Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 213 - 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-07-01
Page
Seite 213 - 214 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584112-2591695--18553-2591731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

213 Das Judentum in christlicher Darstellung 214 losen Juden, die jetzt an die Hölle gefesselt sind, aus der Hölle herauskommen werden mit der Schechina zu ihren Häupten." Dabei wird mit einer gewissen Überflüssigkeit auf beide Auflagen vor* Weber verwiesen. Doch fehlt in der abgekürzten Wiedergabe aus Weber die Verknüpfung mit Micha 2, 13 („und ihr König soll vor ihnen hergehen und der Herr an ihrer Spitze"), was allein den Midrasch verständlich macht. Dies nur nebenbei! Das Gelungenste dabei ist aber der Hinweis auf „Bereschith Rabba zu Gn. 44, 8". Ein Leser, dessen Skeptizismus diese ganz und gar ungebräuchliche Methode den Midrasch zu zitieren füglich erregte, und der es versuchte, die Stelle zu finden; würde nichts finden außer einer Rechtfertigung seines Skeptizismus. Das Zitat ist in Wirklichkeit gar nicht aus dem Midrasch Bereschith Rabba. Es ist dem Pugio Fidei (S. 685) entnommen, wo es dem Bereschith Rabba des Rabbi Moses ha- Darschan zugeschrieben wird, d. h. einem verlorengegangenen Werke eines französischen Rabbi gegen Ende des elften Jahrhunderts. Aber noch ist die Sache nicht zu Ende. In Carpzovs Ausgabe des Pugio, welche Weber benutzte, ist „Gen". 44, 8" ein Druckfehler, als welchen es die ersten Worte des Zitats mirp i^n swi — der Anfang des Abschnittes Wi Gen. 44, 18 — jedem 'Leser auf den ersten Blick verraten würden, welcher darauf achtet, um was es gerade geht. Der Fall beweist gleichzeitig, daß weder Weber noch Marshall jemals (versucht haben, den Hinweis nachzuprüfen. In der zweiten Auflage von Weber hat Kahan den Hinweis mit einem Fragezeichen versehen und damit angedeutet, daß er trotz Naclisuchens die Stelle in Bereschith Rabba nicht hat finden können, was wenigstens Marshall hätte ein' Warnungszeichen sein sollen. Schließlich ist zu bemerken, daß bei der Behandlung der Zwischenwesen (Schechina, Memra, Metatron), trotzdem Weber das Zeugnis der Kabbala verwirft, er die Begriffe und die Assoziationen übernimmt, die seine Vorgänger aus der Kabbala abgeleitet hatten, und interpretiert in Überein^ Stimmung damit das Zeugnis der Targumim1 und des Midrasch, ein methodischer Fehler, den viele mit ihm teilen. Ein schlimmes Beispiel solchen1 Durcheinanderwerfens tritt uns in dem Abschnitt über Metatron entgegen (2179), wo auf dem Wege der mittelalterlichen Gematria (jntsttö 314 Ttf) entdeckt wird, daß Metatron den Allmächtigen vertritt, und fährt fort: „In diesem Sinne trägt er Chullin 69 a und Jebamoth 16 b den Namen □hy" Yui>, Fürst der Welt; er repräsentiert Gottes Herrscherstellung in der Welt." Der Talmud nennt nirgends, weder in den zitierten Stellen, noch sonstwo Metatron sar ha-olam. Nach einem Vergleich mit dem Zusammenhang zu urteilen, hat Weber seine Nachweise von Levy (Chaldäisches Wörterbuch, II, 31), wo jedoch die Identifikation nicht dem Talmud, sondern (irrtümlich) den Tosaphoth zugeschrieben wird (ergänzende Glossen zu Raschi, meistens aus den französischen Schulen des dreizehnten Jahrhunderts). In den Tosaphoth selbst wird die Identität gelegentlich des anscheinend widerspruchsvollen Gebrauchs der Bezeichnung in gewissen mittelalterlichen Hymnen erörtert, aber nicht behauptet. Eisenmenger (II, 397), und, so