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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 97 - 98

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1905-02-01
Page
Seite 97 - 98 (sequence 3)
Language
German
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97 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sa-cn- und Maichcmve'.t. 9S Leute: „Würde man alle Bündel, die die Menschen tragen, an eine Wand aufhängen, jeder Mensch würde nach dem seinigen zurückgreifen." Zwei Freunde. Es waren einmal zwei Jünglinge, die gemeinsam in einer Jeschiba lernten. Die beiden waren seit der frühesten Kindheit durch enge Freundschaft verbunden; sie waren zusammen erzogen worden, hatten zusammen Not und Hunger ertragen, und nun lernten sie zusammen und träumten zusammen von der Zukunft. Schliesslich reichten sie sich die Hände*), dass ihre Freundschaft ewig dauern und weder in dieser noch in der anderen Welt aufhören solle. Eines Tages kamen in die Jeschiba zwei reiche Leute aus einer fernen Stadt, um Gatten für ihre Töchter zu wählen. Sie baten das Oberhaupt des Lehrhauses, ihnen die beiden fähigsten Jünglinge zu bezeichnen, die sich in der Lehre am meisten auszeichneten. Er nannte ihnen unsere beiden Freunde, die allgemein als die Ersten unter den Kollegen galten. Die beiden Freunde siedelten nun in die ferne Stadt als Schwiegersöhne reicher Männer über, und es erging ihnen sehr gut. So lebten sie viele Jahre in derselben Stadt in ungetrübter Freundschaft und im Wohlstand dahin, bis eines Tages das Schicksal anfing, einen von ihnen zu verfolgen. Was immer er anfassen mochte, er hatte kein Glück, bis er endlich das ganze Vermögen verlor. Und in demselben Masse, als den einen der Freunde das Unglück verfolgte, gesellte sich dem anderen das Glück zu, er hatte in allem, was er unter nahm, Erfolg, bis er am Ende sehr, sehr reich wurde. *) Was soviel wie ein Schwur bedeutet. FRIEDRICH BEER. MARMOR. Fragment eines Grabdenkmals. FRIEDRICH BEER. MARMORBÜSTE. Gattin des Deputierten Tessitr. Doch die Freundschaft der beiden hielt auch jetzt, trotz des Unterschiedes der Lage, stand. Der Reiche bot jedesmal dem Armen seine Hilfe an, dieser aber weigerte sich entschieden, auch nur das Geringste anzunehmen, indem er behauptete, solange einer sein Brot verdienen könne, dürfe er dem Freunde nicht zur Last fallen. Da er eine schöne Stimme hatte und schön zu singen verstand, wurde er Chasan, aber das Unglück Hess ihm keine Ruhe, und so verlor er die Stimme. Schliesslich wurde er Kinderlehrer in derselben Stadt. Er verdiente so viel, dass er seine Familie kümmerlich, aber redlich ernähren konnte. Doch verliess ihn die Seelenheiterkeit keinen Augenblick, und nie vernahm jemand aus seinem Munde eine Klage wider die Fügungen des lieben Herrgott, im Gegenteil, er trug sein Schicksal mit Ergebung und dankte dem Himmel für alles. Und die Freundschaft zwischen den beiden Genossen erfuhr noch immer keine Trübung. Trotz der Verschiedenheit ihrer Lage besuchten sie sich gegenseitig, berieten miteinander ihre Angelegenheiten, und in freien Stunden führten sie lange Disputationen über gelehrte Sachen, mit einem Woite, sie liebten sich nach wie vor, -wie es Gott befiehlt. Einmal sprach der Reiche — der ein sehr wohltätiger Mann war und die Armen mit Geld und Rat freigebig unterstützte — zu seinem verarmten Freunde: „Ich bewundere die Seelenruhe, mit der Du Deine Notlage erträgst, ohne gegen den Himmel zu murren; aber was ich vollends nicht begreifen kann, ist, wie Du, der Du in den guten Zeiten soviel Geld auszugeben pfleglest, um Hungrige zu nähren. Nackte zu kleiden, Waisen zu erziehen, Witwen und Verlassene

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