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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-07-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 5)
Language
German
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2ii Das Judentum in christlicher Darstellung 212 daß diese Zwischenwesen ganz genau ihrem eigenen Logos entsprachen, dem Gottessohn, Christus, ohne in ihnen einen Unterschied zu entdecken zwischen dem jüdischen Gottesbegriff und dem christlichen — die Identität wird in der Tat immer angenommen. Die Christologie der Kirche und ihr Dreieinigkeitsdogma sind in der Tat basiert auf einer metaphysischen Grundlehre des Absoluten, und schon1 bei der ersten Bekanntschaft damit erkannten christliche Gelehrte ihre eigene Religionsphilosophie in dem transzendenten Neuplatonismus der spekulativen Kabbala (wieder, welche sie als die älteste esoterische Lehre des Judentums ansahen. Webers Antithese zwischen dem transzendenten Gott der jüdischen Theologie und dem Gegenteil davon in der christlichen Theologie44) zeigt, wie wenig er bewandert war sowohl in der Geschichte, wie in dem Gehalt des christlichen Dogmas. Was dahin geführt hat, daß spätere Gelehrte anderer Schulen mit weit überlegener theologischer Gelehrsamkeit Webers Erklärung und Beurteilung des Judentums sich zu eigen zu machen und den jüdischen Gottesbegriff in einen neuen Gegensatz zum christlichen zu setzen, ist eine frage, auf die wir später zurückkommen werden. Außer den weiter oben angeführten Ursachen der Mißverständnisse, sind einzelne Mißdeutungen nichts seltenes und sind manchmal von weitreichenden Folgen. Ein schlagendes Beispiel dieser Art kann man 2180 finden, wo Weber in dem Dibbur von Schirhaschirim Rabbah fol. 3 a (Sulzbach; ed. Wilna, 1884, fol. 4b), „die 'Basis für das Verständnis des Memra von Jehovah in den Targumim" entdeckt, „des aus dem Munde Gottes hervorgegangenen Wortes, welches als göttliche Potenz innerhalb der Heilsgeschichte wirkend sich in der Anschauung des Judentums zur Person verdichtet hat und als mittlerische Hypostase zwischen Gott und seinem Volke steht". Wie Weber umschreibt: „Bei der Offenbarung der zehn Gebote kam der Dibbur aus dem Munde Gottes und ging dann zu jedem Israeliten im Lager und befragte ihn, ob er ihn annehmen wolle, indem er zu gleicher Zeit ihm alle Gebote vorlegte sowie auch .die Belohnung, die ihm die Annahme gewähre. Sobald ein Israelit zustimmend geantwortet und die Gebote angenommen hatte, küßte ihn der Dibbur auf den Mund." Die Stelle, auf welche so weittragende dogmatische Schlüsse basiert sind, ist ein weit hergeholter homiletischer Einfall zu Cant. 1, 2: „Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes." Rabbi Jochanaan sagte, daß bei der Gesetzgebung am Sinai ein Engel das Wort (Dibbur) von dem Munde Gottes brachte, jedes Wort einzeln45), und es herumr trug zu jedem einzelnen Israeliten, indem er zu ihm sagte: „Nimmst du dieses Wort auf dich?" Er erklärte alles, was in den Geboten enthalten war, sowohl das, was ausdrücklich verlangt wurde, wie auch die Strafe für Übertretung und die Belohnung 44) Das Gegenteil eines transzendenten Gottes ist ihm nicht, wie es historisch und logisch erforderlich wäre, ein immanenter Gott, sondern das, was man einen mit Menschen verkehrenden Gott (a sociable God): nennen könnte. 