Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 183 - 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Die Sprüche Salomos
Date
1922-07-01
Page
Seite 183 - 184 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584112-2591690--18530-2591716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

183 Die Sprüche Salomos 184 und Weib und Kind, der Kreis der Freunde und der vielen uns Fernstehenden, mit denen uns das Leben verbindet und zusammenführt, derer, die wir kennen, wie derer, die uns unbekannt bleiben und für die unser Tun und Lassen doch das Schicksal werden kann. In dieser uns angestammten oder im Laute des Lebens uns zugefallenen Welt werden uns alle unsere Aufgaben gestellt, und hier müssen sie gelöst werden. Hier ruht alle unsere Kraft. Wundervoll empfindet das so viel umhergetriebene jüdische Volk das Glück der Heimat, wie das Elend der Fremde. Der Vogel, der sein Haus, die Schwalbe, die ihr Nest gefunden hat, sind die Sinnbilder für das schöne Glück, für den Menschen, der in seiner Heimat weilen darf. Hiob hofft, „in seinem Neste zu sterben", und die Sprüche vergleichen mit einem Vogel, der aus seinem Nest verjagt ist, den Mann, der, flüchtig, seine Heimat verlassen muß. Und sie haben mit diesem Bild das oft wiederholte Los des jüdischen Volkes zum voraus bezeichnet. Mit der Liebe zur Heimat aber hängt eng zusammen die Treue zu den Nächsten. Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, das im Herzen der zehn Gebote steht, kehrt feierlich auch im Sprichwort wieder. „Wer Vater und Mutter flucht, des Licht soll erlöschen in finsterer Nacht." „Ein Auge, das des Vaters spottet und die Runzeln der Mutter verachtet, müssen die Raben am Bache aushacken und die jungen Raben fressen." So hat dann viele hundert Jahre später die Mischnah die furchtbare Leidenszeit geschildert, die der Ankunft des Messias nach der Phantasie des Volkes vorangehen soll: ,,Bevor die Füße des Messias nahen, wird die Frechheit groß werden. . . . der Sohn schändet den Vater, und die Tochter steht auf wider die Mutter." Schlimmeres kann sich das jüdische Gemüt kaum denken. Die Treue und Liebe in der Ehe aber hat ihr schönstes Denkmal in dem Schluß das ganzen Buches gefunden, in jenem Lied von dem guten Weib, von der Escheth chajil, das in unseren häuslichen Gottesdienst übergegangen ist, auf die das Herz ihres Mannes vertraut, die ihm Gutes tut und nie Böses alle Tage ihres Lebens. Auch jene alten Zeiten freilich mußten die ewige Erfahrung machen, daß die Verwandtschaft in Wirklichkeit oft nur ein schwaches Band 'ist. Von der Natur geschlungen, ist es vielleicht trotzdem schwächer als manches andere, das wir aus freier Wahl geknüpft haben. Darum verkünden die Sprüche den Preis der Freundschaft, jener Freundschaft vor allem, die sich von den Vätern auf die Kinder vererbt. ,.Deinen Freund und den Freund deines Vaters verlasse nicht, dann brauchst du nicht in das Haus deines Bruders zu gehen am Tage deines Unglücks. Besser ist ein naher Nachbar als ein ferner Bruder." So ist es. David und Jonathan stehen sich näher als Kain und Abel. Aber eine Spur letzter Einsamkeit muß in allen menschlichen Verhältnissen am Ende übrigbleiben, und auch in der engen Freundschaft muß sich noch1 jene Distanz zeigen, die der Talmud preist, da „die Linke fernhält und die Rechte heranzieht". Man soll auch den Freund nicht überlaufen, sondern die Sprüche verkündigen die goldene Wahrheit: „Mache deinen Fuß selten im Hause deines Freundes, damit er nicht deiner satt werde und dich hasse." Familie und Freunde sind ein kleiner Kreis, jenseits dehnt sich die große und oft feindliche Welt. Reibung und Streit sind unvermeidlich, aber das letzte Ziel ist für die Sprüche, die auch hierin ein echter Ausdruck des jüdischen Geistes sind, der Friede. Der lebendige Mensch ist kein Amboß, auf den man losschlagen könnte. Wir sind Herren über unser eigenes Wort, nicht aber über die Antwort des anderen. Darum „geh nicht eilfertig in den Streit, denn was willst du am Ende tun, wenn dich dein Gefährte beschämt?" Wer mag am Anfang schon wissen, was das Ende eines leichtfertig heraufbeschworenen Zwistes ist! „Einen vorüberlaufenden Hund packt am Ohr, wer sich in einem Streit ereifert, der ihn nichts angeht." Trotzdem bleibt unsere Verantwortlichkeit für den anderen und unsere Pflicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Wie die Thora befiehlt: „Hasss nicht deinen Bruder in deinem Herzen, zurechtweisen, zurechtweisen sollst du deinen Nächsien, nur darfst du dabei keine Sünde auf dich laden", wie der Prophet von Gott den Auftrag erhält, seinem Volk seine Sünde und dem Hause Jakob seinen Frevel zu verkünden, so verdammen auch die Sprüche die Gleichgültigkeit, die ruhig zusieht, wie ein anderer Fehler und Torheiten begeht. Und sie sprechen aus dem Geiste und dem Herzen der Propheten, wenn sie uns die tiefe Wahrheit verkündigen: „Besser ist offener Tadel als verhüllte Liebe." Wenige Gebiete des Lebens haben wir an der Hand der Sprüche betrachtet, und viel mehr, als wir anführen konnten, wird in dem kleinen Buch gelehrt. Sie selber mit allem ihrem Reichtum aber sind in unserem großen jüdischen Schrifttum nur eine Sammlung unter vielen. In Spruch und Gleichnis, auch mit Witz und Ironie, wie einst am Schilfmeer, hat das Judentum stets seine Lebenserfahrungen dargelegt und sein Herz enthüllt. Als die Sammlung der Heiligen Schriften, die Bibel, kaum abgeschlossen war, da entstanden die Sprüche des Jesus, des Sohnes Sirach, die heute eine Krone in dem großen Schrifttum der Apokryphen sind. Überreich an solchen geflügelten Worten ist das gewaltige Werk des Talmud. Und die vorläufig jüngste Sammlung ist der mächtige Band „Jüdische Sprichwörter und Redensarten", den Ignaz Bernstein und Benjamin Segel 1908 herausgegeben haben. Viele Erkenntnis darin ist allen Menschen gemeinsam und stimmt mit dem überein, was die Weisen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.