Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584108-2584111-2591495--18494-2591524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
139 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 140 sich' zerquälen? Die Geschichte bleibt auf solche Fragen stumm. Sie erzählt nur, wie es war . und wie es ist. Mir aber scheint, als 'habe das Schicksal selbst der Jüdin eine Aufgabe gestellt, als den einzig festen Pol in der wilden und wirren Flucht der Erscheinungen. Indem es ihr ein ewiges Leid zu tragen gab, hat es ihr vor allen anderen Frauen eine empfindsame und horchende Seele gegeben, auf daß sie erkenne und erlöse. Ich meine damit jene Erkenntnis, von der Rabbi Leib Mosche einmal spricht: „Ich habe", so erzählt er, „die Liebe von einem Dorfmanne gelernt. Der saß mit anderen Bauern zusammen, und als sein Herz lebhaft war vom' Weine, sprach' er zu einem: .Liebst du mich' oder nicht: ' Und er antwortete ihm: ,Ich' liebe dich gar sehr/ Sprach jener: „Du sagst, ich liebe dich, weißt du denn, was mir fehlt? Liebtest du mich' in Wahrheit, du würdest es wissen." Da schwieg der andere und vermochte kein Wort zu sagen. Ich1 aber verstand: Das ist die Liebe zu den Menschen, zu fühlen ihr Bedürfen und zu tragen ihr Leid." DIE ZWEITE AUSSTELLUNO IN DER KUNSTSAMMLUNG DER JUEDISCHEN GEMEINDE ZU BERLIN Von Moritz Stern. VIII. KULTUSGERÄTE Diese Abteilung umfaßt die große Anzahl der verschiedenen Gegenstände, die zu unserem Kultus gehören und unser synagogales und häus* liches Leben heiligen und schmücken. Besonderer Wert wird auf solche Stücke gelegt, die für die Geschichte des Kultus und des Kunstgewerbes von Interesse sind. Die Kenntnis dieser älteren Stücke ist noch sehr mangelhaft, und es kann auch hier nicht genug darauf hingewiesen werden, wie wichtig es ist, daß Vereine, Institute und Privatpersonen ihre jüdischen Altertümer bei uns deponieren oder uns mindestens für die einzelnen Ausstellungen leihweise überlassen. Betreten wir die Kunstsammlung, so umfängt uns ein freundlicher Vorraum. Im Hinter* gründe der Toraschrank aus dem alten Kranken* hause unserer Gemeinde (Auguststr.), davor ein Tisch mit Almemordecke, aufgeschlagenem Gebet* buche und großem, altem Messing*Omedleuchter, ringsum Gebetständer mit Decken und Deckchen und an den Wänden alte Toraschrank ^Vorhänge, Tora*Mäntekhen, Tora*Wickelbänder, das Ganze bestrahlt von dem Lichte eines alten, kupfernen Kronleuchters, der wie die meisten anderen Stücke des Raumes aus der Alten Synagoge (Heidereuter* gasse) stammt, dies alles gewährt einen solchen stimmungsvollen Anblick, daß das Bild des Ge* sehenen für lange Zeit im Gemüte und Gedächt* nis des Beschauers haften bleibt. Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges, die allein den Besuch der Sammlung lohnt, ist der erste Toraschrank*Vörhang links aus dem Jahre 1590. Ist der Seidenteppich in bunter Petit*point*Stickerei mit dem großen Wappen und dem Spruche „Ini* tium sapientiae timor Domini 1590, Ich fürchte Gott in allen Dingen" schon an und für sich ein hervorragendes Kunstwerk, so kommt für uns noch ein besonderes historisches Interesse hinzu. Dieser Teppich hing zuerst in einem Jagdschlosse (?) des brandenburgischen Kurprinzen und Magdeburger Administrators und Erzbischofs Joachim Friedrich (1563-1598), des späterenKurfürsten(1598-1608). Die Tierbilder, die in die Seidenränder eingestickt sind, wie Gemse, Einhorn, Bär, Reh (?), Hirsch, Löwe, Fuchs, Papagei, Eichhörnchen, Hase — auch ein Jägersmann fehlt nicht — zeigen, daß die Decke von vornherein keineswegs dazu bestimmt war, einen Toraschrank zu zieren. 1718 (nicht 1714) schenkte den Teppich König Friedrich Wilhelm I. der einige Jahre vorher erbauten Synagoge in der Heidereutergasse zum Schmucke der heiligen Lade. Das war für die Judenschaft eine hohe Ehre und ein Zeichen besonderen Wohlwollens, dennoch befand sie sich wegen der Verwendung des Ge* schenkes in Verlegenheit. Der Spruch Salomos I, 7 „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht Gottes" hatte den König wohl bestimmt, gerade diesen Teppich auszuwählen. Er übersah aber hierbei, daß die Tierbilder nicht für die heilige Lade paßten. Eine Zurückweisung des Geschenkes war unmöglich. Man half sich damit, daß man oben eine Krone aufsticken ließ (Krone der Tora) und darunter teils als Dank, teils als Zeugnis für die Schenkung den hebräischen Wunsch setzte: „Es lebe unser Herr, der König Friedrich Wilhelm, hoch sei seine Majestät." Dem Umstände, daß der Teppich die Lade nicht ganz deckte, wurde leicht abgeholfen, man fügte oben und unten einen Ansatz aus rotem Samt hinzu. Ob die neun Glöckchen, die heute an dem oberen Samtansatz hängen, bereits 1718 dort an* gebracht waren, läßt sich nicht entscheiden. Jeden*