Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli-August 1922)
- Article
- Die Sprüche Salomos
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 4)
- Language
- German
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181 Die Sprüche Salomos -182 Ziel, das sie erstreben, bezeichnen sie mit einem Wort voll schlimmen Doppelsinnes als „Ausleben". Nach der Lehre unserer Religion aber ist unsere Natur kein Gipfel, sondern eine Schwelle und eine Stufe. Der Weg zum Ewigen führt über sie hinaus und hinauf. Darum ist auch im Kampfe mit den Menschen der höchste Triumph nicht der Tod und nicht die Vernichtung des Gegners, sondern seine Überwindung durch sittliche Größe. Ein Held, der sich selbst besiegt hat, ist David in seinen jungen Jahren, vor seinem tiefen Fall. In der Wüste Juda könnte er ohne jede Gefahr den König Saul, der ihn schon so oft mit der Waffe bedroht hat und auch jetzt wieder verfolgt, aus dem Wege räumen. Aber er verschont den schlafenden Todfeind und trägt den Preis des Sieges heim in dem Bekenntnis Sauls: „O mein Sohn David, du bist gerechter als ich." Diese Herrschaft des Menschen über alle seine giftigen Gefühle, über Haß und Neid, über Wut und Rachsucht feiern auch unsere Sprüche: „Wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen, dürstet ihn, gib ihm zu trinken, und glühende Kohlen schüttest du auf sein Haupt, der Ewige aber wird dir vergelten." Die Voraussetzung für diese Selbstbeherrschung bildet die Wahrhaftigkeit, die Aufrichtigkeit gegenüber dem eigenen Selbst, wie die Ehrlichkeit gegenüber anderen. In vielen Einrichtungen und Äußerungen des Judentums äußert sich dieses Ideal. Jesaja bricht aus in die Anklage: „Unter einem Volke unreiner Lippen wohne ich." Aber vorher zeigt er sich selber in seiner Blöße: „Ein Mann unreiner Lippen bin ich." Und auch in dieser Forderung der Wahrhaftigkeit gegen sich selbst zeigt sich die Richtung auf den Ewigen, wenn die Sprüche feierlich verkünden: „Wer seine Sünden verdeckt, wird nicht gedeihen, wer aber bekennt und seinen Weg verläßt, findet Erbarmen." Diese Idee aber ist nicht ein bloßes Wort geblieben, sondern sie ist die Seele einer ganzen, ergreifenden Schöpfung, das Herz des Versöhnungstages, geworden. An diesem hohen Tage hatte der Hohepriester das Sündenbekenntnis für das gesamte Volk abzulegen, vorher aber mußte er im Angesicht der versammelten Menge laut ausrufen: „Ich habe gesündigt und mein ganzes Haus." Ehrlich möchte jeder gesunde Mensch sein, und mit Wissen und Willen lügen nur wenige. Wahrhaftig sind Sie aber deshalb noch lange nicht. Nicht die Lüge, wohl aber die Selbstgefälligkeit ergreift in tausend Formen den Menschen. Wir sind alle unermüdlich, uns selber zu täuschen und uns etwas vorzuspiegeln. Ein moderner Philosoph fand, es müsse es einer noch nicht weit gebracht haben, der nicht für alles, auch für das Schlechteste und Verkehrteste, einen guten Grund anzugeben wisse. Alles, was in der Welt verdorben worden sei, sei aus guten Gründen verdorben worden. Er mag dabei vor allem an große, an politische Aktionen gedacht haben. Aber seine Behauptung trifft auch auf die kleinen Angelegenheiten der Lebensführung zu. Wer, nach dem Worte unseres täglichen Gebets, die Wahrheit auch in seinem Herzen reden will, darf sich nicht damit begnügen, nur auf bewußte Lügen zu verzichten. Er muß vielmehr auch die vielen Vorwände und Bemäntelungen durchschauen, mit denen er sich über die Wirklichkeit der Dinge hinwegtäuscht. Zu dieser inneren Wahrhaftigkeit leitet jede Religion, die ihren Bekennern den wahren Weg zeigen will. Ein einleuchtendes Beispiel für diese Lebenslügen und diese bewußten Illusionen zeigen uns die Sprüche an dem Faulen. Er steckt die Hand in die Schiissel, aber eilst zu faul, sie zum Munde zu führen. In sejnen eigenen Augen ist er klüger als sieben Weise, denn er findet tausend schlagende Argumente gegen die Arbeit. „Es spricht der Faule, ein Schakal ist auf der Straße, ein Löwe lauert auf der Gasse, und mitten aut dem Markte werde ich ermordet werden." Wir betrügen uns selber, betrogene Betrüger, denn trotz aller guten Gründe verderben wir doch unser Leben und uns selber. Darum ist die Erkenntnis der Unaufrichtigkeit, mit der wir uns selber, zufriedenstellen, ein Grundgebot der Lebensklugheit und der Sittlichkeit in einem. Und eng mit dieser Tugend, in der Wurzel mit ihr verwandt ist die Bescheidenheit. Ein Kriegsmann, der König Achab von Israel, hat gegenüber einem miles gloriosus, dem König von Aram, das Wort geprägt: „Es rühme sich nicht, der das Schwert umgürtet, wie der, der es ablegt." Und die Weisheit des Volkes fordert: „Fremde mögen dich rühmen, doch nicht du selbst, andere, nicht aber deine eigenen Lippen." Sicherlich schweben über dieser Mahnung die Erwägungen der Klugheit, noch mehr aber entspringt diese Bescheidenheit und der Widerwille gegen jede Prahlerei aus der Erinnerung an den ewigen Wechsel alles Irdischen und an den Unbestand der menschlichen Dinge. Über dem Menschen schwebt die tragische Bestimmung, von der Koheleth spricht: „Es kennt der Mensch nicht seine Zeit, sondern wie die Fische gefangen werden in dem bösen Netz und die Vögel in der Schlinge, so werden die Menschen verstrickt zur Zeit des Unheils, wenn es plötzlich über sie kommt." Es schlummert so vieles im Schöße der Zukunft. Wer möchte sich da nicht demütig dem Geheiß unseres Buches fügen: „Rühme dich nicht des morgigen Tages, denn du weißt nicht, was der Tag gebiert." Das Feld, auf dem alle diese Forderungen von Religion und Sittlichkeit und Klugheit sich bewähren müssen, sind die Verbindungen der Menschen, in die wir uns gestellt sehen oder die wir selber geschlungen haben, die angestammte Familie mit Vater und Mutter und Geschwistern, die von uns begründete mit Mann