Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Das Judentum un das Wesen des Christentums
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 79 - 80 (sequence 4)
- Language
- German
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79 —M—G—: „Das Judentum und das Wesen des Christentums." 80 liehen Erscheinung so weit wie möglich in die Breite und in die Tiefe zu verfolgen sucht, in der man jeden grossen Menschen auch als hervorragenden Vertreter seines Geschlechtes, seines Volkes, seiner Rasse darzustellen bemüht ist und aus verschiedenartigsten Faktoren der Vergangenheit die Entstehung seiner Eigenart sich zu erklären sucht, wird uns Jesus wie ein Meteorstein vorgeführt, der vom Himmel gefallen ist, zufällig gerade unter die Juden, als ein Geist, der souverän über ihren geistigen Besitz schaltet und die geschichtlich gegebenen Verhältnisse verwertet, aber unendlich hoch darüber steht und den Menschen an und für sich, wie er unter den verschiedenartigsten Umständen immer derselbe ist, im Auge hat." So erscheint nach Harnacks Schilderung der Xazarener gänzlich losgelöst von seinem Mutterboden, ausser Zusammenhang mit den Lehren und Strömungen innerhalb seiner Umgebung, höchstens noch in scharfem Widerspruch, in unversöhnlicher Fehde mit ihnen. Nun hat mittlerweile Harnack selber eine tiefgehende Scheidung vorgenommen zwischen dem, was das „Evangelium im Evangelium", das Bleibende, Wertvolle, das Wesentliche im Christentum ausmacht, und dem, was nur unwesentlichesBeiwerk ist. Letzteres (darunter die ganze sogenannte Christologie) lässt er fallen, als ersteres bezeichnet er die drei Hauptgedanken der Predigt, d. h. des Lebenswerkes, der ureigenen Schöpfung Jesu, als da sind: die Lehre vom Reiche Gottes und seinem Kommen, von Gott dem Vater und dem unendlichen Weit der Menschenseele, und endlich von der besseren Gerechtigkeit und dem Gebot der Liebe. Eschelbacher weist in einer Reihe ebenso gediegener wie glänzender Darlegungen den ursprünglich echt jüdischen Charakter dieser drei Grundlehren nach. Aus rein]'üdischen Keimen in jüdischem Erdreich emporgesprossen und erblüht, haben sie erst später unter dem Hauch essenischen Geistes im Gemüte Jesu eine Färbung und einen Beigeschmack gewonnen, die sie dem Geist und der Richtung des Judentums entfremdeten, weswegen ihr Verkünder vom jüdischen Volke einhellig abgelehnt wurde. Und wie die fortgeschrittene Kritik und das geläuterte Bewusstsein der modernen Völker jene drei Grundlehren auffasst, weisen sie, seltsam genug, eine frappante Aehnlichkeit mit ihren ursprünglich jüdischen Urbildern auf. „Die Religion bezeichnet Harnack als die Gottes- und die Nächstenliebe. Diese Auffassung ist nicht die Schöpfung des Christentums, sondern die des Judentums, von ihm aus ist sie in das Christentum übergegangen und dort viele Jahrhunderte hinter dieLehre von Christus als dem göttlichen Wesen und der von ihm vollzogenen Erlösung zurückgetreten. Nun erscheint sie nach einer langen religiösen und philosophischen Entwickelung wieder als das allein Wesentliche und Wahre, als dasjenige, was dem Leben einen Sinn gibt, mehr noch, als der Stolz des letzten Jahrhunderts der Wissenschaft." Eschelbacher bekämpft die neuerdings u. a. von M. Friedländer verfochtene Lehre, dass die paulinische Geistesrichtung in einem frühen jüdischen Antinomismus wurzelte, der namentlich unter den Juden der Diaspora verbreitet war. „Mehr oder weniger von der protestantischen Theologie aufgegeben und auch im Bewusstsein der verschiedenen Konfessionen zurückgetreten sind vorzugsweise diejenigen Elemente im Christentum, die aus heidnischen Vorstellungskreisen oder aus der griechischen Philosophie stammen. Die paulinische Lehre von der ursprünglichen Schlechtigkeit der menschlichen Kreatur und ihrer Unfähigkeit, durch eigene Kraft zum Guten zu kommen, wie die von der Möglichkeit ihrer Erlösung allein durch den Glauben an Christus und an das durch seinen Kreuzigungstod gebrachte Opfer führen nur noch in den Lehrbüchern der Dogmatik ein schattenhaftes Dasein. Erhöht hat sich ihnen gegenüber durch die gewaltigen Fortschritte der letzten beiden Jahrhunderte die Schätzung der Natur des Menschen und seiner ihm angeborenen Kräfte, das Bewusstsein von seinen Rechten und Pflichten. Gestiegen ist der AVert, und erweitert haben sich die xVufgaben der Gerechtigkeit gegenüber den subjektiven Empfindungen der Liebe und der Barmherzigkeit. Die straffe Forderung „Du sollst % die Paulus in dem „Gesetz" so scharf bekämpfte, ist von Kant aufgenommen und zum kategorischen Imperativ der Pflicht erhoben worden." Mit einer ergreifenden Tragik wirken die meisterhaften Ausführungen Eschelbachers über die vorchristliche Tätigkeit der Juden, namentlich der ausserhalb Palästinas angesiedelten, zur Verbreitung der jüdischen Lehre unter die Heiden — eine eifervolle, opfermütige, fruchtreiche Tätigkeit, ohne welche die nachherige rasche Ausbreitung des Christentums undenkbar wäre. Man weiss, wie dem Judentum dieses Verdienst heimgezahlt wurde. Der Eindruck, den die griechische Uebersetzung des Alten Testaments in der