45) Dibbur ist „Ausspruch", „Äußerung", speziell eines der „Zehn Worte" (debarim, rabbinisch debarot), welche die Septuagninta (Ex. 34, 28) und Philo durch dexa Äöyoi wiedergibt, und wir nach ihnen durch „Dekaiog". für den Gehorsam. Wenn der Israelit sagte: „Ja", so fragte der Engel weiter: „Nimmst du die Gottheit des Heiligen Einen an?" Wenn, er antwortete: „Ja, ja", küßte ihn der Engel auf den Mund — das ist's, was (in Deut. 4, 35) gesagt ist: „Man ließ dich sehen, damit du erkennst" (durch die Hand eines Boten)46). Die Majorität gab jedoch diesem Einfall eine etwas andere Wendung — und hier kommen wir auf Webers Zitat: Die verschiedenen Gebote wurden nicht nacheinander durch einen Engel herumgetragen, sondern jeder ( Dibbur („Gebot") ging selber herum mit derselben Botschaft, machte dieselben Erklärungen, und wenn es angenommen wurde, küßte es 'den Mann auf den Mund usw. Der Unterschied zwischen Rabbi Jochanan und der Majorität betrifft nicht die Unpersönlichkeit oder Persönlichkeit des Wortes. Einen einleuchtenderen Vorschlag bietet ein tief in den Geist des Midrasch eingedrungener Erklärer, daß derselbe nämlich seinen Ursprung in der verschiedenen Auslegung „des großen Heeres" in Psalm 68, 12 habe, das jener auf die Engel, diese auf die Israeliten beziehen. Doch wie weit hergeholt auch diese Ein> fälle homiletischer Phantasie waren, Webers unvollständiges Zitat braucht nur aus dem Zusammenr hang ergänzt zu werden, um seine Erklärung und Anwendung als falsch zu erweisen. Aber selbst wenn es nicht falsch ausgelegt und falsch angewendet wäre, was für eine Grundlage für das „hypostasierte Wort Gottes" sind denn solche Kuriositäten von Scharfsinn, wie sie im Stellen und Beantworten der Frage enthalten sind, wer der Küsser und wer der Geküßte ist in Cant. 1, 2, und wann und wo und was für einer? Ich habe bei dieser Sache etwas länger verweilt, um vor dem stillschweigenden Vertrauen zu Weber zu warnen, welches unter denjenigen herrscht, die nicht imstande sind, ihn nachzuprüfen. Bevor ich den Gegenstand verlasse, will ich noch beleuchten, wie Weber aus zweiter Hand noch schlimmer wird als er selbst. Oesterley und Box, mit dem Bemerken, daß es den „zugrundeliegenden Begriff des Memra beleuchte", geben die oben zitierte Stelle aus Weber wie folgt wieder: „Die Stelle handelt von dem Bericht über die Gesetzgebung am Sinai, und es wird erklärt, daß das „Wort" (Memra) aus dem Munde Gottes herauskam, als die zehn Gebote Verkündet wurden, und weiter ging zu jedem Israeliten und ihn fragte, ob er diese Gebote'annehmen wolle" usw. „Sobald, wie ein Israelite sich bereit erklärte, das Gesetz anzunehmen, küßte ihn das Wort auf seine Lippen47). Zahlreiche ebenso schlagende Beispiele von Weber aus zweiter Hand können von solchen gefunden werden, die auf der Suche nach ähnlichen Unterhaltungen sind in dem Artikel „Shekinah" in Hastings Dictionary of the Bible von J. T. Mars hall. Ich habe 'hier nur für eins von ihnen Platz. In einem Paragraphen über die Wirksamkeit der Schechina nicht nur auf Erden, sondern auch im Scheol (S. 489A) lesen wir: „Aber in Bereschith Rabba zu Gn. 44, 8 ist die Schechina der Befreier. Sie versichert, daß die gott- 46) Die Anführung dieser Schlagworte soll an das unmittelbar Folgende erinnern: „daß der Herr Gott ist, keiner außer ihm. Vom Himmel her ließ er dich seine Stimme vernehmen, um dich zu ermahnen" usw. 47) Religion und Worship of the Synagoge S. 182ff.

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