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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 75 - 76

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Das Judentum un das Wesen des Christentums
Date
1905-02-01
Page
Seite 75 - 76 (sequence 2)
Language
German
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75 -M -G— „Das Judentum und das Wesen des Christentums." 76 Gesinnungen der Völker gelenkt und ihre Taten gerichtet werden. Darum war innerhalb der deutschen Judenheit, die sich mit gerechtem Stolz als die erste und vornehmste Trägerin der grossartigen Entwickelung moderner jüdischer Wissenschaft im 19. Jahrhundert bezeichnen durfte, allmählich eine besorgniserregende Abkühlung des Interesses für eben diese Wissenschaft eingetreten. Der grosse Kreis der Gebildeten wandte sich immer mehr von der jüdischen Wissenschaft ab und fing an, sich über die jüdischen Probleme bei den . . . Harnack, Chamberlain, Delitzsch und Bousset Aufklärung zu holen. Denn es ist nicht zu leugnen, dass in der sogenannten gebildeten Welt in den letzten Jahren sich allenthalben tieferes Interesse für religiöse Probleme bemerkbar macht. Und da die berufenen Lehrer des Judentums sich im wohltuenden Schatten der Tempel und der Lehrhäuser hielten, wagten sich allerhand verdächtige Schwarmgeister aus ihren Schlupfwinkeln hervor und summten uns ein seltsam Lied vom Untergang, von der Zwecklosigkeit und dem Bankerott des Judentums. . . . Es ist erfreulich, dass man sich auch bei uns endlich aufgerafft hat, wir wollen dankbar die Gaben empfangen und nicht daran denken, dass es erst der Angriffe von aussen bedurfte, damit diese Gaben uns gereicht würden. Das Buch, von dem hier die Rede sein soll, verdankt seinen Ursprung Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums und bildet die jüdische Antwort auf sie, gleichsam das jüdische Seitenstück zu ihnen. Ein Jude legt hier dar, wie er von seinem Standpunkt aus über die christliche Religion, ihre Entstehung aus dem Schosse des Judentums, ihren Gang durch die Weltgeschichte, vor allem aber, was er von der Persönlichkeit ihres Stifters denkt. An ernstlichen Auseinandersetzungen mit dem Lehrinhalt der Evangelien und den Dogmen der Kirche hat es bei uns nie gefehlt. Lange noch vor Nachmanides und Crescas und spät über Isaak Trocki hinaus bildete die Polemik gegen das Christentum eine stehende Rubrik in unserer Literatur. Sie ist nur zum Teil aus dem inneren Bedürfnis erwachsen, meist war sie die Frucht der unseren Vorfahren aufgezwungenen öffentlichen Disputationen, und sie sollte das Arsenal sein, das die Waffen zur Verteidigung lieferte. Doch in unserer Zeit machte sich das innere Bedürfnis nach einer klaren Stellungnahme vom jüdischen Standpunkte aus dem Christentum als Gesamterscheinung gegenüber immer gebieterischer geltend, und zwar bei allen ernsten und denkenden Juden. Eine Beantwortung heischten dringend die Fragen, die Eschelbacher in folgenden Sätzen präzisiert: „Welcher Anteil kommt den Juden an den Ideen zu, die das Christentum verkündigt und in weite Kreise getragen hat? In welcher Gestalt hat dieses sie aufgenommen, und wie hat es sie weiter verarbeitet? Waren sie (die jüdischen Ideen) bis zur Entstehung des Christentums auf den engen Kreis des Judentums beschränkt geblieben, oder hat dieses selbst schon früher in wetteren Kreisen sie zu verbreiten gesucht? Weshalb haben die Juden Jesum nicht als Messias anerkannt, und weshalb wurde er gekreuzigt? Welchen Gang nahmen die eigenen mes>ianischen Erwartungen des Judentums? Was ist ihm das Wesen der Religion, und mit welchen Anschauungen und Hoffnungen blickt es auf die Entwickelung der Menschheit?" Dieser Komplex von Fragen drängte sich immer mehr dem Geist und dem Gemüt des modernen Juden auf und verlangte nach einer eingehenden Beantwortung, die er in der Literatur vergangener Zeiten in befriedigender Form nicht vorfand. Schärfer noch wurde dieses Bedürfnis fühlbar, als vor einigen Jahren Harnacks Vorlesungen so viel Aufsehen machten und in jüdischen Kreisen einen verhältnismässig sehr grossen Leserkreis fanden. Eschelbacher hat sich nun die Aufgabe gestellt, die obigen Fragen „in eingehender Betrachtung und Vergleichung mit den Darlegungen Harnacks" zu beantworten. Wir haben also vor uns eine Entwickelung der leitenden, grundlegenden Ideen des Judentums und dessen hauptsächlichen Lehrinhaltes, in steter Parallele mit dem Christentum. Es ist nur natürlich, dass die Auseinandersetzung mit dem letzteren sich zu einer Polemik gestaltet. Und es ist eine bewundernswürdige Art der Polemik, die uns in Eschelbachers Buch entgegentritt. Staunen erregt nicht allein die grosse Fülle umfassenden und minutiösen Wissens in allen die fremde Religion betreffenden Dingen, sondern vielmehr noch der weite und scharfe Blick, die Reife und Ueberlegenheit des Urteils — und vor allen Dingen die abgeklärte Ruhe und das nobel Massvolle der Polemik. Die Wissenschaft des Judentums kann stolz sein auf diese edle Frucht, die an ihrem Baume gereift ist. Um zu dieser Höhe des Standpunktes zu gelangen, zu dieser mannhaften Unerschrockenheit in der Behandlung einer der gefährlichsten

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