viel mir bekannt, jeder, der den Gegenstand vor Weber berührte, gab den Sachverhalt richtig an. Sechs Jahre vor Weber erschien ein anderes Werk, welches bestimmt war, mehr als irgendein anderes seiner Zeit die Anschauung der Christen vom Judentum zu beeinflussen, nämlich Emil Schürer, Lehrbuch der Neutestamentlichen Zeitgeschichte (1874). Mit dem Namen, welcher in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Aufnahme kam, war nicht eine Geschichte des Neutestamentlichen Zeitalters gemeint, sondern man bezeichnete damit einen Teil von dem, was man früher 'unter Einleitung ins Neue Testament verstanden hatte. Sein praktischer Zweck war, den Studierenden in den Stand zu setzen, sich die verschiedenen Kenntnisse anzueignen, die notwendig sind zum Verständnis des Neuen Testaments und der Anfänge des Christentums. Schneckenberger (1862) hat die heidnische Welt der Zeit mit inbegriffen, aber Schürer beschränkte den Stoff seines Lehrbuches auf die jüdische Seite. Nach einer Einführung in die Quellen widmet er die Hälfte des Bandes der politischen Geschichte Palästinas vom fl75 v. Chr. bis 70 n. Chr. Der zweite Teil hat den Untertitel: „Das innere Leben des jüdischen Volkes im Zeitalter Christi" und behandelt das Land und seine Bevölkerung, jüdische Institutionen, die Sekten, die Schriftgelehrten und ihre Gelehrsamkeit, Schulen und Synagogen, das Leben unter dem Gesetz; dann (in einem weit größeren Umfang) die apokalyptische Literatur und die messianische Hoffnung. Der Band schließt mit Kapiteln über das Judentum in der Diaspora und über Philo. Weitere, stark vermehrte Ausgaben erschienen unter dem Titel ,,Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi", aber ohne namhafte Veränderung im Charakter oder. Plan des Werkes. Schürers Werk ist ein unentbehrliches Repertorium für alle möglichen die Juden betreffenden Gegenstände — Geschichte, Archäologie, Geographie, Chronologie, Institutionen, Kultus, Sekten und Parteien, Literatur usw. —, die alle darin als gesonderte Gegenstände erforscht und dargestellt werden. Das Werk hat zwar eine für praktische Zwecke nü.tz>- fliche äußere Einheit, entbehrt aber des geschichtlichen Bandes, welches allein ihm eine" innere Einheit hätte geben können. Diese Bemerkung soll nicht eine abfällige Kritik des Werkes sein. Schürer tat, was er sich zu tun vorgenommen hatte, und verfaßte ein über alle Maßen nützliches Handbuch. Aber der Leser Imuß es auch als das nehmen und benutzen, was es ist, nicht als das, was der Venfasser, ungeachtet des Titels, niemals darin erblickt zu sehen beabsichtigte — als Geschichte. Am allerwenigsten hatte er beabsichtigt, eine Geschichte der jüdischen Religion zu schreiben in dem Zeitraum, den er umfaßt, oder eine Darstellung derselben zu Beginn unserer Ära. Er behandelt ausführlich die Messias-Hoffnung, wobei er die ganze Eschatologie mit Inbegriff, zweimal, zuerst in ihrer Entwicklung und dann wieder systematisch. Der einzige andere Gegenstand aus dem Gebiete der Religion, dem ein Platz für sich gegeben ist, ist „Das Leben unter Idem Gesetz". Die Wahl dieser beiden Gegenstände und keines anderen erklärt sich durch1 ihre außerordentliche Wichtigkeit für. das Verständnis der Anfänge des Christentums: Die verschiedenen Arten der Messiashoffnung unter den Juden in bezug auf die entsprechend variierenden Glaubensformen unter den Christen über Jesus, den Messias, und das „Leben unter dem Gesetz" um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.