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Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 127 - 128

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Aus der Welt der Psalmen
Date
1922-05-01
Page
Seite 127 - 128 (sequence 6)
Language
German
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127 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 128 Und Er wird Israel erlösen von aller seiner Schuld." Alle Erfahrung der Weltgeschichte und des eigenen Lebens führt schließlich zu jener Erkenntnis, die ein Psalm einmal ausspricht: „Ein Fremdling bin ich bei Dir, ein Beisasse, wie alle meine Väter." Die Jugend schwindet, und das Alter sinkt ins Grab. Hab und Gut kann der Zeit zum Opfer fallen, und Ehre und Ansehen können uns verlorengehen. Wir sind nicht sicher vor der Feindschaft der Menschen und nicht geschützt vor unserer eigenen Torheit. In dieser trügerischen Welt ohne Kern und Bestand finden die Psalmen nur einen einzigen. Besitz, der uns dauernd bleiben kann, die Nähe Gottes. Und wie ein Kind an der Hand seines Vaters, so fühlt sieh der vertrauende Mensch geschützt 'und geborgen in Gottes Hand. Das verkündet als die reifste Blüte der Weisheit der dreiundsiebzigste Psalm: „Ich bin immer bei Dir, Du fassest mich bei meiner rechten Hand, leitest mich nach Deinem Ratschluß und nimmst mich nachher in Herrlichkeit auf. Wen habe ich im Himmel? Und wenn ich nur Dich habe, begehre ich nichts auf Erden. Schwindet mein Fleisch und mein Herz, der Fels meines Herzens ist Gott für die Ewigkeit. Denn siehe, die Dir fern sind, gehen zu Grunde, Du lassest den dahinschwinden, der sich untreu von Dir abkehrt. Ich aber, die Nähe Gottes ist mir gut. Ich setze auf den Ewigen, meinen Herrn, meine Zuversicht, daß ich erzähle von allen Deinen .Waltungen." * Heute leben wir wieder in einer Zeit, ähnlich jener vor zweieinhalb Jahrtausenden. Wieder ist über uns eine Katastrophe hereingebrochen, ähnlich jener, die damals den Tempel zerstörte und unsere Väter in die Verbannung trieb. Unsere eigenen Erlebnisse haben uns wiederum gelehrt, die Psalmen zu verstehen, und sie ergreifen unsere Seele so, wie sie unsere Väter gestärkt, getröstet und erhoben haben. Wiill's Gott, werden auch wir den Weg gehen, den die alten Geschlechter Israels, unsere Väter gehen durften, „von der Knechtschaft zur Freiheit,' vom Kummer zur Freude, von der Trauer zum Festtag und von der Dunkelheit zum hellen Lichte". DER WANDEL DES JÜDISCHEN FRAUENTYPS SEIT DER EMANZIPATION IN DEUTSCHLAND Von Dr. Sei (Schli Den großen Unterschied, der zwischen diesen Ideen und der Wirklichkeit klaffte, mußte gerade die Jüdin mit Schaudern entdecken. Denn noch herrschte im jüdischen Hause der Despotismus des Vaters, der über die Tochter — die Ehen Henriettens, Dorotheas und vieler anderen beweisen es — schrankenlos wie über eine Sache verfügte. Gerade aber weil sie die ganze Öde dieser nüchternen Ehen selbst erlebten oder an anderen beobachteten, wurden diese Jüdinnen zu Künderinnen der, wie sie Rahel einmal nennt, „neuen, europäischen Liebe", die nicht der „tändelnde, nur leicht verwundende Amor" ist, sondern der „lebensgefährliche Eros". Der Mann ist ihnen nicht mehr, wie derGlückel, der natürliche Versorger der Familie, bei dem sie ein geruhsames Hafenglück finden. Er wird für sie zum mystischen Schicksal, das segensreich oder verhängnisvoll in ihr Leben tritt, dem sie aber folgen müssen, und führe es sie auch in Not und Tod. „Liebe ist -die größte Überzeugung", schreibt Rahel einmal, „Auge, Ohr, Gefühl, Herz, alles ist unwiderstehlich überzeugt. Aber darum lieben auch nur Menschen, d. h. hohe, überzeugungsfähige Geschöpfe". m a Stern, uß.) Ihr ganzes Genie, sagt sie ein andermal, sei ihre Macht zu lieben. Es sei der Adel einer Frau, lieben zu können. Ja die Frau habe keinen anderen Rang, keinen anderen Stand. So sehr sie das romantische Spielen mit Liebe und Ehe haßt, so unbedingt verlangt sie von der Frau, allein der Stimme ihres Herzens zu folgen. „Liebe ist der Lebenszustand, der unsere Tage reich', hell, bedeutungsvoll macht. Nur durch die Liebe empfindet man isein eigenes Dasein, ja -die Liebe ist in dem Grade der innerste Kern unseres Wesens, daß sogar ein Schein davon unsere Teilnahme erwecken kann." In ihrem Roman „Florentin" läßt Dorothea ihren Helden nach der großen und einzigen Liebe suchen, die irgendwo, wie er in froher Ahnung weiß, existiert. Er sehnt sich nach der Frau, die ihn liebt wie er sie, die ohne alle Absicht, bloß um der Liebe willen, sein sei. Doch' will sie eine Vereinigung nicht auf Kosten der Selbständigkeit, nicht eine übertriebene Ehe, sondern mit Wahrung der gegenseitigen Individualität, einer Verbindung freier und gleicher Wesen.

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