Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Zwei Parochet
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 13 - 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584113-2584114-2591748--18584-2591799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
13 Zwei Parochet 14 von allerhand Mißgeschicken heimgesucht. Einmal entstand ein Feuerschaden, das andere Mal fiel eine große Forderung aus, weil der Schuldner bankerott war. Wieder einmal stürzten die Waren im Preise, und er mußte sein Lager mit großem Verlust verkaufen. So ging es von Jahr zu Jahr immer trauriger. Das Geschäft mit dem Auslande hörte bald gänzlich auf, und Reb Nachman sah sich1 gezwungen, seine Agenten und seine Diener zu entlassen und sogar den Haushalt sehr einzuschränken. Trotzdem war -er mit allen Opfern bestrebt, die Vornehmheit nach außen zu wahren und die Wohltätigkeitsspenden und die kostspieligen Ehrungen in der Synagoge fortzusetzen. In der Stadt war es zwar kein Geheimnis mehr, daß Reb Nachmans Reichtum dahin war, trotzdem hat niemand das Zutrauen zu ihm verloren, und man begegnete ihm mit der alten Verehrung. In derselben Zeit, wo es mit dem Reichtum Reb Nachmans immer mehr abwärts ging, wuchs der Wohlstand eines neuen Gemeindekrösus. Es war -ein junger Mann, der Sohn eines ehemaligen Dieners Reb Nachmans. Er hieß mit richtigem Namen Mardochai Benzes, aber wegen seiner Bosheit und Roheit nannte man ihn allgemein Mardochai- Haman. Als er sehr reich wurde, fing er an, die Rolle eines Millionärs zu spielen. Er kaufte sich in •der Synagoge einen Platz in der ersten Reihe, gab reichliche Spenden und mischte sich in allgemeine Angelegenheiten. Er gab sich alle Mühe, Reb Nachman nachzuahmen. In der Gemeinde merkte man, daß das Streben dieses Emporkömmlings dahin ging, Reb Nachmans Platz einzunehmen und ihm den Rang des Gemeindeangesehensten streitig zu machen. Das verdroß alle, aber — was war dagegen zu machen? Wer das Geld hat, hat auch die Macht. Als nun der Versöhnungstag kam und der alte Synagogen dien er vor dem Neillahgebet das Almemer bestieg und im singenden Tone seinen üblichen Spruch „Vier Goldgulden für Petichat Neillah!" ertönen ließ, hörte man plötzlich eine heisere Stimme als Antwort rufen: — Fünf Goldgulden! Durch das Gotteshaus ging ein Beben des Zornes. Alle wußten, von wem der Ruf kam, und alle fühlten, der Schritt bedeute, es stände mit Reb Nachman bereits so schlecht, daß Mardochai- Haman jede Rücksicht für überflüssig hält, ihn vor der ganzen Gemeinde demütigen will, um seinen Platz einzunehmen. Eine große Aufregung bemächtigte sich der Gemeinde über diese Frechheit des neuen Plutokraten, aber niemand wagte es, sich in diese Angelegenheit zu mengen. Wenn zwei Löwen miteinander kämpfen, muß man sich fernhalten. Auf 'dem Antlitz Reb Nachmans zeigte sich ein gequältes Lächeln. Er spürte den Schlag seines Gegners, wollte sich aber nicht ergeben, und er rief zum Almemer hinauf: — Sechs Goldgulden. — Zehn Gulden! — schrie. Mardochai-Haman« Reb Nachman wurde bleich. Zehn Gulden waren für ihn eine wichtige Summe. Aber er meisterte seine innere. Angst und steigerte noch einen Gulden: — Elf . . . — Fünfzehn Gulden! Und es begann eine tolle Steigerei. Reb Nachman erhöhte immer den Betrag um einen und Mardochai-Haman um vier Gulden. Reb Nachman fühlte, daß er zu weit gegangen ist, und daß. es ihm sehr schwer fallen wird, diese gelobte Summe zu bezahlen. Aber er konnte nicht mehr zurückstehen. Es ging über seine Kraft, dem Gegner, einem frechen, unwissenden Emporkömmling, eine Auszeichnung zu überlassen, die fünfzig Jahre hindurch sein Vorrecht war. Und er erhöhte im heißen Kampfe immer weiter sein Angebot. — Hundert Gulden! ' Reb Nachman hatte schon längst den Boden unter den Füßen verloren, bleich wie Kalk stand er da, der Ohnmacht nahe. Nur seine Lippen bewegten sich gegen seinen Willen, und sie sprachen: — Hundertundein Gulden. Im Gotteshause herrschte eine beängstigende Stille. Alle verstanden, daß. Reb Nachman mit seinem so hohen Angebot sich opferte, um seine Ehre zu retten. Und im selben Maße, wie das Mitgefühl für den alten Patrizier wuchs, steigerte sich die Empörung gegen den protzigen Emporkömmling wegen seiner Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit. Noch schwieg man, aber das Maß war voll, und ein Tropfen hätte genügt, um die allgemeine Aufregung in offene Empörung und wilden Streit zu wandeln. Mardochai-Haman kümmerte sich wenig um die allgemeine Stimmung. Als er das letzte Angebot Reb Nachmans hörte, riß er sich von seinem Platze los, bestieg das Almemer, klopfte, Ruhe heischend, auf den Tisch und schrie: — Gemeindemitglieder! Ich erkläre hier öffentlich, daß Reb Nachman nicht das Recht hat, dieses Angebot zu machen, weil er nicht fähig ist, diesen Betrag zu zahlen! Eine solche Demütigung des alten, allgemein verehrten Reb Nachman konnte die Gemeinde nicht mehr dulden. Alles sprang von den Plätzen auf und eilte zum Almemer, und drohende, stürmische Rufe wurden laut: — Unerhörte Frechheit! —. Niederträchtige Beleidigung! — Roher Patron! — Unbarmherziges Scheusal!