Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 137 - 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-05-01
Page
Seite 137 - 138 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584111-2591495--18493-2591523
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions (1 not found in this text)

137 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 138 bürgerliche Beziehungen mit dem Deutschen und ihm unendlich Wertvolles verdankend, fühlt sie doch1 auf der anderen Seite, daß sie nicht restlos alle Kräfte ihres Wesens, alle Stimmungen ihrer Seele, alles Rauschen ihres Blutes aus ihm sich erklären kann. Es ist ein Zwiespalt, den die einen überwinden, indem sie den leise fragenden Stimmen und dem leisen Erinnern wehren, um ganz bewußt aufzugehen in der deutschen Literatur, der deutschen Kunst, der deutschen Politik. Oder indem sie, auch hier ganz jbewußt, die Lösung zu finden suchen durch1 eine Entscheidung für das jüdische Volkstum, für seine (Religion oder seine Kultur. Sie können dabei freilich1 ebensowenig, und wollen es auch! 'meistens nicht, das Deutsche ihres Wesens verleugnen, wie die Assimilantin sich ihrer jüdischen Elemente entäußern kann. So klingt jüdisches Pathos durch' das deutsche Märchen von den Königskindern im Drama der Dichterin Ernst Rosmer, während deutsche Melodien die Gedichte der rassebewußtesten jüdischen Künstlerin Else Lasker- Schüler durchziehen, wiewohl ihre Seele in den „Abendfarben Jerusalems steht'', und sie in Sprachen redet, die wie Harfen eingeschnitten sind". So kommt zu all den modernen Frauenproblemen, die ihre Kraft schon in Anspruch nimmt, in manchen Fällen jder Kampf um ihre Selbständigkeit gegen elterliche Autorität, der inneren Stellung zum Studium und Beruf, dem Zusammenprallen und Auseinandersetzen mit dem wirklichen Leben, den seit Ibsen und Strindberg so unendlich' komplizierten fragen der Liebe und »der Ehe, die jüdische Tragik nicht als letztes Problem für die Jüdin hinzu. Was Wunder also, daß ihr Wesen unharmonisch ist, daß sie unter einer wehmütigen Schüchternheit, einer tiefen Zerrissenheit, einer quälenden Unsicherheit leidet? Daß ihr oft ein schwerer Ernst anhaftet, der ihre Umgebung bedrückt? Daß sie ständig zwischen Extremen schwankt, bald in einem rasenden Lebensrhythmus voller Ekstasen dahinstürmt, bald in kraftloser Resignation müde vor jedem Kampfe zurückbebt? Alles, was sie erlebt, wird ihr ein; Gegenstand tiefster Grübelei, ihr eigenes Wesen eine Quelle steter Selbstanalyse und Zersetzung, der Beruf ein ununterbrochenes Messen der eigenen Begabung. Sie haben jenes „namenlose Talent", das Caroline von Humboldt einmal der Rahel zuspricht, „das Leben mit allen Widersprüchen darin und im eigenen Gemüt auszusprechen". Sie besitzen aber auch oft jene feine Geistigkeit und weite Menschlichkeit, wie sie nur der lange Schmerz und jenes heimliche Wissen um letzte Dinge, wie es nur das müde Blut uralter Geschlechter erzeugt. Erlösung finden sie gewöhnlich nur in der Arbeit, in der sie zäh! und unermüdlich sind, in der Freundschaft, wo sie durch Mitleiden und Mitempfinden .trösten, in der Liebe, wo sie oft bis zur Selb'staufgabe sich verschwenden. Nirgends offenbart sich wohl mehr die Polarität des jüdischen Wesens als in dem Unterschied zwischen diesem intellektuellen Typ und dem zweiten, den ich den kapitalistischen nennen will. Es sind jene Luxusgeschöpfe, die in vielen Romanen der Gegenwart bis zum Überdruß festgehalten sind, jene schlanken, sportgeübten, geschmeidigen jungen Mädchen mit den 'klugen, kühlen Augen und dem blasierten, müden Zug um den wissenden Mund. Es sind jene Mädchen, die ein wenig Musik, ein wenig Kunst, ein wenig Literatur treiben, mehr um zu locken und zu reizen, als einem starken,, schönen Drange zu folgen. Die Liebe ist ihnen meist nur ein Flirt, der Flirt ein Sport, der Sporf eine Betäubung für eine nervöse innere Unruhe. Sie glauben sich1, wie die Else Ehrenberg in Schnitzlers „Weg ins Freie" zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen, oder sie sind, wie die Irene in Max Brods „Jüdinnen" ständig auf der Suche nach' Sensationen, nach neuen und aufreizenden Erlebnissen. , Aus diesen Mädchen werden dann die verwöhnten, verführerischen, gepflegten Frauen, die trotz allen Glanzes, trotz schöner Wohnungen und prunkender Kleider eine verzehrende, trostlose, innere Leere nicht zu bannen vermögen. Sie suchen diese Leere auszufüllen durch' eine Jagd nach' Vergnügen, nach Geselligkeit, nach Theater und Tanz, nach galanten, erotischen Abenteuern, freilich um dann nicht einer großen Leidenschaft offen zu folgen, sondern um kleine Gelüste naschhaft *zu befriedigen. Es ist schwer zu unterscheiden, ob diese Dekadenzerscheinungen eine Folge der ganzen modernen Wirtschaftsordnung überhaupt sind, ob sie hervorgehen aus der müden, von der Relativität aller Werte überzeugten, hältlosen Abendlanduntergangsstimmung unserer Zeit, oder ob es böse Zerfallsmomente sind, die dem Judentum selber anhaften. Aber daß wir heute neben dem resignierten und dekadenten Typ auch jene gesunden, mütterlichen Frauen sehen, die aufgehen in der Sorge um Arme, um Enterbte und Beladene, daß Jacob Wassermann in seinem letzten großen Roman neben die Gestalt der komplizierten, gefühlsunsicheren Johanna Schöntag die wundervoll rührende Christusgestalt der kleinen Ruth setzen konnte, beweist doch, daß etwas vom starken, echten Geist der alten Jüdin noch in der modernen lebt. (Wohin aber weist der Weg? Führt er zur Höhe oder führt er zum Niedergang? Wird die Erneuerung des Judentums die jüdische Frau erneuern oder wird sie in Zwiespalt und Problematik

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.