Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 141 - 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
Date
1922-05-01
Page
Seite 141 - 142 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584111-2591496--18497-2591525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

141 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 142 falls hing der Vorhang vor der heiligen Lade, als am Mittwoch den 20. April 1718, am dritten Halb* feiertage des Peßachfestes, anläßlich der Schenkung der König mit seinem Hofstaate und der Gene? ralität die Synagoge besuchte. Das Dankgebet, das damals der Berliner Rabbiner Michel Levi sprach, blieb im Gedächtnisbuche der Synagoge erhalten. Auch die Kunst des Kupferstechers hat den Besuch des Königs in der Synagoge verewigt. Wir besitzen den sehr seltenen Stich des A. B. Gobiin nach Zeichnung von Anna Maria Werner mit der Unterschrift: „Abriß der priviligirten Juden Synagoge in der Königlichen Residentz Berlin, welche erbaut worden Anno 1714." Der Stich ist nicht datiert. Da aber der Besuch des Hofstaates dargestellt ist, darf man das Jahr 1718 als Zeit der Entstehung des Bildes und Stiches annehmen. Wie G. C. Küster in seinem Werke „Altes und neues Berlin" 1752 berichtet, wurde die Decke „alle hohen Feste dem König zu Ehren vorgehangen". In neuerer Zeit geschieht dies nur noch an jedem Simchastoratage. Kurz vor diesem Feste wird all* jährlich unser Vorhang aus der Kunstsammlung nach der Synagoge gebracht, um nach dem Feste wieder zurückzuwandern. Treu und dankbar bewahrt so die Gemeinde das Geschenk des Königs, unter dessen Regierung ihre Hauptsynagoge eingeweiht wurde. Freilich war sie sich des Ursprungs des Vors hanges nicht immer bewußt. Die lebendigen Zeugen der Vergangenheit starben aus, und die späteren Geschlechter wußten nicht mehr, was es mit dem sorgfältig verwahrten Vorhange für eine Bewandtnis habe. Man sprach'noch 1917, als ich den Vorhang vom Synagogenvorstande erbat, von der Türken* fahne, dem Türkenteppich, den der „alte Fritz" geschenkt habe. Und doch gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, das Jahr 1590, das auf dem Vor* hange zu lesen war, mit der seidenen „Decke, so zu Churfürst Johann Georgs Zeiten gewirkt worden" in Verbindung zu bringen und das Geschenk Friedrich Wilhelms I. zu erkennen. Aus dem Dunkel der Synagoge, von der Stelle, wo das historische, kunstgewerbliche Denkmal nur einmal im Jahre hängt und dort nur von den wenigen, die zu gottesdienstlichen Funktionen herantreten, flüchtig gesehen wird, ist es nunmehr durch unsere Kunst* Sammlung in das volle Licht der Öffentlichkeit gerückt, um das ganze Jahr hindurch Auge und Herz des Beschauers in beliebig langer Betrachtung zu erfreuen. Zeigt der beschriebene Vorhang dadurch eine besondere Eigenart, dass er eigentlich gar kein Parochet (Porauches) ist, so zeichnet sich der wirkliche Toraschrank*Vorhang rechts aus dem 1787/88 in anderer Weise vor allen seinen Genossen aus. Der braune Samt ist so reich mit Silber be* laden, daß man sich sagen muß, mehr Silber hätte gar nicht angebracht werden können. Während in unserer Zeit ein solcher Vorhang wegen seiner protzigen Ueberladung mit Silber geschmacklos erscheinen dürfte, fanden unsere Vorfahren nicht nur nichts Tadelnswertes in dem Geschenke des Benjamin Halberstadt und seiner Frau Lewija (Löwin), sondern begrüßten sicherlich dankbar die reiche Spende, welche die Eltern aus Anlaß der Barmizwafeier ihres Sohnes Joel der Synagoge stifteten. Diese war Mittelpunkt des religiösen Lebens, und es gehörte zu den schönsten Vorrechten und Pflichten des Reichen, möglichst viel Silber dem Gotteshause zuzuwenden. Das Innere eines hohen Torrahmens füllen nicht weniger als 18 Zeilen aus, die über Spender und Anlaß zur Spende Auskunft geben und die Erwartung aussprechen, dass der Barmizwaknabe die Hoffnung der Eltern erfüllen und die Worte der Lehre beobachten werde. Das Tor wird links und rechts von je zwei hohen und breiten Säulen flankiert, die jedesmal mit Blätter und Trauben tragenden Ranken geschmückt sind. Während die Außensäulen hohe Vasen tragen, erhebt sich auf den Innensäulen je ein Löwe, der sich aufgerichtet mit seiner linken bzw. rechten Tatze zu der oben befindlichen Krone der Tora emporhebt. Den oberen Rand bedeckt aus gleichem Samt ein Über* hang (Lambrequin), auf dem in der Mitte die Gesetzestafeln und zu beiden Seiten die bekannten Gerate aus dem heiligen Tempel dargestellt sind. Das Ganze, Vorhang und Uberhang, in gleißender neuer Stickerei, als wenn es soeben zum ersten Male den Silberladen und die Kunststickerei ver* lassen hätte. Es ist der alte Widerstreit zwischen den An* forderungen der Kunstkonservierung und des prak* tischen Gebrauchs. Vor einigen Jahren erschien dem Synagogenvorstand der Vorhang Benjamin Haiberstadts zu verblaßt und abgenutzt, um noch weiterhin eine Zierde der heiligen Lade sein zu können. Anstatt das Ganze unverändert als Mu* seumsstück zu erhalten und an seiner Stelle einen andern modernen Vorhang in Gebrauch zu nehmen, ließ man den Samt erneuern und den ganzen Be* satz galvanisieren, sodaß man einen neuen Vor* hang mit altem Besatz in neuem Glänze erhielt. An den drei Wallfahrtsfesten wird er abwechselnd mit anderen Vorhängen vor der heiligen Lade der alten Synagoge aufgehängt. Leider war auf den Säulen die silberne Unter* läge der Trauben schon zu schlecht, um aufgefrischt werden zu können, und man mußte in der Not der Kriegszeit einen neuen silbernen Grund wählen, der zu der Pracht des ganzen Stückes in argem Mißverhältnis steht. Zufällig ist von dem alten Vorhang eine Abbildung aus dem Jahre 1908

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.