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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 179 - 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Die Sprüche Salomos
Date
1922-07-01
Page
Seite 179 - 180 (sequence 3)
Language
German
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179 Die Sprüche Salomos 180 schlechter. „Wo die Gottesfurcht der Weisheit vorangeht, da hat die Weisheit Bestand, wo aber die Weisheit der Furcht Gottes vorangeht, da hat auch die Weisheit keinen Bestand", lehren die Sprüche der Väter. Darum wird glücklich der Mann gepriesen, der sich immer sorgt und immer in der Furcht Gottes ist. Der Ernst des Lebens, die Verantwortung des Menschen, das Gewicht seiner Pflichten liegen den Meistern dieser Sprüche schwer auf der Seele. Aus dieser Quelle fließt jede Lebensregel, die sie nachher aufstellen, und sie zeigt sich auch in jener Lebensfreude, von der ihre Seele im Tiefsten durchdrungen ist, so fern ihr auch die Lustigkeit der Welt sein mag. Denn im Gedanken an Gott und an das göttliche Gericht verkünden sie den unerschöpflichen Reichtum des Lebens. Aber die Seligkeit, mit der sie den ewigen Wechsel in den Gestalten des Daseins betrachten, fließt aus dem Gedanken an den Tod. Erst der sichere Tod gibt dem Leben seinen vollen Wert, und erst von diesem1 ernsten Hintergrund liebt sich in seinem vollen Glänze das Leben ab. Im Judentum und außerhalb, in der Poesie wiein der Kunst, offenbart sich diese Harmonie zwischen den anscheinenden Gegensätzen, zwischen der Gewißheit des Todes und der Freude am Leben. Sie sind versöhnt in dem Wort des Koheleth: „Süß ist das Licht, und schön ist es für die Augen, die Sonne zu sehen, und wenn" ein Mensch viele Jahre lebt, wird er sich doch über alles freuen. Darum gedenke er der Tage der Finsternis, denn es werden ihrer viele sein; und alles, was kommt, ist eitel." Und sie sind vereinigt in den prachtvollen Gegensätzen, in denen Mischte das Glück des Schauens ausspricht: „Gruft und Verwesung werden nicht satt, und das Auge des Menschen wird nicht satt." Es mag die gleiche Stimmung sein, in die Gottfried Kellers Abendlied ausklingt: „Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, nur dem sinkenden Gestirn gesellt. Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!" Und wie die Verkörperung dieser Empfindung erscheint Böcklins wundervolles Selbstbildnis, der Maler mit Pinsel und Palette, gespannt hinausschauend, um das Bild der Welt ganz in sich einzusaugen und festzuhalten, im Ohr den Klang der Melodie, die, hinter ihm stehend, der Tod ihm geigt. Vielleicht sind es unsere glücklichsten Stunden, in denen wir uns selber und die Welt vergessen oder als Draußenstehende ruhig ihrem Lauf zuschauen. Aber in diesem Hang zur Einsamkeit äußern sich gleichmäßig gute und böse Triebe. In der Flucht aus der Welt regt sich die Sehnsucht nach Einkehr in das eigene Ich, das Verlangen, das eigene Herz in der Stille zu reiner Harmonie auszubilden, aber auch Quietismus und Resignation, Menschenverachtung und Menschenhaß können sich auf diesem friedlichen Wege Luft machen. In dauernder Einsamkeit muß schließlich der Mensch verkümmern, und erst unter Menschen wird er zum Menschen. Darum zwingt Jakob den Engel, zu bleiben: „Ich lasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet." Und darum gibt ihm der Engel seinen neuen Namen, den Namen „Israel". „Denn du hast gestritten mit göttlichen Wesen und mit Menschen und hast obgesiegt." Wir sind nicht berufen, als Zuschauer nur dem großen Spiel des Lebens genießend zuzusehen, sondern wir selber sind die Schauspieler, und unser Platz ist auf der Bühne und nicht in der Loge. Aber nicht in der Sprache des Theaters drückt die Bibel ihre Forderung aus, sondern in der des Krieges. „Kriegsdienst hat der Mensch auf Erden", klagt Hiob, und die Sprüche Salomos trösten uns in allen Nöten und Widerwärtigkeiten, die die Berührung mit einer widerstrebenden Welt uns bereiten kann, mit der Wahrheit: „Eisen schärft sich am Eisen, und ein Mann schärft den anderen." Wilhelm Raabe hat dieses Wort der Proverbien als Motto seinem großen Roman „Die Leute aus dem Walde, ihre Sterne, ihre Wege und ihre Schicksale" vorausgesetzt. Nur unter Menschen entwickelt sich der Charakter, und nur indem er sich! durchsetzt, wird er stark. Die Proverbien fordern Selbstbeherrschung. „Besser ist der Geduldige, als ein Held, und der sich selbst beherrscht, als ein Städtebewohner." Ein Hiob, ein Jeremia, ein Hillel und ihre Verwandten verkörpern das jüdische Ideal des Helden und seiner Tapferkeit. An die Stelle des Krieges mit den Waffen ist bei ihnen der innere Kampf mit dem schlechteren Ich getreten, der schwere Streit mit dem eigenen Wesen. Trübe Kriegserfahrungen aber werden zum Symbol für den gesunkenen Menschen, und der Anblick einer eroberten und nun wehrlosen Stadt zum Gleichnis für den, der dem Jezer horah in der eigenen Brust erlegen ist. „Eine Stadt, in die Bresche geschlagen ist. ohne Mauer, das ist ein Mensch ohne Selbstbeherrschung." Wieder berührt sich hier die ethische Erkenntnis und Forderung eng mit der Religion und schwingt sich zum Ewigen empor, wenn der Gedanke der Proverbien vergeistigt und erhöht, ja geheiligt, innerlicher noch in unserem täglichen Gebet wiederkehrt: „Beuge unsere Begierde, daß wir dir dienstbar seien." Wir liegen im Streit mit uns selber und fürchten uns vor der eigenen entfesselten Natur. Wer sich nachgibt, verliert seinen Adel, und wer sein Ich unterdrückt, gewinnt es in einer höheren. Sphäre wieder. In der sittlichen Welt herrscht jenes merkwürdige Paradoxon, von dem der Midrasch spricht: „Meine Erniedrigung ist meine Erhöhung, meine Erhöhung ist meine Erniedrigung." Die Natur, die uns angeboren ist, erscheint vielen als das Höchste, und so wie sie ist, mit allen Mängeln, die sie haben mag, gilt sie ihnen selbst als ein Ideal. Das

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