Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Zwei Parochet
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 5)
- Language
- German
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19 Das Judentum in christlicher Darstellung 20 — Wenn die Synagoge brennt, will auch ich verbrennen! Und sie sprang vor durch den stickigen Rauch, der ihr wie eine Säule entgegenschlug, dräng in das Gotteshaus und warf sich dem Rauch entgegen. Die alte Synagoge brannte .wunderbarerweise doch nicht ab. Als der Brand bereits die halbe Stadt umfaßt hatte, kam plötzlich ein starker Regen vom Himmel. Sintflutartig prasselten die Ströme herab, und in kurzer Zeit war die Feuersbrunst erloschen. Von der Synagoge brannte nur das Dach ab, und.die Wände waren von außen ein wenig geschwärzt. Das Innere blieb ganz unversehrt. Als die Gemeinde sich vom Schrecken erholt und etwas beruhigt hatte, drang man in die Synagoge. Dort fand man Breine vom Rauch erstickt. Mit ausgebreiteten Armen lag sie auf der Erde vor der heiligen Lade. Man zählte sie zu den Märtyrerinnen, die sich für eine heilige Sache opferten, und man bestattete sie mit großen Ehrbezeugungen.. Um ihr Andenken zu verewigen, machte man aus ihren Kleidern ein Parochet. Damit behängt man bis heute die heilige Lade am Versöhnungstage. DAS JUDENTUM IN CHRISTLICHER DARSTELLUNG Von George Foot Moore, Professor an der Harvard-Universität Cambridge (Maas.) Autor. Übersetzung aus dem Englischen von Rosalie Perles (Fortsetzung.) In Wahrheit faßte Bousset seine Aufgabe niemals als Historiker auf. Es war nicht das Judentum als eine Religion, sondern das Judentum als Hintergrund, Umrahmung, Quelle und Folie für das werdende Christentum, was er im Sinne hatte, mit einem starken sekundären Interesse an dem „religionsgeschichtlichen Problem", die Beziehungen des Judentums zur. babylonischen Religion und besonders zum Zoroastrismus. Weil er zu diesen beiden Zwecken das geeignetste Material in den Apokryphen und Pseudepigraphen und besonders in der apokalyptischen Literatur fand, machte er diese zu seinen Hauptautoritäten. Noch ein anderer Grund lag für seine Vernachlässigung rabbinischer Quellen vor. Er hatte sich nur aus zweiter Hand mit ihnen bekann tgemacht, und auch das nur auf ganz oberflächliche Art. Man braucht nur das halbe Dutzend Seiten zu lesen, die er der „späteren Literatur" in seinem Kapitel „die Quellen" widmet, um zu erkennen, daß selbst das, was er über dieselben wußte, nachlässig und verständnislos aus den bibliographischen Darstellungen zusammengetragen war. Die einzige Fußnote (2) auf Seite 43. (wiederholt in der zweiten Auflage Seite 47 f., mit der Verbesserung eines kleineren durch Perles aufgezeigten Irrtums) ist ein Zeugnis für Inkompetenz auf diesem Felde, das um so bezeichnender ist. als er doch Schürer in Händen hatte. Es ist nicht überraschend, daß jüdische Gelehrte das Werk hart kritisierten. Sie hatten es leicht, dem Verfasser entsetzliche Schnitzer nachzuweisen, wenn er sich gelegentlich auf das hebräische Gebiet verirrt, so wenn er (Schlatter folgend — der Blinde vom Blinden in den Graben geführt — s. Perles, „Boussets Religion des Judentums" S. 15) „vertrauenswürdig" in Sachen des Zehnten u. a. MDemai 22 durch „gläubig" wiedergibt und in eine Erörterung über den Glauben aufnimmt. Noch kann es wundernehmen, wenn Perles und andere sich in für Bousset unangenehmer Weise über seine rabbinische Gelehrsamkeit ausließen51). Der Ton von Boussets oratio pro domo sua ist nicht höflicher, und wie es oft mit Verteidigungen geht, machte er eine schlechte Sache nur noch schlimmer durch Eintreten für dieselbe. Bousset zitiert nichtsdestoweniger häufig die Äußerungen von Rabbinen, besonders wenn sie mit seinen primären Quellen zusammentreffen, indem er den unvermeidlichen Weber aus Bachers „Agada des Tannaiten" und aus Wunsches Übersetzungen und, in beschränktem Maße, aus Da Im ans „Worten Jesu" ergänzt. In nicht wenigen Fällen zeigt die Deutung, die er ihnen gibt, und der Gebrauch, den er von ihnen macht, wie gefährlich das Zitieren von Zitaten ist, und bestätigt aufs nachdrücklichste die Beobachtung, daß die Wege des Midrasch für jeden unverständlich sind, der sich nicht durch gründliche Lektüre der Originaltexte in ihrem Zusammenhang in dieselben hineingelesen und sich etwas wie einen midraschischen Geist angeeignet hat. Die ganze Pointe, dep Sinn und Grund seiner Deutungen sind oft unmöglich in der Übersetzung wiederzugeben oder dem Uneingeweihten in Noten zu erklären, welche als absurd erscheinen lassen das, was in der midraschischen Exegese selbstverständlich ist. Von Boussets allgemeiner Stellungnahme zum Judentum und seinem Urteil darüber ist schon genug gesagt worden. Es ist nur nötig hinzuzufügen, daß es in seinem größeren und späteren Buche^ im wesentlichen unverändert bleibt, noch immer beherrscht durch den Gegensatz zu der Lehre Jesu. Die zweite Ausgabe (1906) ist in mancher Beziehung eine Verbesserung der ersten. Der ursprüngliche Plan, der „die Entwicklung der jüdischen Frömmigkeit zur Kirche" in den Vordergrund rückte, rief den Protest von Christen hervor, welche meinten, die Entwicklung zu einer Kirche würde da zu einem Rückschritt gegenüber der Religion des Alten Testaments gestempelt, und obgleich^der Verfasser die Richtigkeit seines Standpunktes verfocht, gab er doch seine höchst gekünstelte Dispo- 51) So denkt er, ,daß die Sprache der Talmude in der Bemerkung verrät: Die alttestamentliche Sprache aramäisch ist. Selbst auf biblisch-hebräischem Gebiete hat noch kein Wort für Schöpfer und muß den Mangel fehlte ihm die rechte Grundlage, was sich überzeugend durch Partizipialkonstruktionen ersetzen." (S. 412.)