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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 77 - 78

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Das Judentum un das Wesen des Christentums
Date
1905-02-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 3)
Language
German
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-M- G—: „Das Judentum und das AVcscn des Chrislcntums." 77 Fragen der Welt, zu dieser sichern und klaren Beherrschung des komplizierten und schier unübersehbaren Stoffes — bedurfte es allerdings einer reich begabten, empfänglichen, vielseitigen Individualität, die im ernsten Ringen mit den weltbewegenden Fragen sich eine innere Festigkeit und Ausgeglichenheit erkämpft, eine geschlossene, harmonische Weltanschauung erreicht hat. Aber diese Individualität fusst auf dem kräftigen Unterbau, den die Wissenschaft des Judentums aufgeführt hat, ist genährt mit dem Ertrag ihrer rastlosen, hundertjährigen Arbeit. Es gab eine Zeit, da auf jüdischer Seite die Erörterung der christlichen Lehren mit einer gewissen mystischen Scheu gemieden wurde. Dies war teils die Nachwirkung der schauerlichen Erinnerungen an die blutige Widerlegung, die in verflossenen Zeiten jede offenherzige Beurteilung der christlichen Dogmen erfuhr. Aber es war darin auch eine unausgesprochene kleine Aengstlichkeit, dass nicht der Wert des Judentums verblasse angesichts des blendenden äusseren Glanzes der christlichen Religion und deren gewaltiger Machtentfaltung. Eine bange Furcht, dass die Ueberzeugung von der Grösse und der Vollkommenheit des Eignen nicht erschüttert werde durch eine sachliche Anerkennung und relative Wertschätzung des Fremden. Damit hat die Wissenschaft des Judentums aufgeräumt. Beherzt und unverzagt hat sie im scharfen Tageslichte moderner Kritik Bau und Leben des Judentums geprüft, dessen geheimsten Zusammenhängen, Widersprüchen und Parallelen mit der Weltkultur nachgespürt, seinen tiefsten Quellen nachgegraben. Sie hat uns gelehrt, die Dinge auf ihren echten und dauernden Wert zu untersuchen, uns das Selbstvertrauen und die gelassene Sicherheit gegeben, dass unser uralter Besitz keinen Vergleich zu scheuen braucht. So lässt denn hier ein streng konservativer Rabbiner der kulturhistorischen und ethischen Bedeutung des Christentums volle Gerechtigkeit widerfahren, ja, er zeichnet das Bild von dessen Stifter mit einer beinahe liebevollen Bewunderung, während er mit ruhiger, sicherer Hand dessen dogmatischen Ueberbau niederreisst, und als den dauernden Kern seines Wesens die alten Lehren des Judentums blosslegt. „Eine solche Ungerechtigkeit, wie die der Heidenkirche gegenüber dem Judentum, ist in der Geschichte fast unerhört. . Die Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und während sie selbst nichts anderes ist, FRIEDRICH BEER. ARBEIT. als transformiertes Judentum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben. Die Tochter verstösstdieMutter,nachdem sie sie ausgeplündert." Mit diesen scharfen und charakteristischen Worten kennzeichnet — Harnack selber das Verhältnis des selbständig gewordenen Christentums seiner Gebärerin gegenüber. Aber er selber verfährt, offenbar als echter Sohn eben dieser Heidenkirche, nicht viel anders. „In einer Zeit, in der man die Wurzeln einer jeden bedeutsamen geschieht-

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