Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli-August 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 2)
- Language
- German
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205 Das Judentum in christlicher Darstellung 206 fall, die Mittel und Wege, durch welche der Mensch die Gunst Gottes erwirbt oder seinen Zorn abwendet; Gottes Absicht mit dem jüdischen Volke, die Vorsehung; diese Welt und die künftige; die Zeit der Ankunft des Messias, und zuletzt das Kapitel über den Messias und die letzten Dinge, von welchen wir weiter oben gesprochen haben. Des Autors Alexandrinismus — wenn wir seine Theorie so bezeichnen dürfen, — tritt ganz besonders hervor, wenn er die Anschauung Von Gott und den Zwischenwesen behandelt, ein Gegenstand, auf den wir gleich zurückkommen werden. Sonst gibt er im allgemeinen eine angemessene Darstellung der palästinensischen Lehre, soweit seine Quellen und der etwas wahllose Gebrauch, den er davon macht, es erlauben. 1 Ganz hervorragend ist die Darlegung der Wege, wie man die Gunst Gottes erlangt, ein Kapitel, welches in Kürze die ganze praktische Religion enthält. Der Autor behandelt hier Dinge, die in der jüdischen Lehre reichlich, klar, konsequent und immer gleich vorhanden sind. Aber noch niemand vor ihm hat es unternommen, das alles für christliche Leser zusammenzustellen; und wirklich war der Gegenstand seinen Vorgängern fast völlig unbekannt — ein schlagendes Beispiel dafür, wie unzulänglich für historische Zwecke nicht nur die polemische und dogmatische Methode, sondern auch die der ungeheuren Anhäufung von Material zu polemischen oder dogmatischen Zwecken ist. Denn die Frage: Was muß der Mensch tun, um Gott wohlzugefallen?, geht ins Herz der Sache. Die Antwort darauf sagt "uns mehr als sonst irgend etwas, was eine Religion wirklich ist. Gfrörer erkennt nicht nur die Bedeutung' dieser Frage an, sondern läßt die Juden selbst dieselben in ihrer Weise und in der Hauptsache mit ihren eigenen Worten beantworten. Das Kapitel hat nicht allein das Verdienst einer ersten Untersuchung auf einem vernachlässigten Gebiet, sondern es ist noch bis auf den heutigen Tag die angemessenste Darstellung des Gegenstandes von der Hand eines christlichen Gelehrten geblieben, und die Trefflichkeit der Darstellung tritt noch mehr hervor, wenn man sie mit der Behandlung vergleicht, welche der Gegenstand durch spätere Schriftsteller erfahren hat, wie z. B. durch Ferdinand Weber und diejenigen, welche aus ihm ihre Kenntnis des Judentums schöpfen. Gfrörer unterscheidet unter den palästinensischen Juden zwei weit voneinander verschiedene Begriffe von Gott. Die große Mehrheit, wie in allen Religionen und zu allen Zeiten, stellte sich* Gott vor als den Inbegriff der mens'chlichen Persönilichkeit, nur unermeßlich größer und besser, als Schöpfer, Erhalter, und moralischen Regierer der Welt, wie er in der Heiligen Schrift dargestellt ist. Eine kleine Minderheit eignete sich die alexandrinischen Spekulationen an, welche die Bezeichnung Gott im eigentlichen Sinne nur für das reine Wesen seines eigenen Seins (ö äv, r,ö öv) gelten lassen wollten, ein absolutes, von welchem man schlechthin nichts wissen, dem man keinen Namen geben, kein Prädikat beilegen, keine Attribute zuschreiben kann. Zwischen diesen transzendenten Gott und die Welt setzten sie einen (Vermittler, der in seiner Natur und Funktion dem Logos bei Philo entsprach. Der Hauptzeuge, den Gfrörer beibringt, um zu beweisen, daß einflußreiche palästinensische Lehrer einen transzendenten