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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 217 - 218

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-07-01
Page
Seite 217 - 218 (sequence 8)
Language
German
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217 Das Judentum in christlicher Darstellung 218 zu 'beweisen, daß der Charakter und die Lehren Jesu zu erklären seien, nicht als wenn sie ihre Wurzeln im Judentum hätten, sondern 'einzig und allein als Gegensatz zum Judentum in jedem wesentlichen Punkte. Das Buch ist eng verwandt mit B a 1 d e n s p e r g e r, „Das Selbstbewußtsein Jesu im Lichte der messianischen Hoffnungen seiner Zeit" (1888), und Johann Weiß, „Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes (1890)49), und bemüht sich gleich ihnen seine Probleme zu lösen, indem er die Lehre Jesu zu der Religion in Beziehung bringt, in der er aufgewachsen ist. Die Jdee war nicht so neu, wie manche Ankündigungen der „religionsgeschichtlichen Methode" glauben machen wollten — kein Philologe würde jemals zugegeben haben, 'daßes überhaupt eine andere Methode gebe —, aber es war wenigstens potentiell fruchtbarer als eine Fortführung in infinitum der inneren Kritik und Exegese der Evangelien. Ob dies jedoch' gute oder schlechte Früchte zeitigen sollte, 'das hing von der Kenntnis des Judentums ab, weichte die Forscher für Ihren Gegenstand mitbrachten. In Boussets Fall, wie bei Baldensperger und Weiß, war diese Kenntnis eine quantite negligeäble. Es hätte nicht anders sein können: ein Privatdozent mit 27 Jahren, der kaum einen Anlaut genommen mit seinen Vorlesungen über Idas Neue Testament, wäre ein Wunder, wenn er Ivon sich1 aus irgend etwas besessen hätte, was man richtig hätte Kenntnis nennen können auf einem so entlegenen und schwierigen Gebiete. Was indessen Bousset an 'Kenntnissen fehlte, das ersetzte er durch1' die apodiktische Selbstsicherheit seiner Meinungen und den Mangel an tatsächlichen Beweismaterial, durch' eine wirkungsvolle Anwendung dessen, was die Psychbiogen Suggestion nennen, indem unerwiesene Behauptungen immer wieder wiederholt werden, so daß sie schließlich dem1 Leser als selbstverständlich erscheinen oder als etwas, was er schon immer gewußt hat. Der fundamentale Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum liegt, wie Bousset behauptet, in der Vorstellung von Gott und im Gefühl ihm gegenüber. Der Gott des Judentums jener Zeit war weitabgewandt, überweltlich, außerweltlich, transzendent. „Die prophetische Rede von der Erhabenheit und Einigkeit Jehovas wurde das Dogma eines abstrakten, transzendenten Monotheismus". So wird' Seite für Seite immer wieder wiederholt. „Gott ist nicht mehr in der Welt, die Welt nicht mehr in Gott". Zum Beleg dafür wird der Leser gewöhnlich auf Baldensperger verwiesen und von Baldensperger meistens auf die apokalyptische Literatur. Im Gegensatz dazu „kommt das,. was ganz und gar orginal und wahrhaft schöpferisch in der Predigt von Jesus ist, am stärksten., und reinsten hieraus, wenn er Gott als den himmlischen Vater verkündigt". „Das spätere Judentum (das heißt das zur Zeit Jesu) hätte weder dem Namen nach, noch tatsächlich den-Glauben an Gott-Vater;. .es konnte sich1 unmöglich dazu erheben". Und so wie die ganze „Gesetzesfrömmigkeit" im Judentum sich ■ 49) Es ist nicht bedeutungslos, ^daß alle diese Autoren: Schürer, Baldensperger/ Weiß, Bousset neutestamentliche Gelehrte waren und der älteste von ihnen kaum älter als 30 Jahre. Schürer war der einzige unter ihnen, der es für nötig hielt, etwas über die rabbinischeir Quellen zu wissen, und er fand in Surenhusius' Mischna gerade das rechte Material zum Erweis der .