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Ost und West · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1923) · p. Seite 27 - 28

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
Article
Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
Date
1923-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 1)
Language
German
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27 Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte 23 AUFBAUENDE UND ZERSTÖRENDE KRÄFTE IN DER JÜDISCHEN GESCHICHTE Selten ist es einem Manne, der die Siebenzig längst überschritten, vergönnt gewesen, der Welt eine Gabe zu bieten, wie die, welche Dr. J. S. Bloch in Wien uns mit seinem Buche „Israel und die Völker nach jüdischer Lehre"1) darbringt. Es ist dies die reife, volle Frucht »einer langen, mühevollen, äußerst erfolgreichen Lebensarbeit Mehr als vierzig Jahre stand Bloch ün der vordersten Reihe, häufig focht er ganz allein gegen den Ansturm des Antisemitismus — dieser negativen, zerstörenden und doch wider Willen aufbauenden Kraft, die dem letzten halben Jahrhundert der jüdischen Geschichte das Gepräge gibt. Ein halbes Lebensalter hindurch war Bloch Mitglied des österreichischen Reichsrates, und es gelang ahm, Idie Rednertribüne eines der ersten Parlamente Europas zum Schlachtfelde zu machen, wo er seine siegreichen Kämpfe gegen die gehässigste und roheste Form des Antisemitismus ausfocht. Mit der Erledigung von August Rohling hat Bloch sich ein unverwelkliches Ruhmesblatt in der neuern Geschichte des Judentums erworben. Wer diese Tat würdigen will, muß die Zeit der achtziger Jahre lebendig vor .sich auferstehen lassen, wie sie in dem ersten Bande von. Blochs „Erinnerun- .ge n aus meinem Leben"2) geschildert ist, einem der schönsten und erquickendsten Bücher, die unsere Literatur aufzuweisen hat. Im Jahre 1882 schwebte über der ganzen Judenheit der Tisza-Eszlarer Ritualmordprozeß, der von den großmächtigsten Kreisen des Hochadels und einem Teil des Hochklerus eingefädelt worden war; das Werkzeug war der von Münster nach Prag als Professor der hebräischen Altertümer berufene August Rohling, Verfasser des „Talmudjuden". Von dieser Broschüre sagte Franz Delitzsch, sie habe zur Verbreitung des antisemitischen Giftes im deutschen Volke mehr beigetragen, als alle antisemitischen Hetzversammlungen zusammengenommen. Sie erlebte binnen kurzem 17 Auflagen, was vor 40 Jahren so viel bedeutete, wie heute 50. Alsbald begann die Ernte auch in Österreich, wo der „Talmudjude" in-200 000, „Das Menschenopfer des Rabbinismus" in 175 000 Exemplaren binnen kurzer Zeit verbreitet wurden. Dr. Joseph Samuel Bloch, damals Rabbiner einer kleinen Wiener Vorstadtgemeinde, Florisdorf, nur einem kleinen Kreise von Fachgelehrten bekannt durch seine hervorragenden Arbeiten zur jüdischen Geschichte, — war der einzige, der den Mut hatte, den mächtigen Feind zum offenen Kampf herauszufordern. In einer Reihe von Artikeln beschuldigte er Rohling der Charlatanerie, des Plagiats, der Fälschung, der Bereitschaft zum Meineid — Rohling hatte sich den Gerichten erboten, unter Eid auszusagen, daß der Talmud den Juden den Gebrauch von Christenblut vorschreibe und daß der Sohar den Christenmord als ein gottgefälliges Werk hinstelle! — Der k. k. Universitätsprofessor wurde von seinen vorgesetzten Behörden und der öffentlichen Meinung gezwungen, gegen Bloch die Ehrenbeleidigungsklage anhängig zu machen. Das Gericht lud auf Antrag der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft zwei der hervorragendsten Kenner der i) Verlag Benjamin Harz, Berlin-Wien 1923. -') Verlag R. Löwit, Wien 1921. hebräischen und speziell der rabbinischen Literatur in Deutschland, Theodor Nöldecke in Straßburg und August Wünsche in Dresden, als Sachverständige, die die von Rohling zitierten Stellen aus dem Talmud, Sohar und Schulchan Aruch untersuchen sollten. Zwei volle Jahre dauerte die Arbeit der Sachverständigen (1883—1885). Das Gutachten fiel für den Kläger vernichtend aus. Nun begann ein Kesseltreiben, um die öffentliche Verhandlung zu vereiteln und den Prozeß einschlafen zu lassen. Bloch, der Abgeordneter war, mußte förmlich darum kämpfen, daß seine Immunität aufgehoben wurde und er dem Gericht ausgeliefert werden konnte. Die öffentliche Verhandlung wurde schließlich auf den 19. November 1885 anberaumt — aber am 20. Oktober benachrichtigte das Gericht den Angeklagten, daß der Kläger seine Klage zurückgezogen habe! Er wurde zur Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. Zwei volle Jahre hatte die Welt — man kann das ohne Übertreibung sagen — mit größter Spannung auf diesen Prozeß gewartet. Nun sollte endlich von allen „Geheimnissen der Juden" der Schleier weggezogen werden. Das jüdische Blutritual, die schauerlichen Gesetze gegen die „Gojim" und alle die andern schönen Dinge sollten ans Tageslicht gezerrt werden. — von Rohlings starker "Hand. Und nun war der Held im letzten Augenblick mutig ausgekniffen. Welch eine Enttäuschung! Er hatte zugegeben, daß er ein Scharlatan, ein Fälscher und ein meineidiger^ Schuft sei. Er war erledigt. Das Unterrichtsministerium entfernte ihn vom Lehramt. Er war für die Universität ein europäischer Skandal geworden. Ein paar Jahre lang war auch der Ritualmord aus. dem antisemitischen" Arsenal verschwunden, aber es gibt gewisse unsaubere Insekten und Kriechtiere, die lange Jahre ein zähes unterirdisches Leben führen können. Rohling gehört zu dieser Sorte. Er setzte unter verschiedenen Decknamen seine Wühlarbeit fort, und seine Helfershelfer, Ecker, Gildemeister und Brimann, ruhten ebenfalls nicht. Seitdem der Weltkrieg den Antisemitismus zu neuem Leben erwachen ließ, wurde auch Rohling galvanisiert. Der berüchtigte D i n t e r, dessen Schundroman „D i e Sünde wider das Blut", von Wilhelm II. gelobt und empfohlen, in fast einer halben Million Exemplaren verbreitet wurde, behandelt Rohlings „Werke" als unanfechtbare wissenschaftliche Quellen; der „Talmudj.ude" und alles, was damit zusammenhängt, sowie die Geisteserzeugnisse der Ecker, Gildemeister und anderer wurden erst vor kurzem, als wäre nichts, geschehen, neu aufgelegt, und Übersetzungen ins Französische und Englische mit großem Tamtam angekündigt. Darum ist es mit wärmstem Dank zu begrüßen, daß Bloch sein großes apologetisches Werk der Öffentlichkeit übergeben hat. Es werden darin alle Streitpunkte behandelt, die jemals von antisemitischer Seite gegen 'uns ins Feld geführt wurden. Gleich wie seit 200 Jahren Eisenmenger, so bildete seit 40 Jahren sein Abschreiber Rohling mit seinem „authentischen" Zitatenschatz eine unerschöpfliche Quelle für alle Verleumdungen gegen die Bücher der jüdischen Lehre. Das Gutachten der beiden deutschen Sachverständigen bietet alle diese Texte, in den Zusammenhang, aus dem sie herausgerissen worden, wieder ein-

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