Begriff von Gott vertraten, ist das tatsächliche Vorkommen solcher Bilder, wie Schechina, Memra, Metatron in den Targumim37) und im Midrasch. Nach seiner Meinung sind dieselben nur erklärbar als Zwischenwesen, die notwendig sind bei einer metaphysischen Gottesvorstellung, die begrifflich ein unmittelbares Eingreifen Gottes in die Natur oder eine Offenbarung ausschließt. In dieser Auslegung befand er sich in Überein,- stimmung mit den althergebrachten Traditionen christlicher Apologeten und Dogmatiker, die von demselben metaphysischen Gottesbegriff ausgingen. Auf diese Weise wurde Gfrörer ein Vorläufer der modernen Schule, die dem palästinenschen Judentum als grundlegendes Dogma eine Vorstellung von Gott beimißt, welche ihn von der Welt isoliert" in seinem unendlichen Wesen und seiner unnahbaren Heiligkeit. Der Ausdruck transzendent wird oft gebraucht, um es 'zu definieren. Aber nicht gleich ihr betrachtet er das als die allgemeine und vorherrschende rabbinische Anschauung. Vielmehr beschränkt er (diese Vorstellung auf die theosophisch-mystischen Kreise, die ihre Theologie aus Alexandrien bezogen und in welchen Kabbalai gepflegt wurde. Und weit entfernt, es als etwas unterschiedlich Schlechtes im Judentum im Gegensatz zum Christentum zu betrachten, findet er vielmehr dieselben Ideen im Johannesevangelium, das er über die anderen stellt in, einer Schrift, die den bezeichnenden Titel trägt: „Das Heiligtum und die Wahrheit"38). Seine Theorie vom Ursprung und der Natur der Schechina und -des Memra ist irrig und die daraus gezogenen Schlüsse hinfällig. Doch sein Scharfblick bewahrt ihn vor der groben Entstellung des herrschenden jüdischen Gottesbegriffes, in welche seine Nachfolger verfallen. Gfrörer wird heute selten zitiert, zum Teil vielleicht deswegen, weil er seine Bücher nicht mit Registern ausgestattet hat, die es leicht machen, ihn zu zitieren, ohne ihn zu lesen. Auch ist das Buch mit seinem Wust von Zitaten in lateinischer und griechischer Sprache nicht leicht zu lesen. Aber wer gewillt ist, sich der Arbeit zu unterziehen, wird noch viel aus ihm lernen können. Das Buch, das vierzig Jahre hindurch die Hauptauelle für diejenigen christlichen Schriftsteller gewesen ist, die ex professo oder gelegentlich sich mit dem Judentum zu Anfang der christlichen Ära beschäftigt haben, ist Ferdinand Webers „System der altsynagogalen palästinensischen Theologie" (1880)39). Zu einer gerechten Würdigung dieses 37) Die Targumim zum Pentateuch und zu den geschichtlichen Büchern, die er (mit Ausnahme des sogenannten Pseudo-Jonathan zum Pentateuch) trüher ansetzt als die Zerstörung Jerusalems, gehören zu seinen Hauptzeugen für die frühe Geltung der alexandrischen mystischen Theologie in Palästina. 38) Man denke auch an den Untertitel seines' „Philo" ,,vom Einflüsse der jüdisch-ägyptischen Schule aut die Lehre des Neuen Testaments''.' 39) Nach des Verfassers Tode herausgegeben von Franz Delitzsch und Georg Schnedermann. Neu erschienen mit besonderem Titelblatt „Die Lehre des Talmuds" 1886 und in einer zweiten „verbesserten" Ausgabe von Schnedermann unter einem dritten Titel „Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und ver-i wandter Schriften" 1897. Die Verbesserungen bestehen in einer (unvollständigen) Verifizierung der Quellennachweise durch J. J. Kahan und einer gelegentlichen geringen Revision von Seiten des Herausgebers, der aber nicht immer eine glückliche Hand hat. (Siehe z. B. 2178: Metator hebräisiertes fterdö^ovog oder ^exaxvQavvos gleichsam der Kronprinz.)