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Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 135 - 136

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-05-01
Page
Seite 135 - 136 (sequence 5)
Language
German
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135 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 136 das Mögliche betonenden Weise. Aber sie hat, dank ihrer Stellung als Schriftstellerin und als Freundin bekannter Männer, mehr noch durch ihre feine Ironie und ihren Takt, die Frauenfrage jener Tage gewaltig gefördert. Die Jüdin hat die deutsche Frauenbewegung nicht allein geschaffen. Aber sie erscheint an allen wichtigen Epochen ihrer Geschichte, ihr Mut und Kraft einflößend mit der ihr eigenen zähen Ausdauer, ihrem starken Talent des Organisierens. An allen Versuchen, der Erwerbsnot der Frau zu. steuern, sie wirtschaftlich selbständig zu machen, an der Gründung der Kindergärten, der Töchterschulen, der Lehranstalten für praktische Berufe hat sie Anteil. Johanna Goldschmidt, die auch durch ihre theoretischen Schriften (Mutterfreuden und Muttersorgen 1849, Blicke in die Familie 1864 usw.) die Ideen und Lehren Fröbels verbreitete, gründete und leitete viele Jahre den Fröbelverein in Hamburg. In Berlin war Lina Morgenstern die Vorsitzende des dortigen Kindergartens, sie eröffnete ein Seminar für Kindergärtnerinnen und Kurse für Kinderpflegerinnen. In gleicher Weise arbeitete die Jüdin an der anderen Seite der Frauenfrage, die Weiterentwicklung der Frauen auf geistigem Gebiete zu fördern. Sie erschien 1865 in Leipzig bei der Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der die Arbeit für eine Pflicht und Ehre des weiblichen» Geschlechts erklärte und sie von den Fesseln des Vorurteils befreien wollte. Johanna Goldschmidt versuchte, der Frau Zugang zum akademischen Studium zu verschaffen. \ Jenny Lind, die Schriftführerin des Lettevereins, sorgte durch' ihre journalistische Begabung für die Propaganda der Bewegung. Sie redigierte kurze Zeit zusammen mit Luise Otto-Peters das Organ des Allgemeinen deutschen Frauenvereins die „Neuen Bahnen", sie leitete von 1870 ab den; Frauenanwalt", sie eröffnete durch ihre Übersetzung von John Stuart Mills „Hörigkeit der Frauen" jenen fruchtbaren Ideenkampf der Nathusius, König, Jacoby, Sybel, Lagarde, Bischöff, der Meyer, Frey und Rose gegen und für das Studium der Frau. Die Gründung der Berliner Volksküchen (1866). durch' Lina Morgenstern bedeutet das Eindringen der Frau auf das Gebiet der Volkswirtschaft, das Verlassen der persönlichen Wohltätigkeit zugunsten einer umfassenden volkswirtschaftlichen. Der Plan, der Verteuerung der Lebensmittel „durch' Herstellung von Nahrungsmitteln im großen und Ausgabe zum Selbstkostenpreis" entgegenzuarbeiten, war in sozialer Hinsicht eine bedeutende Tat. Die Frau selbst hat er durch den Anteil an Leitung und Verwaltung einer großen Institution zu größeren organisatorischen Leistungen, zum Verständnis für soziale Fragen und zur vertieften Kenntnis der großen Masse geführt. Es ist aber nicht meine Absicht, genauer den Anteil der jüdischen Frau an der deutschen Frauenbewegung zu schildern. Es gilt hier nur zu zeigen, wie weit sich1 der jüdische Frauentyp durch die geistige und seelische Revolution der Emanzipation geändert hat. Gibt es aber, so lautet die andere Frage, noch1 einen Unterschied zwischen der modernen Jüdin und der modernen Frau überhaupt? Haben die gemeinsamen Kämpfe um das gleiche Prinzip, die gleichen Grundlagen der Bildung und des Studiums, die gleichen Erschütterungen nicht schließlich einen allgemeinen, gleichen Frauentyp geschaffen? Gibt es einen Unterschied zwischen Ibsens Nora und jener kleinen Prager Jüdin Camilla Lowositz in Auguste Hauschners Roman' „Rudolf und Camilla", die fast mit naturnotwendiger Gewalt sich' von ihrem Gatten, trennt, weil er für die feinsten Schwingungen ihrer Seele kein Verständnis hat? Gibt es einen Unterschied zwischen der jüdischen Studentin Hertha Goldberg in Hans von Kahlenbergs „Ahasvera", die ihr ganzes Leben kämpft, um die Frau aus der Heuchelei, der Unnatur, dem Mißbrauchtwerden zu befreien, und der christlichen Bildhauerin Isolde in Helene Böhlaus „Halbtier", die die Brutalität des Mannes in den Tod treibt? Für uns, die wir noch mitten in den Erscheinungen stehen, ist es schwer, aus dem verschlungenen und mannigfaltig individuellen das Typische herauszuschälen, Lebendiges und Flutendes erstarren zu lassen, um Wesentliches zu -Jinden. Trotzdem glaube ich, daß man bei der modernen Jüdin zwei Haupttypen unterscheiden kann. Ich nehme selbstverständlich an, daß neben diesen alle die anderen von der Ghettozeit bis heute geschilderten sich erhalten 'haben, wie ja neben dem modernen Menschen noch heute der heidnische, der nazarenische, der mittelalterliche steht. Den einen möchte ich den intellektuellen, besser wohl noch den problematischen nennen. Es ist jener Typ, in dem die Problematik der modernen Frau eine wenig glückliche Ehe einging mit der Problematik des modernen Judentums. Denn das Erwachen der ostjüdischen Literatur, die nationale Bewegung, das intensivere Studium der jüdischen Vergangenheit, das moderne Nationalitätsprinzip, vor allem die moderne Psychologie, die dem Unterschied der Nationen und Rassen nachspürt, hat ein helles Bewußtwerden von der Andersartigkeit und Einzigartigkeit der jüdischen Psyche hervorgerufen. War für die Jüdin der dritten Generation das Judentum nur eine Frage der Religion, so ist es für die moderne Jüdin wie für den modernen Juden eine Frage der Nationalität und der Rasse geworden. Verbunden durch Schicksal, durch Sprache, durch Kultur, durch menschliche und

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