicht eine Religionspsychologie, wie die neueste Mode sie liebt. Aber ein Mann von sehr hoher philosophischer Denkkraft, von umfassender Gelehrsamkeit und tiefer Bildung entwickelt den Ideengehalt des Judentums und lehrt uns, was der moderne Mensch an ihm hat, welche Antworten das Judentum auf die Fragen gibt, die das Leben und das Denken an den einzelnen und an die Gesamtheit stellt. Unser Horizont hat sich unheimlich erweitert, die vergleichende Religionsgeschichte und die Erforschung der Urformen hat die großen Religionen des Ostens in den Kreis unserer Betrachtungen gerückt, besonders der Budd h i s m us interessiert die Intellektuellen in hohem Maße. Zu den gesicherten Ergebnissen des modernen Denkens gehört es, daß die Religion als solche nicht, wie eine seichte Aufklärung ehemals meinte, willkürliche Erdichtung der Priesterkaste ist, „ein Opium für die Völker", erfunden, um sie zu betäuben und auszubeuten, sondern ein Grundtrieb 3) Zweite, neubearbeitete Auflage. - 1922. J. Kaufmanns Verlag, Frankfurt a. M.