Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 4)
- Language
- German
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133 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 134 Fanny Lewald läßt zwar in ihrem Roman „Jenny" den Theologen über die jüdischen Eigenschaften seiner Braut nachgrübeln, die ihn beunruhigt oh ihrer iLebhaftigkeit, ihrer wechselnden, täglich' neuen Stimmungen im Gegensatz zu der stillen Bescheidenheit und (Gleichmäßigkeit christlicher Mädchen. Daß er sich aber schließlich von dem Judenmädchen trennt, hat seine Ursache nicht in der Verschiedenheit der Temperamente und des Milieus, sondern wird nur bedingt durch' den Gegensatz von Jennys rationalistischer Freigeisterei unjd/ des jungen Pfarrers glaubensstarrem' Dogmatismus. Im allgemeinen ist diese Generation von einem frohen Optimismus erfüllt. Man erwartete zwar nicht mehr eine sofortige Erlösung — die Jahre der Reaktion hatten mißtrauisch gemacht —, aber man war einer langsam fortschreitenden Besserung gewiß. Der Glaube an die Macht der Idee, an die Güte der Völker, an den Sieg der Wahrheit und Freiheit war das heilige Kredo des Geschlechtes von 1848. Diesem wirklichkeitsfrohen Tatsachensinn entsprach es, daß die Jüdin der damals entstehenden Frauenemanzipation zujubelte. Einmal war es der revolutionäre Drang der Unterdrückten, der sich! gegen jede Art von Unterdrückung erhebt. Dann aber war die in der Bewegung enthaltene Idee dem Judentum an. und für sich weniger fremd als dem frauenfeindlichen Christentum. Freilich hatte der jüdische Vater, wir sahen es des öfteren, in gewissem Sinne das Recht, seine Töchter, auch gegen deren Willen, zu verheiraten. Aber eine seelische Abhängigkeit vom eigenen Manne, ein patriarchalisches Eheverhältnis, wie es die deutsche Frau jahrhundertelang ertrug, hat die Jüdin nie gekannt. Das Käthchen- und Klärchenideal ist der jüdischen Dichtung fern geblieben. Der Jude ist nicht durch den Minnedienst und die Feudalzeit des Mittelalters gegangen, das die Frau auf der einen Seite wie eine Gottheit verehrte, um sie auf der anderen: herrisch als selbstverständliches Eigentum zu betrachten. Die Jüdin, in der Bibel Ischoh, Männin, genannt, lernten wir immer als die freie und mitratende Gefährtin ihres Mannes kennen. , So war es in Deutschland schon Rahel, die in der ihr eigenen, intuitiven Schau der völligen1 sozialen Unabhängigkeit der Frau das Wort redet, gegen die Vorurteile ankämpft, die Frau von den Arbeits- und Gedankengebieten des Mannes auszuschließen. „Es ist Menschenunkenntnis", sagt sie 1819, „wenn die Leute sich einbilden, unser Geist sei anders und zu anderen Bedürfnissen konstruiert, und wir könnten zum Exempel ganz von des Mannes oder Sohnes Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, daß ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres, kannte, als gerade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt, oder die Gabe und Wünsche ihrer Kinder. Dann wäre jede Ehe schon bloß als solche der höchste menschliche Zustand. So aber ist es nicht. Man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen, fügt sich ihnen, macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten Beschäftigung. Aber erfüllen können sie uns nicht oder auf unser ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund des vielen Frivolen, was man bei den Weibern sieht: sie haben gat keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann' eben stand und stehen will, und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in die Erde verzaubert wäre,- jeder Versuch, jeder Wunsch, den unnatürlichen; Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt, oder noch' für strafwürdigeres Benehmen gehalten." Fanny Lewald führt in gerader Linie Raheis Rolle weiter. Sie wurde, wenn auch nicht die bahnbrechende, so doch neben Luise Büchner die bekannteste Theoretikerin der Bewegung. — .' Die großen wirtschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts, die Erfindung der Nähmaschine, die Ausbildung der Industrie, die Fortschritte in Beleuchtung und Heizung hatten der Frau fast die ganze Fülle ihrer bisherigen Aufgaben genommen. Die Folge war, daß die Haustöchter, die bisher viel Zeit und Kraft und Umsicht dem Hauswesen hatten widmen müssen, in öder Langeweile die Tage verbrachten, leidend noch1 manchmal unter der wirtschaftlichen Not der kinderreichen Familien des 'Mittelstandes. Fanny Lewald, die sich' selbst aus den Drangsalen einer solchen Existenz und der. liebevollen Tyrannei der Familie zur selbständigen Schriftstellerin durchgerungen hatte, legt in ihren Schriften „Osterbriefe für die Frauen", den deutschen Handwerker- und Arbeitervereinen gewidmet (1803), in ihrem „Für und wider die Frauen" Hand auf diese schlimmste Wunde. Indem sie alle Fehler aufdeckt, die den Frauen der vornehmet Kreise anhaften, ihre Nervosität, ihre Trägheit, ihre Gefallsucht, ihre Verschwendung, sucht sie zugleich nachzuweisen, daß diese nur eine Folge ihres zwecklosen und öden Daseins seien. Um deshalb das ganze Frauengeschlecht zu heben, fordert sie eine andere Erziehung, die völlige Ausbildung aller Anlagen, sie macht die Frau auf ihre Pflichten* in engerem und weiterem Kreise aufmerksam: gegen Arbeiter und Arbeiterinnen, gegen Dienstboten usw. Sie ist keine Umstürzlerin, keine Revolutionärin des Gedankens, sie gehört nicht zum: Typ jener aggressiven Frauenrechtlerinnen. Wenn sie auch die Möglichkeit eines Stimmrechtes schon andeutet, so tut sie es doch' in ihrer zwar bestimmten, aber doch' zurückhältenden, immer nur