„Gesetzlichkeit". Weiter ist er nie gegangen;- die anderen gingen nicht einmal so weit. auf seinem immer mehr transzendenten Gottesbegriff aufbaut, ist auch' die neue durch Jesus eingeführte Anschauung die Grundlage eines ganz neuen Typus von Frömmigkeit. Das Symptomatische an diesem Buch ist die stillschweigende Voraussetzung, daß der spezifische Unterschied zwischen Christentum und Judentum in der. Lehre Jesu zu suchen ist. Die christliche Theologie hat dies immer zu finden behauptet in. der Lehre von der Person und dem Wirken Christi, und so weit es die Lehre Jesu betrifft, in dem, was er über seine persönliche Beziehung zu Gott und seine Mission in der Welt sagte, doch nicht in dem, was (er über Gott dachte und lehrte, noch in der Art seiner persönlichen Frömmigkeit und ihrer angeblichen Fortdauer im Christentum. Der Historiker kann die Behauptung, daß die Vaterschaft Gottes die Kardinallehre des Christentums und der Kardinal unterschied vom Judentum sei, nur als eine falsche Darstellung' sowohl des historischen Christentums als auch des Judentums charakterisieren. Ich habe mich bei diesem kleinen Buch länger aufgehalten, als es nach seiner inneren Bedeutung verdient, weil es die Voraussetzungen zeigt, welche Boussets späterem und größerem Werke zugrunde liegen, in welchem er das Judentum dieses Zeitalters als ein Ganzes darzustellen unternimmt. Der Tadel, welchen die jüdischen Gelehrten einstimmig über „die Religion des Judentums" ausgesprochen haben, lautet, daß der Autor als primäre Quellen fast ausschließlich die Schriften benutzt hat, die gewöhnlich Apokryphen und Pseudepigraphen genannt werden, mit einer besonderen" Vorliebe für die apokalyptischen Schriften, und erst in (zweiter Linie lind fast nur zufällig diejenigen Schriften, welche die anerkannten und autoritativen Lehren der Schule und die mehr populäre Unterweisung der Synagoge repräsentieren. Das ist genau (dasselbe, als wenn einer zur Danstellung des Urchristentums unterschiedslos als Hauptquellen die apokryphischen Evangelien und Akten, die Johannes- und Petrus-Apokalypse und die clementinische Literatur benutzen würde50). Bousset verteidigt sein Vorgehen mit zwei Gründen. Erstens beschränkt er sich methodisch auf das Zeugnis von Schriften, welche annähernd zeitgenössisch [mit dem Neuen Testament waren, während die ältesten der Bücher, in welchen die rabbinische Lehre aufbewahrt ist, vom Ende des zweiten Jahrhunderts unserer Ära datieren, die also von der Zeit Christi nicht nur durch mehrere Generationen getrennt sind, sondern auch durch zwei große Krisen, im Judentum, die Zerstörung Jerusalems und den Krieg unter Hadrian, während die Masse der' Literatur "aus' Sammlungen besteht, die einige Jahrhunderte später, gemacht worden sind. Das einzige Kriterium, durch welches festgestellt werden kann, was von ihrem umfangreichen Inhalt wirklich gelehrt wurde in der Zeit Christi, ist das ■ 50), Diese Parallele hat sich den Kritikern oft aufgedrängt: Felix P erl es (Boussets Religion des Judentums kritisch untersucht; Berlin 1903, S. 23) zitiert aus Chwoison, Das-letzte Passahmahl Christi, 1892, S. 71: „So wenig, man das Wesen des Christentums aus der-Apokalypse Johannis oder aus apokryphischen Evangelien kennenlernen kann, ebensowenig kann man das Judentum zur Zeit Christi aus dem Buche Enoch, dem Buche der Jubiläen und ähnlichen Schriften erforschen."

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