Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 4)
- Language
- German
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99 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 100 FRIEDRICH BEER. SCHAUSPIELER POURIN. zu beschützen — wie Du also jetzt, da Deine Mittel Dir solches nicht mehr erlauben, ohne Schmerz auf die grosse Wonne verzichten kannst, die aus solchen Handlungen fliesst. Das ist mir ein Rätsel." Darauf antwortete der andere: „Wahr ist es, dass mich häufig ein grosses Weh bescbleicht und das Herz sich mir zusammenschnürt, wenn ich einen Armen sehe, dem oft mit der kleinsten Gabe geholfen werden könnte, und da mir auch dies versagt ist, gedenke ich unwillkürlich der alten Zeilen. Aber ich trachte mein Gewissen zu erleichtern, indem ich mich doppelt bemühe, den Dürftigen, da ich kein Geld habe, mit meiner Person, wo ich nur irgendwie kann, nützlich zu sein. Siehe, ich unterweise zum Beispiel unentgeltlich die Kinder der Armen, die sonst ohne jeden Unterricht, ohne Kenntnis der Heiligen Lehre und der göttlichen Gebote aufwachsen würden. Ich kann freilich nur wenig hergeben, um Not und Elend zu lindern, aber ich bemühe mich, so gut ich kann, mit denen, die noch ärmer sind als ich, das Wenige, was ich habe, zu teilen; soweit raeine Pflichten es zulassen, pflege ich Kranke, nehme mich der Waisen und der Witwen an, mit einem Worte, ich übe gute Taten, freilich nicht mit dem Vermögen, das ich ja nicht besitze, wohl aber mit meiner Person, und ich hoffe, dass das Wenige Gott gerade so lieb ist wie das, was ich tat, als mir grosse Reichtümer zur Verfügung standen." Jenem gab diese Antwort viel zu denken. Doch erneuerten sie bei dieser Gelegenheit den einstigen Schwur ewiger Freundschaft, wonach die beiden in dieser und in der anderen Welt ewig unzertrennlich sein sollten. Nach langer Zeit kam endlich für beide die Stunde des Todes. Beide starben an einem und demselben Tage. Als sie in das Jenseits kamen, wurde jeder auf eine ganz verschiedene Art empfangen. Zum •Empfange des Reichen rückten ganze Engelchöre an. man machte ihm Platz, erwies ihm die Ehren, die einem vollkommenen Gerechten gebühren, welcher ungeheure Schätze guter Taten mit sich bringt, schliesslich geleitete man ihn nach einem sehr hohen und ehrenvollen Platz. Der Arme dagegen lenkte weit weniger die Aufmerksamkeit auf sich. Man empfing ihn in Gemeinschaft mit einem grossen Haufen anderer Seelen, die gleichzeitig an die Pforten des Himmels angelangt waren, und schliesslich wies man ihm einen Platz irgendwo in einer unansehnlichen Ecke an. Durch diese Behandlung fühlte sich der Arme sehr gedemütigt, und überdies tat es ihm weh, der Gesellschaft des geliebten Freundes verlustig zu gehen, der nunmehr viel höher als er stehen und ihm fortan gewissermassen fremd sein sollte. Er sagte daher zu den diensthabenden Engeln: „Mit euch will ich nichts zu tun haben, ich will mich euern Anordnungen nicht fügen, ich traue euren Rechtsprüchen und Urteilen nicht, ich verlange sofort vor den Thron Gottes geführt zu werden, damit ich meine Klage vorbringe." Nun haben die Engel des Himmels den strengen Befehl, in solchen Fällen sofort dem Willen des Unzufriedenen Folge zu leisten; sie mussten als^, ob sie es wollten oder nicht, dem Wunsche des Armen willfahren. Als dieser vor dem Antlitz des lieben Herrgott stand, hub er folgendermassen zu sprechen an: „Herrgott, was geht denn da vor bei dir? Das ist ja schon beinahe ganz wie bei uns dort unten auf der Erde, wo man den Armen stets benachteiligt und kränkt und vor dem Reichen das Haupt neigt. Selber hast du in deiner Thora niedergeschrieben, man solle die Armen nicht kränken und die Reichen nicht ungebührlich vorziehen, Zuwiderhandelnden aber hast du mit den strengsten Strafen gedroht, und am Ende FRIEDRICH BEER. MARMORBÜSTE. Prinzessin de Croy.