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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 87 - 88

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Friedrich Beer
Date
1905-02-01
Page
Seite 87 - 88 (sequence 3)
Language
German
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87 Dr. Theodor Zlocisli: Friedrich Beer. FRIEDRICH BEER. MARMORBl'STE. Miss Waldeck. Mit besonderer Liebe hat Heer Frauenköpfc modelliert. Schon in seinen Reliefs fällt die duftige und weiche Behandlung auf. Es liegt etwas von der schlichten Grösse der Antike in seinen Fraucngestalten, voll des Adels der Schönheit. Sein Bronzerelief einer sitzenden Jungfrau, sein Fragment eines Grabdenkmals sprechen vom Kultus der Grazie, von einem Adel durchgeistigter Form. Die Grenzlinie zwischen warmer und weicher Empfindung und weichlicher Sentimentalität — wie vornehm und sicher ist sie gewahrt! Man beb achte die köstliche Büste von Fräulein Waldeck: die Einfachheit im Aufbau, die jede Pose ablehnt; die Führung der grossen Linie, der alles 1 'etail geopfert wird, die breite, plastische Herausarbeitung der Stirn, der Augen- und Kinnpartien. Ohne ilass durch den scharfen Schnitt der Silhouette und die strenge und massive, fast herbe Behandlung Anmut und Liebreiz dieser Mädchenknospe gefährdet würden. Ihn reizte es, den seelischen Gehalt gerade der Menschenkinder auf den Marmor zu bannen, die durch die Jahre und den Sturm des Lebens noch nicht aufgeschlossen "waren. So kam er zu seinen Kinderstudien. Die Züge sind noch weich und glatt. Noch hat das Leben nicht seine tiefen Schriftzeilen in das Antlitz gemeisselt. Das ganze Wesen ist noch lange nicht ausgeprägt. Und doch schlummern in der Tiefe, in der Unberührtheit der Seelen schon alle Triebe und Instinkte und die spezifischen Nuancen der Anlagen nur noch im Halbschlummer. Die Entwicklung ist schon im Zuge. Dem Künstler erschliesst sich dort eine AVeit, die seinen Welten so nahe liegt. Die Welt der Ahnungen. Für den ernsten und sinnenden Beer stauten sich hier die Probleme. Ihrer Bewältigung hat die Arbeit vieler Jahre gegolten. Es war fast noch Neuland, das er der Plastik, der psycho logischen Plastik erschloss. Seine Arbeiten, die alljährlich im Salon ausgestellt waren, bildeten den Mittelpunkt des Interesses. Schon 1879 konnte der feinsinnige Kunstkritiker Michael Georg Conrad — der Initiator der deutschen naturalistischen Bewegung — schreiben, dass Beer als Interpret der kindlichen Seele keinen einzigen Mitbewerber, der ihm überlegen wäre, hätte. Er hatte eine Terracotte ausgestellt. Zwei Mädchen. Das eine sitzt auf dem Stuhl. Das andere steht hinter ihm und schmiegt sich sanft an das ältere Schwesterchen an. Gewiss ein einfaches Motiv, das nicht durch seine Grösse und Eigenheit imponiert. Aber die köstliche Sehnlichen: der jungen Freuden und die morgendlichfrische Art jugendlicher Lebensgier leuchteten auf den Gestalten. Es war nur natürlich, dass ihm in der Folge Aufträge für Kinderbüsten in Ueberlluss zukamen. Beer hat in den siebziger und achtziger Jahren tatsächlich' viele Hundertc solcher Arbeiten ausgeführt. Aber die rein künstlerischen Vorwürfe drängten sie nur zeitweise zurück. Zwischendurch entstanden zwei seiner Meisterwerke, die auch in der Richtung seiner Kinderbildnerei lagen. Die in vielen Nachbildungen verbreitete Statue: Luther, mit dem Buch in der Hand. Brot bettelnd, und Albrccht Dürer als Knabe. Das letzte Bildwerk stand 1887 in der Berliner Jubiläums-Ausstellung. Es wurde vom Deutschen Reich angekauft und stellt heute eines der wertvollsten Stücke der Berliner Nationalgalerie dar. Dürer sitzt mit verschränkten Beineir auf seinem Sessel. In zwangloser Haltung. Der Knabe sinnt. Der Körper wie festgebannt unter der Wucht der inneren Gesichte. In den wunderbar gemeisselten Händen glauben wir die Nerven zu spüren. Die .Majestät des Genius hat sie geküsst. Und dann dieser Kopf! Das ist kein altkluger Knabe; kein frühreifes, kein nervöses Kind. Faltenlos und voll unberührter Jugendfrische das Gesicht. Aber der tragische Ernst des Künstlers liegt darüber — wie hingehaucht. Und mit überirdischem Schauen, seiner selbst nicht bewusst, voll Träumerei und voll Bestimmtheit sind diese weiten Augen begnadet. Sind diese Zeichen, Charaktere des vollendeten Künstlers, gewissermassen zurückgeschraubt auf das Antlitz eines- Kindes? Nein, keine abstrakte Projektion der Reifheit auf die Keimesanlage. Es ist ein Knabe und ganz ein Kind, das in eine Zukunft weist. Die Ahnung der-

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