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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 113 - 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Der Tod der Debora Traub
Date
1905-02-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 4)
Language
German
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113 Richard Hnldschiner: Der Tod der Debora Traub. 114 schalten. Ich war wohl recht unerfahren und ungeschickt. Nein, ich stand nur so am Herd und kochte die Suppe. Und dann sollte ich wohl Salz hinzutun oder Muskatnuss. Und weisst Du, Oheim" — sie schaute sich wie erschrocken um und flüsterte, als ob jemand sie hören könnte — „da stand einer neben mir und hielt mir die Tüte hin, ein ganz kleiner Mann mit rotem Haar, den ich nie gesehen hatte. Und da fürchtete ich mich sehr. Aber dann war er auf einmal weg und ich trug die Terrine in die Stube." Ich aber stand auf, legte den Tallis um und verhüllte mein Gesicht, auf dass mir Gott Kraft gebe, ihre arme Seele von weltlichen Dingen abzubringen und auf ihn zu lenken. Und dann betete ich mit ihr, da sie sich willig zeigte, die ganze Nacht. Es war recht kalt, und draussen fegte der Sturm um die grossen Bäume, die hinter der Frohnerei stehen, also dass die dürren Aeste misstönend aneinanderstiessen. War auch recht dunkel in der Zelle, da die Laterne nur einen schwachen Schein geben mochte. Aber Debora sah mit glänzenden Augen so heiter in Nacht und Bekümmernis, dass ich mich höchlich verwunderte und Gott inbrünstig anflehte, er möge mir in meiner Sterbestunde so viel Kraft und Ergebung schenken, wie auch allen, die seine Gebote kennen und halten. Warj nicht ein Augenblick, da sie verzagte oder erbleichend an das Ende dachte. „Mir ist wohl," sagte sie zu verschiedenen Malen, faltete die Hände fromm im Schoss und sah mir mit stillen Augen in das Angesicht, dass ich wohl erkannte: nicht ich kam, ihr Ruhe zu geben. Und ich sang den Psalm Davids: rWohl dem, dessen Uebertretung vergeben, dessen Sünde bedeckt ist, Wohl dem, dem Gott Verschuldung nicht zurechnet, Und in dessen Geist kein Falsch ist! Da ich schwieg, schwanden meine Gebeine Durch mein unaufhörliches Stöhnen; Denn Tag und Nacht lastete deine Hand auf mir, Mein Lebenssaft verwandelte sich durch Sommergluten. — Meine Sünde bekannte ich dir und verhehlte meine Verschuldung nicht, Da vergabst du mir meine Sündenschuld." Gegen Morgen aber, da das Leben wieder auf den Gassen begann und die Nachtwächter mit ihrem Horn die letzte Runde machten, hörten wir im Hof der Frohnerei ein Lärmen und Fahren, also dass ich wohl erriet, was draussen für ein Wagen wartete. Debora war still und blass geworden, sah immer zu dem vergitterten Fenster auf, das so hoch über dem Fussboden Sag, dass man nichts ersehen konnte als ein Stückchen des nächtigen Himmels. Mir wankten die Knie und ich musste mich setzen. Und wie ich so dasass und in stillem Kummer bedachte, dass sie nun sterben sollte, als ein bejammernswertes Opfer, dem wohl ein besseres Los zu gönnen gewesen wäre, da erwachte in meinem alten Hirn der Wunsch, sie zu retten; „Debora," sagte ich und nahm ihre Hände, rwenn nun die Frauen kommen, dann sollst Du fliehen. Ich will mit dem Schliesser reden und ihn in ein Gespräch verwickeln, also dass er nicht acht haben kann. Derweil aber mag Serka, meine Frau, die Kleider mit Dir tauschen, und während die anderen mit Dir davongehen, will ich mit meinem Weibe im Kerker bleiben. Ich bin alt und habe genug gelebt, und Gott wird mir mein bisheriges Leben für diese Tat anrechnen. Serka aber kann kein Unheil geschehen, denn ich, der Mann, habe ihr also zu handeln befohlen." So sprach ich und bedachte nicht die Torheit dieses Planes, und nicht, dass er nimmermehr gelingen konnte, wie ja auch die Frauen nicht eingewilligt hätten. Aber ich musste es sagen, denn mein Herz verzagte und vermochte nicht mehr den Kummer zu ertragen. Da lachte Debora ganz fröhlich, beugte sich über meine Hände, küsste sie und schüttelte den Kopf: rIch bleibe, Vater Abraham, ich will geduldig sein." Da fiel ich auf die Knie und betete laut zu Gott, dem Herrn, und Debora fiel ingleichen auf die Knie und hob die Hände, dass ich nie eine solche Hingabe gesehen habe und gewisslich nie mehr sehen werde. Wir haben auch kein Wort mehr gesprochen, das nicht Gott gegolten hätte. Gerade, als es auf St. Jakobi sechs Uhr schlug, liess der Schliesser die Frauen des Beerdigungsvereins herein, die Malka, Frau des Elija Wiener, meine Schwägerin Pesche, Frau des Armen- FRIEDRICH BEER. MARMOR BÜSTE. J. Walter. (Redakteur des „Figaro".)

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