Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 131 - 132 (sequence 3)
- Language
- German
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131 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 132 unpraktischen Schriftstellers, ,den sie zu günstigen Abschlüssen mit seinen Verlegern drängte und dessen Honorare sie [berechnete. Auch die eigenartigste und bedeutendste Frau jener Zeit —> Fanny Lewal;d — steckte trotz ganz romanhafter Schicksale völlig im Bürgerlichen. Sie hätte sich als junges Mädchen in einen christlichen Kandidaten der Theologie verliebt, von dem man sie trennte,. kurz ehe er an der Schwindsucht starb. Sie trug dann viele Jahre eine leidenschaftliche, aber unerwiderte Liebe zu ihrem Vetter, dem später durch die Nationalversammlung bekannten Heinrich1 Simon im Herzen, um schließlich als alternde Frau eine ideale Seelen- und Liebesheirat mit dem Schriftsteller Adolf Stahr einzugehen, der sich1 ihretwegen |von seiner Frau scheiden lassen mußte. Trotzdem bleibt sie in der Vorstellung als die würdevolle, selbstbewußte und nüchterne Matrone haften, jbei aller Duldsamkeit von einer strengen Moralität, ganz eingestellt auf den kategorischen Imperativ, frei von aller Mystik und Romantik. Die Seele der Emanzipationsjüdin klingt stets in tausend Tönen wie ein wunderliches Instrument. Die Jüdin der Restaurationszeit hat dagegen etwas von den klaren, sich' gleichbleibenden Formen der Bauten und Möbel jener Epoche an sich'. Sie hat den steifen, aufrechten Gang der ehrenfesten Helden .und Heldinnen in Fanny Lewaids, in Rahel Meyers Romanen. Sie suchen nicht mehr wie Dorotheas -„Florentin" nach der blauen Märchenblume in weiter .Ferne. Sie beschäftigen sich' auch nicht mehr so viel mit der eigenen Persönlichkeit, wie die Freundinnen und Schülerinnen Fichtes. Man geht wieder mehr auf in der Familie. Wohl jede dieser Frauen hat gleich Jettchen Gebert für Onkel Salomon Kissen gestickt, für Onkel Eli Kuchen gebacken und sich über die Neugierde einer Tante Riekchen oder Hannchen geärgert. Man ist aber auch1 — die Bewegung von 1830 und 1848 brachte das mit sich — am Allgemeinen interessiert, am Staate, an der Politik, an jüdischen Problemen. Denn das jüdische Selbstbewußtsein erwachte langsam am deutschen /Antisemitismus. Man begann Vereine zu gründen, um das innere Geistesleben der Juden zu läutern, Zeitschriften zu schaffen, um die Humanität der jüdischen Nation zu heben, die Zunz, die Moser, die Jost, die Pliilippson, die Geiger und viele andere versenkten sich' in die jüdische Literatur und Philosophie, Geschichte und Religion. Männer wie Johann Jacoby aus Königsberg und Gabriel Rießer suchten mit dem flammenden Messiasglauben an den endlichen Sieg des Rechts und des Guten die Gleichstellung der Juden .mit den christlichen Bürgern zu erwirken. Im Vergleich1 zu diesen Kampfliedern sind die Worte der Jüdinnen nur schüchterne und leise Melodien. Aber sie begleiten doch1 den großen Streit aufmunternd1 und trostspendend. In einer von Johanna Goldschmidt verfaßten, anonym erschienenen Schrift „Rebekka und Amalia", Briefwechsel zwischen einer Jraelitin und einer Adligen über Zeit und Lebensfragen (Leipzig 1847), klagt Rebekka einer adligen Freundin über die Zurücksetzung ihrer Glaubensgenossen und ersehnt die Zeit, da sie den bangen Klageton des Innern in einem frohen und freien Klang könne ausströmen lassen. Die zarte und feine Württembergerin Henriette Ottenheimer, eine Freundin Rießers, Rückerts, Unlands und Michael Beers, findet in ihrem Märchentraum „Der Kettenschmied" bewegliche Worte des Leids über die Kette, die noch' immer Israels Söhne drücke. Fanny Lewald, in deren Romanen immer wieder der gebildete, wohltätige, menschlich warme, jüdische Kaufmann und der feingeistige, seines Judentums sich1 bewußte (Akademiker auftreten, protestiert in der ihr eignen, männlich scharfen Weise gegen das riesengroße Unrecht [dev Gesellschaft und des Staates, der Begabte zur Untätigkeit verdammt, Liebende auseinanderreißt, Kinder von Eltern trennt. Sie selbst hatte sich zwar als ganz junges Mädchen ihrem Kandidaten der Theologie zuliebe taufen lassen. Weder Dorothea, als sie so „ungeheuerlich katholisch" geworden war,, noch Marianne Saaling und all die anderen hätten sich diesen Schritt je zum Vorwurf gemacht. Fanny Lewald dagegen erzählt in ihrer Lebensgeschichte, wie qualvoll sie litt, als sie, das Glaubensbekenntnis niederschreibend, bemerkte, daß sie eigentlich1 nichts von alledem glaubte, weder die Unsterblichkeit, noch die Auferstehung des Fleisches, noch die Mysterien. Da sie nicht den Mut hatte, ihren Irrtum einzugestehen, schrieb sie das Glaubensbekenntnis nieder, das. ihr, ein Muster von schwungvollem Jesuitismus, bis an ihr Lebensende etwas Unheimliches und Widerwärtiges blieb. Ähnliche Qualen steht während der Taufe eine Heldin Rahel Meyers aus, die kein inneres Verhältnis zum Christentum hatte finden können, und nun vor dem Betrüge zurückschaudert, den sie um eines geliebten Mannes willen auf sich' nehmen muß. Das Problem der Mischehen spielt überhaupt eine große .Rolle. Aber zu tragischen Konflikten kommt es dabei nur infolge des Widerspruchs der jüdischen oder christlichen Angehörigen gegen eine solche Verbindung. Der psychischen Unterschiede ist sich diese ganz und gar unhistorische Generation noch1 nicht bewußt. In Rahel Meyers Roman „Zwei Schwestern" heiratet die Ischöne Betty gegen den Willen eines unerbittlichen Vaters einen christlichen Adligen. Ihre Ehe ist ein einziger r Liebesrausch, eine völlige Harmonie der Seelen und der Sinne, und nur getrübt durch1 den Fluch ihrer starren Familie.