Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 3)
- Language
- German
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Die zweite Ausstellung in der Künstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 144erhalten. Diese zeigt, daß auch sonst kleine Ver* änderungen am Besätze des Vorhanges vorgenommen worden sind. Es sei hier nur bemerkt, daß die Widmungsinschrift früher 20 Zeilen zählte; die Buchstaben blieben zwar dieselben, die Worte aber waren zu Beginn des Textes anders verteilt. Eine gleiche Auffrischung ward übrigens auch dem von Daniel Itzig (Jaffe) und seiner Frau Mirjam 1764 zum 50 jährigen Jubiläum der Alten Synagoge gestifteten Vorhange zuteil. Doch hier war der Besatz unversehrt, und die Galvanisierung konnte das ganze alte Stück erfassen. Das vor dem Toraschrank hängende, von Cha* jim ben Meir Zülz und seiner Frau Rechil 1759/60 gestiftete Parochet ist glücklicherweise in seinem alten Zustande verblieben. Obgleich es nicht mehr für die moderne synagogale Benutzung genügt, findet der gelbe Damast mit seiner Krone, seiner Aufschrift und seinen teils eingewirkten, teils eins gestickten Blumen und Tauben das Wohlgefallen des Kunst* und Altertumsfreundes. Unter den Tora*Mäntelchen fällt das der Chewra Gemiluth chaßadim aus dem Jahre 1719/20 sowohl durch sein Alter wie durch seine die ganze Fläche bedeckende Silberstickerei auf. Nicht ganz so reichhaltig ist das zeitlich folgende, von Veitel Ephraim (Veitel ben Chajim) und seiner Frau Elka 1737/38 gestiftete Stück, aber immer noch kostbar genug, um schon unter Friedrich Wilhelm I. den Wohlstand der späteren „Münz* juden" Friedrichs II. erkennen zu lassen. Einfacher, aber durch ihre Spender bemerkenswert sind die Mäntelchen Daniel Jaffes (1764) und Benjamin Haiberstadts (1787/88 und 1799/1800). Man sieht: Die beiden haben nicht nur Vorhänge, sondern auch Mäntelchen der Synagoge geschenkt. Ein ganz reizendes Mäntelchen muß, als es neu war, dasjenige ge* wesen sein, das leider des Namens des Stifters ent* behrt und trotz seiner Be* Schädigung noch heute als Muster dienen kann. Auf purpurrotem Samt präsentiert sich in der Mitte ein dunkelgrünes, mitgold* durchwirkter Borte be* setztesFeld.zu dessenSeiten sich flandrische Säulen in hellgrünerSeide undSilber* Stickerei erheben, um oben in einer zierlichen Krone mit der hebräischen Ueberschrift Kether Tora abzuschließen. Verzie* Abb. 1. Channukalampe rungen unten und oben zu beiden Seiten der Krone erhöhen den schönen Eindruck, den das Ganze macht. Auf der Rückseite wird die Widmung des Spenders ihren Platz gehabt haben. Heute befindet sich dort, in den purpurroten Samt eingesetzt, ein Feld aus blauem Samt, ohne irgendwelchen Text. Wahr* scheinlich war die Rückseite beschädigt und wurde mit einem neuen Innenfeld versehen, auf dem man die frühere Inschrift zu wiederholen verabsäumte. Die ausgestellten To ra*Wickelbänder sind sämtlich an der rechten Wand des Vorraums in voller Länge befestigt. Es wird im ersten Augen* blick sonderbar berühren, die „Wimpeln" oder „Mappen", die sonst dazu bestimmt sind, die Torarollen zusammenzuhalten, an einer Wand auf* gehängt vorzufinden. Da in den Vitrinen kein. Platz übrig war, gab es keine andere Möglichkeit,, den vollen Inhalt der Bänder dem Publikum vor* zuführen. Der mit Bedenken unternommene Versuch ist glänzend gelungen. Die ganze Wand ist mit Wimpeln bedeckt, und der Besucher hat seine helle Freude daran, alle diese Schöpfungen naiver Volks* kunst mit einem Blick umfassen zu können. Es sind Wickelbänder mit Aufschrift, und zwar mit dem Namen des spendenden Kindes, dessen Geburtstage und der stereotypen Formel: „Gott lasse es groß werden zur Tora, zur Chuppa und zu guten Werken", sämtlich aus Leinwand, drei mit Seide bestickt aus den Jahren 1723, 1797 und 1801, vier mit Tuschfarben bemalt 1746-1833. Die Sitte, daß die Kinder bei Vollendung des vierten Lebensjahres solche „Mappen" mit ihrem Namen der Synagoge schenken, ist nur in Süddeutschland (Minhag Asch* kenas) zu Hause. Doch behalten aschkenasische Familien, wenn sie nach Norddeutschland (Minhag. Polen) übersiedeln, vielfach den schönen Brauch bei. So ist der Spender des Ban* des Nr. 5, das Kind Michel,. Sohn des Löb Bamberg, geboren 15. Kislew 5558 (1797), nach Zeugnis un* serer Beschneidungsbücher ein Berliner, sein gleich* namiger Großvater, der bekannte Berliner Dajan, stammte aber aus Bayern. Aus der Zahl der vor* handenen Wickelbänder sind gerade diese sieben ausgewählt, weil sie durch Art und Mannigfaltigkeit der Farbe bzw. Stickerei, durch die Form der Buch* staben, durch die Naivität der Bilder mehr oder we* aus Italien (16. Jahrhdt.) niger charakteristisch sind-