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Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 129 - 130

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-05-01
Page
Seite 129 - 130 (sequence 2)
Language
German
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129 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 130 Freilich nur die ganz Starken, vermochten ihrer Überzeugung zu leben. Viele sind an der neuen Lehre — ,die vielen Ehescheidungen und' Eh'eirrungen zeugen .dafür — jämmerlich gescheitert. Denn die Religion |bot den wenigsten noch' eine sichere Stütze. Während die Männer doch zu •einem großen Teil noch' immer Kraft fanden im Studium der heiligen Schrift, in Mischna und *Gemara, in Raschi und Maimonides, waren die Frauen dem allen gänzlich1 entfremdet. Henriette Herz schreibt in ihren Jugenderinnerungen, daß jdie Mädchen nicht im Glauben ihrer Eltern unterrichtet,, aber angehalten wunden, alle Formen äußerlich' zu beobachten un,d die Gebete in hebräischer Sprache, die sie nicht verstanden, zu .sprechen. Was Wunder also, daß das Judentum ihnen als etwas Abgestorbenes und Verrottetes erschien? Daß es für sie nur in talmudischen Spitzfindigkeiten und leeren Dogmen bestand? Daß es ihnen nur Abhängigkeit und Zwang bedeutete, die Moderne aber Schönheit und Freiheit? Denn dort war nur Beten und Leiden, hier aber Wirken 'und Tat. So erfolgte der Übergang aus der jüdischen zur christlichen Religion, bei den einen aus innerer Überzeugung, um wirklich der deutschen Kultur ganz zu gehören, bei vielen aus Berechnung, aus Mode, aus Diplomatie. So ist diese Generation unendlich' reizvoll in ahrer Vertiefung, in ihrer Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit, aber auch unendlich widerspruchsvoll in ihrer romantischen Kompliziertheit und rationalistischen Zweifelsucht, in dieser ^Mischung von Sinnlichkeit und Geistigkeit, von tiefem Erkenntnisstreben und spielerisch'er Geselligkeitslust. Sie sind 'beschaulicher und mehr nach innen gerichtet, als |die tätigen, handelnden Frauen des Ghetto. Sie haben weniger den starken, einheitlichen Charakter als diese, dafür die größere seelische .und geistige Spannweite, die verstehendere Güte. — Die Emanzipationszeit hatte einen in der jüdischen Geschichte oft zu beobachtenden Vorgang videderliolt. Wie einst das Judentum die pliönikische, idann die assyrische, die babylonische, die hellenistische, spater jdie arabische und die spanische Kultur in sich1 aufnahm, so verjüngte es sich nun, an den gewaltigen [Werten der europäischen Umwelt. Jenes Gefühl eines neuen Werdens nach einem müden Sterben, eines Wiedererwach'ens mühsam niedergehaltener Kräfte, die Hoffnung auf neue Erkenntnis-, neue Daseins-, neue Schaffensmöglichkeit, die Erwartung, Frieden zu finden in einer lang gesuchten und lang ersehnten Heimat, geht wie ein jauchzender Aufschrei durch die Geschichte jener Jahrzehnte. Aber die kosmopolitische, humanistische, freigeistige Stimmung der Revolutionszeit wurde gegen Ende der napoleonischen Kriege abgelöst durch eine chauvinistische, eine reaktionäre und kirchliche. Der legitimistische, der nationale, der christliche Staat, wie ihn die politische Konstellation! der Restaurationszeit, die historische Rechtsschule und die Philosophie der Romantik schuf, wandte sich1 naturgemäß gegen -den illegitimen, den andersstämmigen, den andersgläubigen Juden. So folgte dem Rausche bald die Ernüchterung. Die Jahre der literarischen Bewegung gegen die Juden, der Schmähschriften der Rühs und Fries und Konsorten gegen ihre Aufnahme in Deutschland, die Pogrome von 1819, der Feldzug der einzelnen deutschen Staaten gegen die den Juden in der napoleonischen Zeit wirklich1 verliehenen staatsbürgerlichen Rechte, das Verbot der Zulassung zu öffentlichen und staatlichen Ämtern bewies, daß das graue Gespenst des Judenhasses nur eine kurze Zeit geschlafen hatte. Auf der anderen Seite entstammte die Generation jener Jahre Imeist breiten, behaglichen, oft üppigen Verhältnissen. Rahel hatte noch geklagt über ihre ekelhafte, herabziehende, beleidigende, unsinnige, niedrige Umgebung, deren Berührung sie schmutzig mache und ihren Adel störe. Die Schilderung ihrer Jugendzeit dagegen, die die im' Jahre 1811 zu Königsberg geborene Fanny Lewald in ihrer Lebensgeschichte entwirft, das frohe Treiben der großen Kinderschar in dem weiten, dreistöckigen Hause, unter der Obhut zärtlicher Eltern, umgeben von tätigen Verwandten und geselligen Freunden mutet in seiner satten Ruhe fast an wie das farbensprühende Familienbild eines niederländischen Meisters. Die Disharmonie zwischen der eignen Bildung und einer ungebildeten Umwelt, unter der ,die Emanzipationsjüdin gelitten hatte, fiel hier von vornherein weg. So kommt es> daß diesem Geschlecht, das aus deutschen Schulen hervorging, das Autodidaktische, das Abenteuerliche und Barocke fehlte, wie jene (Rastlosigkeit, die die romantische Generation oft ,von einem Ort zum anderen trieb. Die ganze stille Atmosphäre der Biedermeierzeit mit ihren festen, sittlichen Gründsätzen, ihrer Bewunderung für alles Reale und den einfach' gesunden Menschenverstand, mit ihrer etwas hausbackenen Nüchternheit geht auf die Jüdinnen über. Sie sind seßhaft und bürgerlich, gute Töchter, gute Frauen, gute Mütter. Die Schriftstellerin Rahel Meyer, die nach' dem Tode ihrer Schwester ihren Schwager, einen Bernsteinhändler heiratete, und mit ihm in glücklicher Ehe lebte, schrieb am Schreibtisch ihrer Kinder, deren Sch'ulaufgaben sie überwachte, ihren ersten Roman. Die bekannte Pädagogin Johanna Goldsch'midt schenkte acht Kindern das Leben. Die Lustspieldich'terin Elise Henle., die Gattin des Fabrikbesitzers Levi aus Eßlingen, trat nie aus ihreim häuslichen Kreise heraus. Jeanette Strauß-Wohl, Börnes langjährige Herzensfreundin, war der „Sach- und Finanzverwalter" des

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