Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 3)
- Language
- German
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23 Das Judentum in christlicher Darstellung 24 Ende aller Kenntnis. So in Weisheit 9X: „O Gott meiner Väter und Herr der Gnade, Der Du Alles mit Deinem Worte erschaffen hast". Sie verstanden hier with (mit) im Sinne von „in Verbindunomit, mit der Hilfe von". Im Griechischen steht ev nicht qvv. Eines der amüsantesten ist das Zitat aus 2 (4) Esra 6, 38, das sie wiedergeben durch „Dein Wort war (d. i. machte) ein vollkommenes iWerk". So lautet die autorisierte Übersetzung nach dem korrumpierten Text in dem Anhang: der offiziellen lateinischen Bibel: Im Anfang der Schöpfung sprach Gott „Fiat cadum et terra et tuum verbum opus perfectum". Die richtige Lesung, wie sie vor einem halben Jahrhundert festgestellt wurde, ist opus perfecit, „Dein Wort vollführte das Werk". Box selber hat seitdem den lateinischen Text von 4 Esra von Fritzsche (1871) abgedruckt, wo die korrekte Lesung im Jahre 1907 so leicht wie 1912 zu finden gewesen wäre, ganz zu schweigen von Hilgenfeld (1869) oder Bensly-James (1895). Wenn diese Lesart nicht in den Handschriften stände und durch keinen einzigen Kodex gestützt wäre, würde sie unfehlbar durch- Konjektur wiederhergestellt. Aus einem Mißverständnis der autorisierten englischen Übersetzung von 1611 oder aus der ebendort vorliegenden Wiedergabe einer unsinnigen Lesart in einem' lateinischen Apokryphon eine Lehre bei den Juden zu Beginn unserer Ära zu schnitzen, steht, gelinde gesagt, nicht im Einklang mit gerade der besten, unter Gelehrten üblichen Praxis." Es wird nicht ohne Nutzen sein, hier zum Schluß in Kürze den Lauf dieser langen Geschichte zu überblicken. Beginnend mit einer frühen christlichen Apologetik, in welcher die Streitpunkte die Interpretation und Anwendung von alttestamentliehen Stellen, die Erfüllung messianischer Verheißungen in der Geburt dem Leben und Tode, der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, die Gleichstellung Christi mit dem offenbarten Gott oder Engel des Herrn im Alten Testament waren, erweiterte sich im 'Mittelalter die Diskussion und nahm einen gelehrteren Charakter an, indem man sich zu beweisen bemühte^ daß christliche Lehren in der authentischen jüdischen Überlieferung — Targum, Talmud, Midrasch — oder in den' angesehensten jüdischen 'Bibelerklärern eine Stütze fanden. Im (Fortgang des Streites überwog auf beiden Seiten die Polemik über die Apologetik, indem die Kämpfer hier und dort für ihren Angriff die verwundbarsten ■ Stellen in der Sache ihres Gegners heraussuchten. Das direkte Resultat dieses Kampfes war der gegen den Talmud selbst unternommene Krieg und das Bemühen, die Zerstörung der ganzen verhaßten jüdischen Literatur herbeizuführen. Die christlichen Gelehrten, welche zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts diesem Programm der Finsterlinge entgegentraten, führten umgekehrt aus, daß diese Bücher erhalten werden müßten, weil aus ihnen, besonders aus der Kabbala, alle Lehren des Christentums, die Dreieinigkeit, die -Göttlichkeit Christi und alles übrige sich erweisen ließen als die alte esoterische Theologie der Juden selber. Die . Reformation legte den Protestanten die Aufgabe auf, auf den Heiligen Schriften allein ein vollkommenes Lehrsystem aufzubauen, und sie bemühten sich, nicht 'nur zu zeigen, daß die alte jüdische Lehre im Wesentlichen mit dem allgemeinen christlichen Dogma übereinstimmt,, sondern auch, daß bezüglich der zwischen Protestanten und Katholiken bestehenden Streitpunkte die Juden auf protestantischer Seite standen. Auf diese Weise griff ein starkes dogmatisches Interesse Platz neben dem älteren apologetischen und polemischen. Ein weitgehenderes Interesse am Studium sowohl um seiner selbst willen als auch' wegen seines Nutzens herrschte im siebzehnten und zu Anfang des {achtzehnten Jahrhunderts, und führte, wie schon genügend ausgeführt wurde, zur Schaffung einer großen Masse gelehrter Literatur über alle' Zweige der hebräischen Altertümer. Die frühere protestantische Exegese des Alten Testaments war fast ganz abhängig von jüdischen Kommentaren und Hilfsbüchern, und die Erläuterung vieler Stellen des Alten Testaments aus dem späteren jüdischen Gesetz und Brauch begann ebenfalls früh. Dasselbe geschah für das Neue Testament, besonders die Evangelien, nicht nur in Kommeniaren, sondern auch in einer Reihe beträchtlich gelehrter Werke, die speziell diesem Zwecke gewidmet waren, wie die Horas Hebraica? oder wie sie sonst heißen, und direkt oder durch Wettstein wurden diese Erläuterungen aus Talmud und Midrasch ein Teil der fortlaufenden Tradition neutestämentlicher Kommentare. In all dieser Zeit ist von christlichen Gelehrten kein Versuch gemacht worden, das Judentum in dem Zeitalter, das sie am meisten anging — sagen ...wir von der Zeit Alexanders bis zu der der Antonine — als ein Ganzes, wie es in sich selber und für sich selber war, darzustellen. Noch wandten sich diejenigen, die nach ihnen kamen, dieser vernachlässigten Aufgabe zu. Als im neunzehnten Jahrhundert das Studium des Judentums bis zu einem gewissen Grade wieder auflebte, war das treibende Motiv, das Milieu des Urchristentums darin zu finden. ■Gfrörer faßte dieses Problem geschichtlich auf, und wie wir gesehen .haben, schloß er tatsächlich seine Schilderung des Judentums jener Periode in seine kritische" ,,Geschichte des Urchristentums"" ein. Weber nahm sich vor, das System der palästinensischen jüdischen Theologie in den ersten drei oder vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung als Gegensatz zur christlichen Theologie und Religion aufzuzeigen, wie sie in gewissen zeitgenössischen deutschen Schulen gelehrt wurden. Seit Weber haben sich nur neutestamentliche Gelehrte mit diesem Gegenstand befaßt, entweder mit Bezug auf gewisse Spezialprobleme oder zu einem mehr allgemeinen Verständnis des werdenden Christentums. Boussets Religion des Judentums, welches nach seinem Titel etwa vier Jahrhunderte umfaßt und darum eine historische Behandlung verspricht, ist in Wirklichkeit — und auch in des Verfassers Absicht — nichts weiter als feine Art Hilfsbuch für den Studierenden des Neuen Testaments. Die Charakterisierung des Judentums bei Weber und seinen Nachfolgern ist auffallend verschieden von der älteren Apologetik und Polemik. Keiner der gelehrten Gegner des Judentums im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, obgleich sie die Literatur unendlich besser kannten als ihre modernen Nachfolger, ist es jemals eingefallen, daß die Rabbinen einem ,,abstrakten Monotheismus", welcher Art auch immer huldigten, oder einer