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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-07-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 3)
Language
German
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207 Das Judentum in christlicher Darstellung 208 Werkes ist es notwendig, etwas über seinen Ursprung vorauszuschicken. Der Autor ist in einer pietistischen Atmosphäre aufgewachsen. Er studierte in Erlangen, damals eine der Hochburgen des neumodischen Luthertums, unter Johann Christian Hof;- mann und Franz Delitzsch und trieft von der „heilsgeschichtlichen Theologie". Dort sog er den unkritischen und unhistorischen Geist der Schule ein. Das erste, was er veröffentlichte, war ein Grundriß der Einleitung ins Alte und Neue Testament für Lehrer an höheren Schulen und gebildete Bibelleser (1863). Von einer der späteren Ausgaben desselben sagt Heinrich Holtzmann, daß es nur das eine zeige, wie jemand über diesen Gegenstand schreiben kann, ohne im geringsten von allem Notiz zu nehmen, was um ihn her vorgeht. Nicht weniger bezeichnend für seine ganze Stellung war eine Reihe von Artikeln in der Allgemeinen evangelischlutherischen Kirchenzeitung unter dem Titel ^System des jüdischen Pharisäismus und des römischen Katholicismus" (1890). Wahrscheinlich unter Delitzschs' Einfluß faßte Weber die Idee, Judenmissionar zu werden, und begann zu diesem Zwecke rabbinische Studien unter J. H. Biesenthal, einem sehr kompetenten Gelehrten, der selber ein getaufter Jude und Judenmissionar war und wie so, viele vor ihm als Taufopfer Beweise für die Dreieinigkeit und andere christliche Dogmen aus der Kabbala brachte. Es glückte Weber zwar niemals, in den Missionarberuf hineinzukommen, aber das „System", dem er die letzten Jahre seines Lebens widmete, war das Resultat der Studien, die er zu diesem Zwecke getrieben hatte. Nun war zwar das jüdische Recht, Ritual- und Zeremonialgesetz geordnet und kodifiziert in der Mislchna und verwandten Werken. Doch für die religiösen und sittlichen Lehren der Schule und der Synagoge hatten die Juden nie etwas derartiges unternommen. Niemandem fiel es ein, eine Theologie aus den Äußerungen der Rabbiner im Midrasch und der Haggada herauszudestillieren, geschweige denn die Theologie in ein System zu. bringen. Ebensowenig fühlte man das Bedürfnis nach irgendeiner zusammenhängenden Darstellung der jüdischen Lehre, bis die Glaubenskämpfe des zehnten Jahrhunderts Saadia veranlaßten, die Emunoth we- Deoth zu schreiben nach dem Beispiel der muslimischen Mutakallimin und nach den gleichen philosophischen Prinzipien. Der Grundfehler an Webers System ist darin zu suchen, daß es überhaupt ein System ist, und zwar nicht ein altes jüdisches System, sondern ein modernes deutsches System. Das ist weit mehr als eine bloße Sache der Disposition und Anordnung des Stoffes nach gewissen Hauptpunkten der christlichen Dogmatik. Das System trägt schon in sich seine Logik, die sich auch dem Gegenstande mitteilt. Nach dem Muster des „Materialprinzips" und des „Formalprinzips" der lutherischen Dogmatiker beginnt Weber mit „Das Materialprinzip des Nomismus" und „Das Formalprinzip des Nomismus", jedes in mehreren'Kapiteln. Das „Materialprinzip" ist kurz und bündig formuliert in dem Titel von Kapitel 3: Gesetzlichkeit, das Wesen der Religion — und nach jüdischer Auffassung die einzige Form der Religion für alle Zeiten. Dieser Nomismus spiegelt sich in dem Gottesbegriff (Kap. XI): „Wo Gesetzlichkeit das Wesen der Religion ist, da ist die Religion nichts weiter als das rechte Verhalten des Menschen vor Gott, während ,wir sagen'40): Religion ist Gemeinschaft mit Gott. Gott will den Menschen in seine Gemeinschaft aufnehmen, weil er nicht nur Heiligkeit, sondern auch Liebe ist. Im Judentum dagegen, wo ausschließlich seine Heiligkeit betont wird, bleibt er der schlechthin Erhabene, dem Menschen und der Welt Jenseitige, von ihnen Geschiedene und in sich Verharrende." Nach einigen Sätzen über die Gottesnamen wird die Weltentrücktheit Gottes metaphysisch gedeutet: „Aus dieser Grundanschauung von Gott! als dem Absoluten folgert die jüdische Theologie zwei weitere Momente, die als Eigentümlichkeiten des jüdischen Gottesbegriffes bezeichnet werden müssen, und zwar als antithetische, nämlich: den abstrakten Monotheismus und den abstrakten Traniszendentismus. Jener hat sich im Gegensatz zur trinitarischen Erschließung der einen Gottheit in drei Personen, dieser im Gegensatze zur persönlichen Einwohnung (Gottes im menschlichen Geschlechte entwickelt und verfestigt"41). In der Folge haben die Schriftsteller, welche Weber als Zeugen für den jüdischen Gottesbegriff in neutestamentlichen Zeiten anführen, um die Auffassung Jesu ihm gegenüberzustellen, diese höchst bedeutsame Stelle übersehen. Daher ist es notwendig, seine ausdrückliche Behauptung zu betonen, daß die antithetischen Begriffe von „abstraktem Monotheismus" (oder Monismus!) und „abstraktem Transzendentismus" in der jüdischen Theologie „entwickelt und verfestigt" wurden im Gegensatz zu dem Dreieinigkeitsglauben und zu der Christologie der Kirche, und daß sie daher zeitlich hinter der Entwicklung dieser christlichen Lehren stehen. Es ist ebenso wichtig zu bemerken, .daß die Grundanschauung von einem unnahbaren Gott, welchen er, ohne den Unterschied zu bemerken, im nächsten Atemzuge in einen „absoluten Gott"J2) verwandelt, von dem Prinzip abgeleitet wird, daß Gesetzlichkeit das Wesen der Religion ist, woraus sie, nach Webers Anschauung, mit logischer Notwendigkeit folgt. In diesem Punkt irrt er sich; die Notwendigkeit ist rein apologetisch. Das Motiv und die Methode des Werkes ist auch wirklich durch und durch apologetisch. Der Autor will, wie so viele seiner Vorgänger, die Überlegenheit des Christentums über das Judentum beweisen. Im Hinblick auf das, was uns von seinem Leben bekannt ist, mag es vielleicht, ohne ihm zu nahe zu treten, noch spezieller als Missionsapologetik be-- zeichnet werden, Er wollte die Juden überzeugen, um wieviel besser das Christentum als das Judentum ist. Diese Absicht würde das vergleichsweise Fehlen des polemischen Elements erklären, das sich so stark der gewöhnlichen Apologetik beigesellt. Einen ganz besonderen Charakter erhält Webers Werk auch durch seine Voreingenommenheit in religiösen und theologischen Fragen. Der ausgesprochene oder unausgesprochene Gegensatz zum Judentum ist bei ihm nicht katholische Lehre. ä0) In der zweiten Auflage ändert Schnedermann diese Gegenüberstellung der Gesichtspunkte („wir sagen") in einen Gegensatz in der Sache selbst: Nach der jüdischen Anschauung sei „Religion das rechte Verhalten des Menschen vor Gott, nicht aber Gemeinschaft des Menschen mit Gott". *i) System 2, S. 149. d2) Mit gleicher Verständnislosigkeit für die Bedeutung der Worte gebraucht er auch „Monismus" im gleichen Sinne wie „abstrakter Monotheismus".

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