Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 25 - 26 (sequence 4)
- Language
- German
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25 Das Judentum in christlicher Darstellung 26 transzendenten Vorstellung von Gott 'als dem Absoluten, oder daß sie, menschlich gesprochen, in ihrer übertriebenen „Furcht vor Gott" ihn erhoben und verherrlichten aus seiner Welt hinaus, welche er, wie ein abwesender Eigentümer, seitdem durch Beamte verwaltet. Eisenmenger, welcher mit maßlosem Eifer alles sammelte, was er die närrischen und lästerlichen Dinge nannte, die die Juden von Gott aussagen, legte ihnen so etwas niemals zur Last. Nirgends ist, soviel ich weiß, auch nur angedeutet, daß in dieser Beziehung der jüdische üottesbegriff von dem christlichen abweiche. Ebenso ist es mit der „Gesetzlichkeit", welche für die letzten 50 Jähre die eigentliche Wesensbestimmung und der völlig ausreichende Grund zur Verdammung des Judentums geworden ist. Es ist nicht ein Gegenstand der älteren Polemik. Tatsächlich kann ich mich keiner Stelle erinnern, wo es auch nur erwähnt wird. In bestimmten Fällen werden jüdische Bräuche kritisiert und lächerlich gemacht, aber die „Gesetzlichkeit" als ein Religionssystem oder gar als das Wesen des Judentums hinzustellen hat anscheinend noch niemand entdeckt. Das ist um so bemerkenswerter, als diese Angriffslinie schon von Paulus vorgezeichnet zu sein scheinen könnte, und weil die früheren protestantischen und namentlich lutherischen Polemiker besonders scharf in dem Punkte waren wegen ihres Streites mit der katholischen Kirche über Werke und Verdienst. Was war es denn, das die „Gesetzlichkeit" ins Vordertreffen der neuen Apologetik brachte? Nicht etwa ein frisches gründliches Studium des Judentums zu Beginn unserer Ära, sondern ein neues apologetisches Motiv, das aus einer abweichenden Auffassung des Christentums seitens der neutestamentlichen Theologen entsprang, welche jetzt die Aufgabe in die Hand nahmen. Das „Wesen" des Christentums und daher sein spezifischer Unterschied vom Judentum wurde zum ersten Male in der Religion Jesu, seiner Lehre und seiner persönlichen Frömmigkeit gesucht. Der Titel von Boussets erstem Werk „Jesu Predigt in ihrem Gegensatz zum Judentum" ist das Programm der jüngeren Schule. Jesu Konflikt mit den Schriftgelehrten und Pharisäern schrieb daherfür diese Apologetik als Streitpunkt die „Gesetzlichkeit" vor; der „Vater im Himmel", die vermeintlich für Jesus und seine Lehre unterscheidende Frömmigkeit verlangte als Gegensatz im Judentum einen unzugänglichen Gott, üen Weber von seinem ganz abiweichenden Standpunkt aus angeblich "bewiesen hatte. Zum Schluß ist noch folgendes zu sagen: Wo der Gegenstand der Untersuchung die Beziehung des Urchristentums zu dem zeitgenössischen Judentum ist, mag nun das Motiv ein geschichtliches Verständnis des werdenden Christentums oder eine apologetische lAufzeigung der Überlegenheit der Religion Jesu über diejenige der Schriftgelehrten und Pharisäer sein, ist die "kritische Ordnung und Bewertung der jüdischen Quellen von viel größerer Bedeutung, als wenn man einen allgemeinen Vergleich zwischen Judentum und Christentum sich zur Aufgabe macht, oder selbst, wenn, wie bei Weber, die Vergleichung beschränkt ist auf das palästinensische Judentum der drei oder vier Jahrhunderte n. Chr. An dieser kritischen Aufgabe haben jüdische Gelehrte mit erschöpfender Kenntnis des Materials und durch philologische und historische Schulung in den letzten 30 und 40 Jahren gründliche Arbeit getan. Die Untersuchung der Komposition und der Quellen des tannaitischen Midrasch, zum Beispiel, welcher hier von oberster Bedeutung ist, hat eine Wichtigkeit vergleichbar derjenigen der Kritik der synoptischen Evangelien, und es kann vielleicht noch hinzugefügt werden, daß ihre Resultate auf einer sichereren Basis aufgebaut sind, indem äußere und innere Evidenz sich gegenseitig stützen. Für neuere christliche Autoren existiert jedoch diese ganze Kritik nicht. Sogar die Schriften selber sind ihnen nur dem Namen nach bekannt. Bousset schreibt: „Die ältesten, wesentlich halachischen Midrasche sind Mechilta (Exodus Siphra (Levit.), Siphre (Numeri, Deuteron.) lat. Übersetzung bei Ugolini, Thesaurus XIV—XV). Auf diese folgen die vorwiegend haggadischen, daher für uns wertvolleren Rabboth." Obgleich Peiies schon darüber gespottet hatte, wie es .in der ersten Auflage stand, blieb dennoch diese Note unverändert in der zweiten, vielleicht weil Bousset gar nicht die Spitze des Spottes verstand. . Nach soviel Kritik ist es eine willkommene Abwechselung, diesen Artikel mit Empfehlung eines Buches zu schließen, das nur die wichtigsten Begriffe und Ausdrücke in den Evangelien.zu erklären und zu beleuchten sucht, das aber mehr bietet, als es verspricht, und zeigt, wie viel Licht aus rabbinischen Quellen auf den Gegenstand geworfen werden kann durch einen kompetenten Gelehrten, ich meine Gustav Dalmans: Die Worte Jesu, mit Berücksichtigung des nachkanonischen jüdischen Schrifttums und der aramäischen Sprache (1898). Anhang. Da einige der besprochenen Werke selten sind, seien nachstehend die' vollständigen Titel angegeben: Forche'tus: Der volle Titel in Giustinianis Ausgabe ist: Victoria Porcheti adversus impios Hebreeos., in qua tum ex sacris libris tum ex dictis Talmud ,ac Cabbalistarum et aliorum omnium quos Hebrsei recipiunt monstratür veritas eatholicae fidei. Ex recensione R. P. Aug. Justiniani ordinis Przedicatorii, episcopi Nebiensis. hrancois Regnault. /Paris' 1520, 188 Seiten in Folio. Gala tin us. . Opus toti ehristianae Reipublicae maxime utile, de arcanis eatholicae veritatis contra ob« stinatissimam nostrae tempestatis perfidiam: ex Talmud, aliisque hebraicis libris nuper excerptum et quadruplici linguarum eleganter congestum. Schließt Fol. CCCXa: Impressum vero Orthonse maris, summa cum diligentia per Hieronymum Suncinum: Anno christianae nativitatis MDXVIII quintodeeimo kalendas martias. Über eine imaginäre Ausgabe Bari 1516 vgl. den in Note 10 angeführten Artikel. Raimund us Martini. Pugio Fidei Raimundi [Martini Ordinis Praedieatorum adversus Mauros et Judaeos; nunc primum in "lucem editus .. . Ope et Opera Jllustrissimi ac Reverendissimi D. Episcopi Lovensis (Franciscus Bosquet), Illustrissimi Praesidis D. de Maussac» Comitis Consistoriani. Cum observationibus Domini Josepho de Voisin Presbyteri, ex-Senatoris Burdegalensis. Paris 1651.