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Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 123 - 124

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Aus der Welt der Psalmen
Date
1922-05-01
Page
Seite 123 - 124 (sequence 4)
Language
German
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123 Aus der Welt der Psalmen 124 Wie sehr aber auch der Blick unserer alten Seher und Dichter an der Natur haften möge, ihr letztes Ziel ist doch immer und'überall Gott. Und das letzte Wort unserer Psalmen gibt schon rein äußerlich die Richtung an, in der das Herz der Sänger und ihrer Hörerschlug. Es ist der Ausklang des Buches, der hundertfünfzigste Psalm:. „Lobet Gott! Lobet ihn in Seinem Heiligtume, lobet ihn in der Fülle Seiner Macht, lobet ihn ob Seiner mächtigen Taten, lobet Ihn ob Seiner erhabenen Größe, lobet Ihn beim Schalle der Posaunen, lobet Ihn bei Harfe und Zither, lobet Ihn bei Pauken und Reigen, lobet Ihn bei Flöte und. Psalter, lobet Ihn bei schmetternden Zimbeln, lobet Ihn bei schmetternden Posaunen! Alles was Odem hat, lobe Gott! Lobet Gott!" Auch dieser Sang ist ein Hymnus der Menschheit geworden, und sein „Lobet Gott" ist in seiner hebräischen Ursprache in alle Sprachen übergegangen. Es lautet „Hallelujah". Das letzte Wort noch mehr, das Ziel aller Psalmen. III. Wie in der Natur, so suchen unsere Psalmen Gott überall auch im Leben. In Seiner Ewigkeit und Allgegenwart finden sie ihren Trost, wenn die Endlichkeit alles Irdischen sie bedrückt. Iis gibt auf der Erde nichts Dauerndes. Das Gras verdorrt, und die Blume welkt, sie leben kaum einen Sommer. Der Mensch lebt siebzig, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, dann ist auch sein kurzes Dasein beendet. Bäume mögen Jahrhunderte überdauern, dann sind sie morsch und zerfallen. Und schließlich ist diese ganze Erde, auf der wir leben, irgend einmal entstanden, und wird irgend einmal, nach Hunderttausenden oder nach Millionen von Jahren, wiederum in die Sonne stürzen, aus der sie gekommen ist. Seit anderthalb Jahrhunderten sind uns derartige Gedanken als wissenschaftliche Lehre vertraut. Die Alten aber kannten sie als eine Ahnung. Diese Welt, in der wir leben, ist nicht die erste und wird nicht die letzte sein. Andere sind ihr vorangegangen und andere werden ihr folgen. Darum rechnen die Psalmen nicht mit Jahrhunderten und nicht mit Jahrtausenden, sondern mit Aeonen, mit Weltaltern. Und einige schließen: „Gepriesen sei Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit", von der Ewigkeit die vergangen war, als unsere Welt entstand, bis zu der Ewigkeit, die anheben wird, wenn unser Kosmos zerfallen istg, Diese Gewißheit von der Vergänglichkeit alles' Irdischen legt sich uns schwer auf die Brust. Aber gerade aus diesem ewigen Wechsel schöpft unsere alte Dichtung die Ueberzeugung von der Ewigkeit Gottes, und sie wird nicht müde, diesen Glauben in immer erneuten Wendungen zu verkünden. „Einst hast Du die Erde gegründet, und Deiner-Hände Werk ist der Himmel. Sie vergehen, Du aber bleibst. Sie vergehen wie ein Gewand, das die Motte zerfrißt. Du aber bleibst, und Deine Jahre gehen nicht zu Ende." Und aus dieser Stimmung ist ein erhabener Psalm entstanden, feierlich vor allen anderen. Darum hat ihn die Ueberlieferung auch dem Mose zugeschrieben, dem größten der Propheten. Er muß in einer furchtbaren Zeit entstanden sein, voll Elends und drückender Not. Jahre der Pest und des Krieges waren ihm'Vorangegangen. Die Nichtigkeit unseres Daseins, die Vergeblichkeit unserer Bemühungen war jenem Geschlechte klar geworden. Aus dieser Stimmung heraus floß das Gebet von Mose, dem Manne Gottes, erstand der neunzigste Psalm. „Herr! Zuflucht bist Du uns gewesen von Geschlecht zu Geschlecht. Ehe denn die Berge geboren wurden und Du Erde und Weltall kreisen ließest, ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist Du Gott. Du führst den Sterblichen zum Staube zurück und sprichst: Kehret wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind in Deinen Augen wie der Tag, der vorübergegangen, und wie eine Wache in der Nacht. Du läßt sie dahinströmen. Wie Schlaf sind sie. Am Morgen blüht und sproßt der Mensch, und am Abend ist er abgeschnitten und welk. Denn wir schwinden, so Du zürnest, und vor Deinem Grimme vergehen wir vor Schrecken. Du stellst unsere Schuld vor Dich hin, unser heimliches Tun vor das Licht Deines Angesichtes. Ja, alle unsere Tage schwinden, so Du zürnest, wir verbringen unsere Tage wie einen Hauch. Die Tage unserer Jahre sind siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und ihr Stolz ist Mühe und Leid, denn rasch ist es abgeschnitten, und wir fliegen dahin. Wer erkennt die Macht Deines Zornes und hat Ehrfurcht vor Dir, wie Dein Grimm es erheischt? Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, daß wir ein weises Herz gewinnen. Wende Dich zu uns, Ewiger, wie lange noch?, und erbarme Dich über Deine Knechte! Sättige uns am Morgen mit Deiner Gnade, daß wir jubeln und uns freuen alle unsere Tage! Erfreue uns, soviel Tage Du uns betrübt hast, soviel Jahre wir Leid sahen. Sichtbar werde Deinen Knechten

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