Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Zwei Parochet
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Zwei Parochet 18 himmlischen Lobgesänge ertönen zu lassen. Für sie war dieses Bethaus das höchste Heiligtum, das mit Gott und seiner heiligen Thora für immer verschmolzen ist. Sie dachte sich den Tempel zu Jerusalem sehr schön, aber daß er schöner als diese alte Holzsynagoge war, konnte sie sich nicht vorstellen. Breine liebte diese Synagoge mit ihrer tiefen, heiligen Herzensliebe. Für sie war das Gotteshaus ein lebendiges Geschöpf mit natürlichen Gefühlen, ein Wesen, das lieben und hassen, Güte und Zorn ausströmen konnte. Wie sie die Synagoge mit aller Innigkeit liebte, war sie auch überzeugt, die Liebe tder Synagoge zu genießen. Sie besaß keinen Sohn, der einst nach ihrem Tode das Kaddischgebet sprechen könnte, aber sie hoffte bestimmt, daß ihre geliebte alte Synagoge ihr Schutzgeist sein und für sie einen Platz ,im Paradiese auswirken wird. Als ihr Gatte, der Schamesch Reb Jisrael, starb, flehte sie an seinem Grabe, er solle in der Welt der Ewigkeit für sie bezeugen, daß sie ihr ganzes Leben der heiligen Synagoge gewidmet hat. Die ältesten Leute der Stadt konnten sich nicht erinnern, so einen regenlosen und furchtbaren Herbst jemals erlebt zu haben, wie im Jahre der großen Feuersbrunst. Den ganzen Monat Elull hindurch war der Himmel mit grauen Wolken bedeckt, aber' kein Tropfen Regen fiel auf die Erde. Dagegen war die Zeit reich an Winden. Namentlich am Rüsttage des Jörn Kippur stürmte es furchtbar. Der starke Wind warf beinahe die Menschen auf ,. der Straße um, und nur mit großer Anstrengung konnte die Gemeinde sich im Gotteshause versammeln. Als der Chasan die Kol-Nidre-Melodie anstimmte, verschlang der wütende Sturm draußen seine Worte. Kaum war das Kol-Nidre-Gebet zu Ende, da hörte man plötzlich von der Gasse ein herzzerreißendes Geschrei: „Es brennt! Helfet, rettet!" Bald zeigte sich an den Fenstern des Gotteshauses der unheimliche Abglanz einer nahen Flamme. Die Leute flüchteten sich aus der Synagoge und sahen voller Schrecken, daß draußen auf dem Synagogenplatz ein Heuscheuer in Flammen stand. Der Speicher glich einer Feuergarbe, die vom Winde auseinandergerissen und nach allen Teilen der Stadt getragen wurde. Bald griff "das Element um sich, und alle Häuser nah und fern fingen Funken. Klagend und jammernd eilten die Betenden aus der Synagoge in ihre Häuser, um die Kinder und das bißchen Eigentum zu retten. Breine lief, gleich den andern Frauen, aus der Synagoge, sah ihr Häuschen, das dem Feuer nahe war, in Gefahr, rettete eiligst ihre armselige Habe, band die Sachen zu einem großen Bündel und trug es aus dem Häuschen. An die Synagoge dachte Breine im ersten Moment gar nicht. Die brennt doch nicht, kann ja nicht brennen. Sie war so fest davon überzeugt, daß sie im Sinne hatte, ihre Sachen in der Synagoge unterzubringen. Als sie aber - aus ihrem Häuschen hinauskam, sah1 sie, wie die Wände der Synagoge voll Rauch standen und daß die Schindeln der Dachbedeckung bereits Feuer gefangen hatten. Plötzlich ward ihr zur schrecklichen Gewißheit, daß die alten zerrissenen Reste der heiligen Bücher, die auf dem Boden ruhten, schon in Flammen sind. Breine blieb erstarrt stehen, sie wollte nicht glauben, was ihre eigenen Augen sahen. Wie kanndenn das Feuer die Herrschaft über das heilige Gotteshaus gewonnen haben? Eine Weile stand sie da wie versteinert, und mit weitgeöffneten Augen starrte sie zur Synagoge. Plötzlich warf sie das Bündel aus ihren Händen, breitete ihre Arme aus, und mit einer Stimme höchster Verzweiflung fing sie an zu schreien: — Die Synagoge brennt, helfet, Juden, rettet euer Heiligtum! Ihr Geschrei rief einige Talmudjünger herbei und einen „Parusch", einen Mann, der, sich vom Alltagsleben abwendend, seine ganze Zeit studierend in der Synagoge zubrachte. Sie wollten in die brennende Synagoge dringen,.um die heiligenThorarollen und die Bücher zu retten. Als sie aber, die Türe öffneten, schlug ihnen ein dicker Rauch entgegen. Sie sprangen zurück, und einer von ihnen rief aus: — Zu spät, man kann nichts mehr retten!! Breine stand noch immer, der Synagoge zugewandt, wie entseelt. Sie konnte noch immer nicht begreifen, was da vorging. In ihrer Vorstellung war das Unglück so groß, daß die menschlichen Sinne es gar nicht fassen können. Furchtbarer als die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem erschien ihr die Vernichtung des geliebten Heiligtums. Was soll werden, wenn dieses Gotteshaus abbrennt? Wie wird die Gemeinde, wie wird die Welt noch bestehen können? Und sie, Breine selber, was soll aus ihr werden? Wie wird sie ohne die alte Synagoge leben und atmen können?- Und plötzlich wurde es ihr zur schrecklichen Klarheit, daß das Ungeheuerlichste' geschehen ist. Die heilige Synagoge, welche vor Hunderten von Jahren fertig gefunden wurde und die zu allen Zeiten vor Feuer gefeit war, brennt nun wie jeder gewöhnliche Holzbau. Und in einigen Stunden wird von der ganzen alten Herrlichkeit nichts übrigbleiben, als ein Berg glühender Kohlen und Asche. Breine fühlte, daß sich ein heißer Strom über ihren ganzen Leib ergoß. Aus dem Herzen entflammte ein Gefühl der Begeisterung und Hingabe, und nicht an sich denkend, schrie sie; in heiliger Verzückung: