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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 215 - 216

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-07-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 7)
Language
German
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215 Das Judentum in christlicher Darstellung 216 Jesu Kritik der Schriftgelehrten und Pharisäer zu erklären und zu rechtfertigen. Die Folge der Loslösung dieser Gegenstände von ihrer Stelle im Ganzen der jüdischen. Religion Smuß den irrigen Eindurck erwecken, daß das Gesetz und die Messiashoffnung nicht allein, wie Schürer sagt, die beiden Pole des Judentums sind, sondern daß sie auch Summe und Wesen desselben sind. In diesem Eindruck wird man noch besonders bestärkt durch den Inhält des Abschnittes über das Leben unter dem Gesetz. Für Schürer war ungeachtet seines sonst ganz verschiedenen theologischen Standpunkts, ebenso wie für Weber, Judentum gleichbedeutend mit „Gesetzlichkeit", und „Gesetzlichkeit" war seine intimste religiöse Antipathie. Das Motiv der Gesetzesreligiosität der Juden war Belohnung, Lohn! und Strafe in diesem und in jenem Leben, genau nach dem Maße des Verdienstes oder der Schuld der besonderen Handlungen, der Übertretung oder Unterlassung, Lohn für den einzelnen und das Volk. Da dieses Motiv ein wesentlich' äußeres ist, so entstand daraus eine unglaubliche Veräußerlich ung des reHgiösen und moralischen Lebens, das dadurch1 ganz in die „juristische" Sphäre hinäbgezogen wunde. Die schlimmen Folgen, die notwendigerweise daraus entstehen müssen, werden lang und breit entwickelt. Das Resultat ist, daß das Leben zu einem Buchstabendienst um des Buchstäbens willen wird. Die äußere Korrektheit des Handelns ist das Wesentliche, nicht die inneren Motive. „Und all dieser kleinliche und verkehrte Eifer will schließlich der wahre und rechte Gottesdienst sein. Je mehr man sich darin abmüht, desto mehr glaubt man sich Gottes Wohlgefallen zu erwerben48). Schürer illustriert dann weiter die Irrtümer, zu welchen dieser „Eifer ohne Einsicht" führte (Rom. 10,2) und die schweren Lasten, die er dem1 Israeliten auferlegte, indem er im einzelnen, hauptsächlich nach der Misch na, die Gebote über Sabbatbeobachtung, die Regeln über rein und unrein, das Tragen von Schaufäden, Phylakterien und Gebetmänteln, die Förmlichkeiten des Gebetes, des. Fastens und ähnliches darstellt. Sogar die gelegentlichen schönen Aussprüche einzelner Rabbinen sind für ihn nur Lichtblicke, welche die Schatten, die sie nicht bannen können, nur noch dunkler machen. Zum Schluß spricht Schürer ein Urteil über die jüdische Religion in Ausdrücken feierlicher Verdammnis. Es ist bezeichnend, daß, während sonst alles in dem Werk in den späteren Ausgaben; revidiert und umgearbeitet wurde, dieses Kapitel beinahe wörtlich bis zum Ende unverändert geblieben ist. Sogar die ursprüngliche Heftigkeit "im1 Ausdruck erfährt durch die Jahre keine Milderung. Zur rechten Würdigung von Schürers abschätzigem Urteil ist in Betracht zu ziehen, daß er niemals besonders belesen war in der Literatur der Schule und der Synagoge, und daß er am wenigsten gerade denjenigen Teilen derselben Beachtung schenkte, von denen man am meisten lernen konnte über das religiöse Fühlen und die Innerlichkeit jüdisch'er Frömmigkeit. Es muß hinzugefügt werden, daß Schürer nach seiner Natur selbst völlig aller nachfühlenden Phantasie ermangelte, die sich hin- 4S) Neütestamentliche Zeitgeschichte § 27 spez. S. 483 ff., 510 ff., Geschichte des jüdischen Volkes §28/ 4545 ff., 551, 578 usw. einzuversetzen versteht in andere Zeiten, andere Menschen, andere Sitten, in fremde Denk- und Gefühlsweise, in uns fernliegende Philosophien und Religionen, geleitet von dem Bestreben zu verstehen, was sie in ih'rer Zeit und an ihrem Orte bedeuteten; doch auch dies alles in Betracht gezogen, muß das Schlußwort lauten, daß das „Leben unter dem Gesetz" nicht lals ein Kapitel in der Geschichte des Judentums gedacht war, sondern als ein Gegenstand der christlichen Apologetik. Es wurde geschrieben, um durch die höchste jüdische Autorität zu beweisen, daß die Ausfälle gegen das Judentum, wie sie in den Evangelien und den Paulinischen Briefen gemacht wurden, voll und ganz gerechtfertigt seien. Es ist sehr zu ibedauern, daß Schürers eminente Verdienste auf dem Gebiete der Realien die neutestamentlichen Forscher durchweg Idazu geführt haben, die gleiche Autorität seiner Darstellung und Beurteilung der jüdischen Religion zuzuerkennen. In einer anderen Beziehung bezeichnet Schürers Werk eine Veränderung des Gesichtspunkts. Seine Vorgänger, allgemein gesprochen, vergleichen Judenturn und Christentum als Ganzes und stellen die beiden einander gegenüber vom1 Gesichtspunkt ihrer eigenen Zeit. Weber vergleicht das palästinensische Judentum der ersten fünf Jahrhunderte unserer Ära mit seiner eigenen Spielart des Protestantismus des neunzehnten Jahrhunderts, die er ungeschichtlic'hJ mit dem "Christentum selber identifiziert Schüner, der nur die notwendigen Kenntnisse zum Verständnis der Anfänge des Christentums liefern will, beschränkt die Vergleichung auf engere Grenzen. Die Messiashioffnung der damaligen Juden (Spiegelt sich' wiejder in christlichen Vorstellungen. Die Opposition gegen die Gesetzlichkeit ist ein primitiver Faktor im Evangelium. Das) Problem des Ursprungs des Christentums historisch autgefaßt, verlangt jedoch' eine Untersuchung jeder anderen Phase des Judentums zu Beginn unserer Ära, und das Bestreben festzustellen, was. das Christentum' aus dem Judentum übernahm, ebenso wie das, was in ihm1 neu war. Für einen solchen1 Zweck wurde eine kritische Geschichte des Judentums in diesem Zeitalter, d. h'. vom Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. bis zum' Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr., sowohl des Palästinensischen wie der Hellenistischen unerläßlich. Das ist es, was der Titel von Boussets „Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" (1903; 2. Aufl. 1906) verspricht. Der Autor ist sich' bewußt, daß er mit der zusammenfassenden: Diarstellung der Religion des Spätjudentums, wie er es sonderbarerweise 'nennt, an eine Aufgabe herantritt, welcher niemand seit Gfoerer sich unterzogen hat, und obgleich er die Grenzen von Gfoerers Werk scharf hervorhebt, hat er doch eine gerechtere Würdigung seiner Verdienste als diejenigen seiner Vorgänger, die überhaupt irgendwas1 darüber zu sagen haben: „Der ganze Wurt ist groß, und! kühn gedacht. Man wird von ihm' immer aufs neue lernen müssen." Bousset war wie Schürer ein neutestamentlicher Gelehrter, und: interessiert sich auch nicht fürs Judentum1 um seiner selbst willen, sondern bloß wegen des. Lichts, das es auf die Anfänge des Cjhristentums werfen könnte. Eine seiner ersten Veröffentlichungen war „Jesu Predigt in ihrem Gegensatz zum Judentum". Ein religionsgeschichtlicher Vergleich (1892). Der Verfasser sucht darin

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