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Ost und West · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1923) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
Article
Zwei Parochet
Date
1923-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 3)
Language
German
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15 Zwei Parochet 16 Mardochai-Haman ließ sich durch nichts zurück: schrecken. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief: — Ich fordere Reb Nachmann auf, selbst zu erklären, ob seine Verhältnisse es gestatten, hundert Gulden zu zahlen; Sagt er „ja", dann trete ich zurück und überlasse ihm die Ehrung! Im |großen Betraum herrschte wieder Totenstille, und alle Blicke wandten sich Reb Nachman zu. Als Reb Nachman die letzten Worte Mardochai- Hamans hörte, erhob er sich hastig von seinem Platze u'nd wollte etwas erwidern. Aber plötzlich ging ein Zucken durch sein Gesicht, er schrumpfte in sich zusammen, ließ den Kopf hängen, und wie besiegt und verurteilt ließ er sich auf seinen Platz nieder. Mardochai-Haman stand mit Siegermiene auf 'dem Almemer, und erhobenen Hauptes rief er dem Synagogen diener in gebieterischem Tone zu: — Ruf aus, daß die Petichat Neiliah Reb Mardochai-Benzes für hundert Gulden zugefallen ist. Reb Nachmans -Frau, Siphra-Deborah, die ihren Platz inder Frauenabteilung in der ersten Reihe hatte, verfolgte bebenden Herzens von der ersten Minute an den Kampf zwischen ihrem Gatten und Mardochai-Haman. Sie durchlebte dieselben Gefühle wie Reb Nachman, Sie wußte, daß. ihr Gatte nicht soweit gehen durfte, und doch zitterte sie vor dem Gedanken, daß. der Gegner siegen und ihrem Gatten die Ehre rauben könnte. Jedesmal, wenn Reb Nachman einen Gulden mehr bot, nickte sie zustimmend mit dem Haupt, als wollte sie andeuten, sie nehme einen Teil der Verantwortlichkeit auf sich. Als Mardochai-Haman den letzten Trumpf gegen seinen Gegner ausspielte, und als Reb Nachman besiegt und niedergeschlagen zusammensank, blieb Siphra-Deborah wie erstarrt stehen. Aber bald gewann sie wieder die Herrschaft über sich, und schnell entschlossen fing sie an, sich ihres Schmuckes zu entblößen. Sie nahm das Geschmeide von ihrem Halse, streifte die Ringe von den Fingern und entfernte die Ohrringe von den Ohren. All ,diese kostbaren Diamanten, Perlen und Rubinen barid sie in ein Tuch, näherte sich dem Fensterchen, •das die Frauenabteilung von der Männerabteilung trennte, warf es in die (große Halle und rief: — Alle meine Schmucksachen gebe ich her für die Peticha meines Mannes! Die Gemeinde im Gotteshaus verstand anfangs nicht, was vorgefallen ist. Bald aber trat ein junger Mann aufs Almemer und erklärte: — Reb Nachmans Frau spendet ihren ganzen Schmuck, damit die Petichat Neillah für ihren Mann bleibt. Er öffnete das Tüchlein und zeigte der Gemeinde all die Kostbarkeiten. Eine gewaltige Begeisterung erfüllte die Gemeinde. Man hörte laute Rufe der Freude und der Genugtuung über Reb Nachmans Sieg und Mardochai-Hamans Niederlage. Mardochai-Haman war wie betäubt, und beschämt murmelte er vor sich: — Wenn die Sache so steht, dann trete ich die Petichat Neillah an Reb Nachman ab. Aber niemand fragte mehr nach seinem Verzicht. Am Tage nach dem Jörn Kippur wurde eine Gemeindeversammlung zur Besprechung der Angelegenheit einberufen. Man stellte fest, daß die Schmucksachen zehnmal meh'r als hundert Gulden wert sind, und es wurde vorgeschlagen, Reb Nachmans Frau die Wertsachen zurückzugeben. Diese aber weigerte sich, die Schmucksachen zurückzunehmen, und meinte: „Was man für eine heilige Sache gespendet hat, das nimmt man nicht zurück!" Dsrauf hat die Gemeindeversammlung einen Beschluß gefaßt, daß, solange Reb Nachman lebt, die Petichat Neillah ihm gehört, ohne jede weitere Zahlung. Ferner beschloß -die Versammlung, daß die Schmucksachen nicht veräußert, sondern zu einem Parochet mit Inschrift verarbeitet werden sollen. Dieses Parochet soll die heilige Lade am Versöhnungstag während des Neillahgebetes zieren. Die ganze Geschichte und die Beschlüsse wurden dem Gemeindepinkas zum ewigen Gedenken einverleibt. , II. Breine, die Synagogendienerin, wurde geboren und verbrachte ihr ganzes I^ben in der Atmosphäre des Synagogenhofes, in eirfern kleinen Häuschen, das die Amtswohnung des Synagogendieners bildete. Breines Vater war bereits1,'Schamesch in der alten Synagoge, und als er starb, ging dieses Amt auf seinen Schwiegersohn, den Gatten Breines, über. Breine war eine stille, fromme Frau. Sie kannte viele schöne Erbanungsbücher, und sie verstand es, sie mit solcher Inbrunst und Begeisterung vorzutragen, daß die Zuhörerinnen in Tränen zerflossen. Sie wußte auch viele fromme Geschichten zu erzählen und namentlich alle Legenden, die sich an die alte Synagoge knüpften. Sie erzählte, daß die Synagoge nicht erbaut, sondern aus der tiefe der Erde ausgegraben worden ist. Als man dieses seltene Gotteshaus fand, saß darin *ein alter Mann mit langem schneeweißen Bart, in seine heiligen Bücher vertieft. Das war der Prophet Elijahu. Sie wußte auch, daß diese Synagoge vor Feuersbrunst gefeit ist. So oft auch das Feuer die Stadt heimgesucht hatte, die Synagoge blieb immer wie durch ein Wunder verschont. Sie konnte auch genau die Zeit angeben, wann die Toten sich in diesem Gotteshaus zum Gebete versammeln, und wann die Engel Gottes hier herabsteigen, um ihre

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