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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 101 - 102

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1905-02-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 5)
Language
German
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101 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagenuml Märchenwelt. 102 erlaubst du, dass man bei dir im Himmel in deiner nächsten Nähe deine eigenen Gesetze mit Füssen tritt. Solch ein Wirt bist du? Das gelallt mir ganz und gar nicht. Ich fordere eine Erklärung." Und er erzählte die ganze Geschichte, worüber er so entrüstet war, und was der liebe Herrgott natürlich von selber ganz genau wusste. Der liebe Herrgott hörte ihn geduldig an, dann lächelte er gütig und sprach: „Du irrst dich, mein Sohn, wenn du glaubst, dass deine und deines Freundes "Verdienste gleich gross seien. Du hast freilich alles getan, was in deiner Kraft lag. und hast Verdienste erworben, die an und für sich in meinen Augen nicht minder gross sind als die deines Freundes. Und dennoch ist ein giosser Unterschied zwischen dir und ihm vorhanden, infolgedessen seine Verdienste höher einzuschätzen sind als die deinigen. Siehe, er war reich, besass unermessliche Schätze an Gold und Edelsteinen und alleihand Gut, hatte eine Gewalt über viele Menschen; vor ihm neigte man das Haupt, man umschmeichelte ihn, keiner wagte, ihm die "Wahrheit ins Gesicht zu sagen, selber hatte er den grössten Teil seines Lebens kein Elend gekostet, er hatte längst vergessen, wie Hunger und Not schmecken. All das macht gewöhnlich das Herz des eiteln Menschen hart, macht es fühllos für das Leiden seiner Nächsten, unfähig, zu verstehen, was in der Seele eines Armen vorgeht. Dein Freund jedoch gehörte zu den sehr seltenen Ausnahmen, die dem Reichtum nicht erlauben, ihre Seelen zu beflecken. Das ist sein Verdienst. Dir aber, der du selber arm warst, selber unter dem Joch des Elends seufztest, dir war es ungleich leichter, das bittere Los der Unglücklichen nachzufühlen, Erbarmen mit ihnen zu haben und ihnen Gutes zu tun. Du haltest nicht so viele Hindernisse zu überwinden, noch so vielen Versuchungen zu widerstehen wie er. Glaubst du, solche wie er kommen alle Tage her? Nein. Nur alle paar tausend Jahr einer. Darum haben sich meine Engel über den seltenen Gast so sehr gefreut. Aber solche wie du FRIEDRICH BEER. Deputierter Lagasse (Verteidi0er Ravachols.) kommen hier jeden Tag an. Was soll man viel Aufhebens davon machen? Erwäge das gut in deinem Herzen, mein Sohn, und du wirst einsehen, dass mein Urteil gerecht ist. Da du aber dein ganzes Leben in ungetrübter Freundschaft mit ihm ausgeharrt hast, ohne den Einflüsterungen des Neides und anderer böser Triebe zu deinem Herzen Zutritt zu gewähren, so will ich dir eine Gnade erweisen und nicht erlauben, dass man euch trenne.14 Also sprach der liebe Herrgott, und die beiden Freunde blieben in alle Ewigkeit beisammen. Darum sagt das Sprichwort: Ein guter Freund ist gut aut dieser und auf jener Welt. DES SAENOERS SCHULD UND SUEHNE. Mitgeteilt von E. B. (Wilna). Nachdruck verboten. Der Komponist der Synagogalmelodie, die weiter unten folgt, lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Wilna, wo er Chasan der berühmten dortigen „grossen Schuhl" war. Er hat eine grosse Anzahl ergreifender Synagogenmelodien hinterlassen, die noch heute weit und breit berühmt und bewundert sind. Er starb in sehr jugendlichem Alter. Da er nicht nur als Komponist, sondern auch als Sänger viel Bewunderung und Liebe erntete, so hat die Volksphantasie um sein Leben und seinen frühen Tod eine merkwürdige romantische Sage gewoben, die hier in kurzen Zügen wiedergegeben werden möge: Man nannte ihn das ,,Hausväterch en" von Wilna.1) Er war nämlich noch ein gar junger, kleiner Knabe, als schon sein Gesang das Entx) „Das Wilnaer Baal-bessel" populäre Diminutivform von „Baalbuss" — Hausvater, pater familias. zücken der Hörer derart erregte, dass man trotz seines zarten Alters beschloss, ihn, als wäre er schon ein Verheirateter, ein Hausvater, zum Chasan der altehrwürdigen grossen Synagoge zu machen. Da er noch so klein war, musste er vor dem Altar auf einem Schemel stehen. Sein Singen war das schönste, das man jemals gehört hatte. Man gab ihm, wie jedem frommen jüdischen Kinde, eine Frau, und er war sehr glücklich. Von weiter Ferne pilgerte man nach Wilna, um sein Singen und Vorbeten zu vernehmen. Die Wilnaer liebten ihn wie ihren Augapfel und waren stolz auf ihn. Die Grossen der Stadt verhätschelten ihn und erfüllten ihm jeden Wunsch. Andere grosse Städte bewarben sich um ihn, aber alle ihre Bemühungen waren vergebens. Endlich kamen die AVarschauer und bewirkten nach langen Werbungen, dass das Hausväterchen sich entschlo.-s, aut einen Sabbat hinzufahren und in ihrer Synagoge vorzubeten. Dort

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