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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 95 - 96

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1905-02-01
Page
Seite 95 - 96 (sequence 2)
Language
German
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95 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 96 FRIEDRICH BEER. Fragment der Statue „Elegie". was aus ihm werden sollte. Endlich erinnerte er sich des Briefes vom Baal-Schern, den er, im Rock eingenäht, bei sich trug. Jetzt war die Zeit, ihn zu öffnen. Darinnen stand zu lesen, er solle seinem Wirt, während er die Havdala spricht, die Hand in den Gürtel stecken und zu ihm sprechen: „Ich beschwöre Dich im Namen des Baal-Schern, dass Du mir sagest, wer Ihr seid und mir den Weg nach meiner Heimat zeigest." Als der nächste Sabbat kam, tat der Chassid, wie ihm geheissen ward, und der Hausherr erzählte ihm folgendes: „Wir sind gar keine lebenden Menschen, wie Du, wir sind längst verstorben. Vor vielen, sehr vielen Jahren wohnten wir in einer fernen Stadt. Da gab einmal der Kaiser ein Gesetz heraus, wir sollten uns alle taufen lassen, sonst würden wir gemartert und dann hingerichtet werden. Wir erbaten uns drei Tage Bedenkzeit, aber nur, um vor dem Tode Busse für unsere Sünden tun zu können. Der dritte Tag war Sabbat. Wir feierten den Sabbat, -wie es Gott gebietet, mit Lobgesängen und Liedern, wir assen und tranken und freuten uns, als wäre nichts geschehen, denn wir wollten die Heiligkeit des Tages nicht durch Trauer verletzen. Als der Abend kam, beschlossen wir alle, zu sterben; wir zogen das Los, einer schlachtete den anderen, und der letzte band sich einen Stein an den Hals und sprang ins Meer. Denn wir hatten gefürchtet, wenn wir lebend in die Hände des Peinigers fielen, könnten wir abtrünnig werden. Im Himmel aber entstand darob ein grosser Sturm. Sollten solche Menschen derart vor der Zeit sterben, und was sollte ihr Lohn sein? Wir gingen darauf ins Paradies zum ewigen Leben ein, aber an jedem Sabbat nehmen wir wieder irdische Gestalt an und steigen auf diese Insel nieder, wo wir den Sabbat in Freuden und Jubel begehen, gleich wie wir es am letzten Tage unseres irdischen Lebens getan haben." Darauf wies er dem Gast einen Weg, der ihn nach Hause führte. Anmerkung: Diese merkwürdige Geschichte ist in mehreren Varianten verbreitet. Es scheint hier die chassidische Bearbeitung einer älteren Sage vorzuliegen. Die ältere Quelle vermag ich nicht anzugeben. * * Die Bürde des Schicksals. Jeder trägt sein Bündel Kummer und Leiden auf den Schultern, sagt das Sprichwort. Es war einmal ein Mann, der trug ein gar grosses und schweres Bündel auf den Schultern, schon viele Jahre lang, und alle Mühe, es abzuwälzen, war vergebens. Einmal ging er durchs Land, und die Last beugte ihn so nieder, dass er beinahe zusammenbrach. Das war ihm endlich zu viel, und er fing an zu jammern und zu klagen: „Wenn ich doch einmal dieses verdammte Bündel da los werden und mich gerade aufrichten könnte! Wie würde ich Gott loben und preisen!" Da bedachte er, was das Sprichwort sagt, dass jeder Mensch ein Bündel durchs Leben tragen muss, und sagte zu sich: „Wenn es schon ein Bündel sein muss, so wäre miT jedes andere lieber als das, welches ich auf den Schultern habe, all die Jahre hindurch." Er musterte in Gedanken alle seine Freunde und Bekannten und fand, dass das Bündel, welches jeder andere auf den Schultern hatte, viel kleiner und leichter und bequemer zu schleppen war, als das seine. Und wie er so dastand und sann, erschien vor ihm plötzlich ein kleines, graues Männchen, das war Eliah, der Prophet, fasste ihn bei der Hand und sprach: „Komm, folge mir!" Sie gingen Waldaus, waldein, über Berge und Täler, bis sie zu einem hohen Felsenberg gelangten. Vor Eliahs, des Propheten, Berührung traten die Felsen auseinander und sie drangen hinein. Da fanden sie sich in einem gar. weiten und mächtigen Raum, und darinnen hingen an den Wänden der Bündel so viele, dass sie nicht zu zählen waren, von allerlei Gestalt und allerlei Grösse. Es waren darunter ganz kleine, die, wie es den Anschein hatte, schon ein Kind tragen konnte, und dann wiederum riesengrosse, die ein starker Mann kaum hätte heben können. „Das sind die Bündel Kummer und Leiden, die den Menschen aufgeladen werden," sagte Eliah. „Es gibt keinen, dem nicht eins beschieden wäre. Es steht Dir jetzt frei, das Deinige abzuwälzen und Dir ein anderes zu wählen." Der Mann war ganz erfreut, schmiss sein Bündel vom Rücken und griff nach einem der kleinsten. Wie war er nun erstaunt, als er das kleine Bündel so schwer fand, dass es nicht von der Stelle zu rühren war. Er versuchte es mit anderen, aber es ging ebensowenig. Die einen waren zu gross, die anderen hatten Knoten und Ecken und rieben ihm die Schultern wund, wieder andere wollten nicht ruhig liegen bleiben, sondern rutschten hin uDd her und zerschlugen ihm die Rippen. Nach langem Hin- und Hersuchen sagte der Mann sich schliesslich, wenn ich schon ein Bündel tragen muss, so ist mir mein altes lieber. Packte es, lud es auf die Schultern und lief davon. Seither sagen die

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