Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli-August 1922)
- Article
- Die Sprüche Salomos
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 2)
- Language
- German
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177 Die Sprüche Salomos 178 Tausende von ihnen zurückgeführt, und ihm wurden auch zwei der wichtigsten Sammlungen in unserer Bibel zugeschrieben: die Proverbien, die nach ihm Mischte Schelomoh, die Sprüche Salomos, genannt werden, und das Buch Koheleth. Andere jüdische Könige waren zwar nicht selber Dichter, aber sie haben dafür die Sprichwörter, die im Volke lebendig waren, gesammelt und für die Zukunft gerettet, wie in Deutschland etwa Karl der Große die alten Volkssagen und Lieder sammeln ließ. Solch ein jüdischer König soll Hiskia gewesen sein, der im achten vorchristlichen Jahrhundert lebte. In unserer Bibel stehen die Sprüche Salomos neben den Gesetzen der Thora, neben den Verkündigungen der Propheten, neben den Hymnen der Psalmen als eine Anleitung zur praktischen Lebensweisheit. Aber sie verfolgen ein besonderes Ziel. Mose und die Propheten reden zum ganzen Volk, und für viele Psalmen gilt das Wort: „Keneseth Jissroel omereth", die Gesamtheit von Israel spricht; das ,,Ich" in den Psalmen bedeutet oft kein einzelnes Individuum, sondern die ganze Nation. Die Proverbien aber führen in eine andere Gedankenwelt. Sie wenden sich an den einzelnen Menschen und wollen ihm in den großen und den kleinen Sorgen seines Lebens den Weg weisen. In dieser Tatsache haben dann manche, namentlich moderne Erklärer ihren ganzen Sinn und ihre ganze Bedeutung gesehen und sind ihnen deshalb auch nicht gerecht geworden, haben sie vielmehr degradiert zu einer bloßen Anweisung zu geschickter und praktischer Lebensführung, zu einem Vademekum in der Kunst, erfolgreich seinen Weg zu machen. Sie weisen ihnen deshalb auch einen geringen Rang an, ganz im Gegensatz zu der hohen Schätzung, deren sich dieses Buch von jeher im Judentum, im Munde des Volkes, wie bei unseren Sittenlehrern, erfreut hat. Einer dieser modernen Exegeten z. B., Frankenberg, ein protestantischer Pastor, versteht unter der „Chochmoh", die die Proverbien verkündigen, nichts weiter als „die Fähigkeit, sich in allen Lebenslagen zurechtzufinden". Jeder, der kluge Lebensart besessen habe, sich angenehm zu machen wußte, bei allem seinen Vorteil zu wahren verstand, sei- ,,weise" gewesen. Ein Blick auf unsere Spruchsammlung mag zeigen, ob dieses abschätzige Urteil berechtigt ist, ob das alte Israel wirklich nur pfiffige Klugheit kannte und ob die hohe Weisheit ihm fremd war. Wie so viele Urteile über die Bibel und darüber hinaus über das Judentum überhaupt ist auch diese Charakterisierung nicht völlig unrichtig, aber sie ist beilnahe noch schlimmer, nämlich halbwahr, einseitig und schief, und sie erschöpft auf keinen Fall die ganze Tiefe der Wahrheit. Unser Kommentator betrachtet, wie so viele Gelehrte, die Sprüche Salomos mit einem mächtigen Wissen, aber auch mit großer innerer Gleichgültigkeit. Er untersucht sie von außenher. Sie sind aber in Wahrheit mehr und in ihrem Wesen großartiger als das dürftige Bild, das er von ihnen entwirft. Freilich bieten sie in kleiner Scheidemünze den Bedarf des täglichen Lebens an sittlichen Wahrheiten und religiösen Grundsätzen. Sie klingen einfach, oft nüchtern, scheinen nur auf das Zweckmäßige gerichtet und wachsen heraus aus der Welt eines engen bürgerlichen Daseins, und sie scheinen nur den nächsten Zielen von Handel und Wandel verständig zu dienen. In Wahrheit aber ruhen auch sie auf dem Grunde der erhabenen Thora, der gewaltigen prophetischen Rede. Der Odem der göttlichen - Offenbarung, der die ganze Heilige Schrift durchweht, durchdringt auch diese praktische Weisheit. Die ferne Epoche, in der sie gefunden, gelehrt und geprägt wurde, war voller Lust und Lärmen, und viele, Alte und Junge, schäumten über von lauter und roher Freude. Auch jene Zeit hat Wein, Weib und Gesang geliebt. Das Buch Mischle kennt wohl die „Freuden" des Alkohols und warnt vor ihnen. Dringend mahnen die „Worte der Weisen": „Schau den Wein nicht an, wie er rötlich blinkt, im Becher Perlen wirft und lieblich eingeht. Zuletzt beißt er wie. die Schlange und sticht wie die Otter, deine Augen schauen .Seltsames, und dein Herz redet Verkehrtes, du schläfst im Herzen des Meeres und du schläfst droben auf dem Mast." Und sie lassen den Betrunkenen reden: „Sie haben mich geschlagen, und es tut mir nicht weh, sie haben mich gestoßen, und ich weiß nichts davon. Wann werde ich wieder aufwachen? Dann will ich wieder verlangen." Und auch damals ist das treulose Weib die Klippe, an der. der junge Mensch scheitert. Mit einer merkwürdigen Lebendigkeit schildert das siebente Kapitel das Treiben der Ehebrecherin, unermüdlich beschwört unser Buch den Mann und namentlich den dummen jungen Menschen vor diesen Raubtieren. „Ihr Haus sinkt in die Gruft, und zu den Schatten führen ihre Wege. Wer zu ihr kommt, der kehrt nicht mehr zurück und erreicht nicht mehr die Bahnen des Lebens." Und gerade an ihr zeigt es die innere Notwendigkeit, mit der die Schuld zum Untergang führt. ,,Kann ein Mann Feuer in seinem Schöße tragen, ohne daß seine Kleider verbrannt werden? Kann er auf glühenden Kohlen gehen, ohne daß seine Füße versengt werden? So geht es dem, der zum Weibe seines Nächsten kommt. Nicht bleibt ungestraft, wer sie berührt." Ganz anders aber ist die Lebensstimmung der Heiligen Schrift. Ihr Grundzug ist ein tiefer Ernst, und auch ihre Freude ruht auf diesem Fundament. Die Sprüche Salomos beginnen: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht vor Gott." Und sie stehen damit im Einklang mit der Lebensanschauung und der Gottes- und Weltstimmung der späteren Ge-