Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Aus der Welt der Psalmen
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 5)
- Language
- German
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125 Aus der Welt der Psalmen 126 Dein Werk und Deine Herrlichkeit ihren Kindern! Und so möge die Huld des Ewigen, unseres Gottes, über uns walten, und das Werk unserer Hände lasse Er gelingen! Ja, unserer Hände Werk lasse Er gelingen!" Die Ewigkeit Gottes (ist ein Trost in aller Vergeblichkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Welt. Er ist das Fundament unseres Daseins, ist überall und kennt alle unsere Schritte. Von Ihm sind wir umschlossen, wohin wir auch gehen mögen. Die Heilige Schrift liebt diesen Gedanken. Die wunderbare Geschichte von dem Propheten Jona spricht es ja aus, daß keiner seiner Berufung entrinnen kann, und flüchtete er sich auch bis ans Ende der Welt. In der Sprache der Poesie aber verkündet diese Wahrheit der 'hundertneununddreißigste Psalm : „Herr, Du erforschest mich und kennest mich. Du kennst mein Sitzen und mein Stehen und merkst meine Gedanken aus der Ferne. Meinen Gang und mein Lager hast Du geprüft, und mit allen meinen Wegen bist Du vertraut. Noch ist ein Wort nicht auf meiner Zunge, und Du, Ewiger, kennst es schon ganz. Rückwärts und vorwärts hast Du mich umschlossen und Deine Hand auf mich gelegt. Wunderbar ist diese Erkenntnis für mich, erhaben, ich vermag sie nicht zu fassen. Wohin soll ich vor Deinem Geiste gehen? Und wohin fliehen vor Deinem Angesichte? Wenn ich micfb -zum Himmel erhebe bist Du dort, und wenn ich mich in der Unterwelt bette, bist Du da. Wenn ich mich erhöbe mit Flügeln der Morgenröte oder wohnte am Ende des Meeres, auch dort würde Deine Hand mich führen, und Deine Rechte mich erfassen. Und wenn ich spräche: Nur Finsternis soli mich umgeben, und zur Nacht werde das Licht um mich, so wäre auch die Finsternis nicht finster für Dieb, die Nacht leuchtete wie der Tag und die Dunkelheit wie das helle Licht. Denn Dein Eigentum sind meine Nieren, Du hast mich gewebt im Schöße meiner Mutter. Ich danke Dir, . daß ich so erhaben wunderbar geschaffen bin, wunderbar sind Deine Werke, und meine Seele weiß es wohl. Nicht verborgen ist mein Wesen vor Dir, - da ich geschaffen bin im Verborgenen, gewebt in den Tiefen der Erde. Meinen Keim schauten Deine Augen, und in Dein Buch sind sie alle eingeschrieben,*'die Tage, die da gebildet wurden, als noch nicht ein einziger von ihnen gebildet war. Wie köstlich sind mir die Zeugnisse Deiner Liebe, wie gewaltig ihre Zahl! Wollte ich sie zählen, sie wären mehr als der Sand. Ich erwache, und noch bin ich bei Dir. Prüfe mich, Herr, und erkenne mein Herz. Erforsche mich und erkenne meine Gedanken und schaue, ob ich den Weg der Schmerzen wandle und geleite mich' auf dem Pfade der Ewigkeit." Durch diese Erkenntnis befreit sich die Seele von ihrem schweren Druck. Mehr, als wir heute, haben die Menschen der biblischen Zeit unter Reue, Scham und Schände gelitten, unter der Trauer über vieles Verfehlte. Denn in jedem Leben ist vieles verkehrt begonnen worden, und Jeder kehrt sich gerne ab von großen Strecken seiner eigenen Vergangenheit. Die Antike suchte im Lethe, im Strom des Vergessens, ihre Zuflucht. Dem Themistokles bot sich ein GedäCi Lniskünstler an, er wolle ihn die Kunst lehren, alles zu behalten. Aber der große Staatsmann wies ihn zurück: Lehre mich lieber, vieles zu vergessen! Mit großem Leichtsinn aber steht der moderne Mensch der dunklen Frage gegenüber, wenn er glücklich den preist, der vergißt, was nicht mehr zu ändern ist. Schwer und trübe empfindet im Gegensatz dazu die Bibel den schwarzen Schatten, der sich wohl auf jedes menschliche Leben legt, sobald einmal die Kinderjahre hinter ihm liegen. So klagt Hiob: „Du lassest mich erben die Sünden meiner Jugend!" Und glücklich preist der Psalm den, dessen Schuld verziehen, dessen Missetat gesühnt ist. Der Druck einer schweren Schuld beherrscht auch viele Psalmen. Er ruht über ihrem Anfang, nicht aber über ihrem Ende. Denn unsere Psalmen sind alle beschwingt von der Sehnsucht nach einer befreiten, erlösten Seele, nach Heiterkeit und einem fröhlichem Gemüt. Einen von ihnen, den hundertdreißigsten sprechen wir in der feierlichsten Stunde des Jahres, am Eingange des Jörn Hakkipurim, und die katholische Kirche läßt ihn als De Profundis am Grabe laut werden: „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir o Herr! Herr! Höre mein Gebet, und Dein Ohr sei geneigt meinem innigen Flehen! Wenn Du Schuld anrechnen willst, Herr, Herr, wer darf dann vor Dir bestehen? Aber bei Dir ist die Verzeihung, damit Du gefürchtet werdest. Ich barre auf den Ewigen, es harrt meine Seele und seines Wortes harre ich. Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, als die Wächter auf den Morgen. Harre, Israel auf den Ewigen, denn bei dem Ewigen ist die Verzeihung und bei ihm die Erlösung.