Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Aus der Welt der Psalmen
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 3)
- Language
- German
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121 Aus der Welt der Psalmen 122 Lieder sind Denkmäler der Geschichte. Sie zeigen uns den Weg eines schwerbedrängten Volkes „von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Kummer zur Freude, vom Druck zur Erlösung, Von der Finsternis zum hellen Lichte". Aber wer denkt noch an ihren geschichtlichen Anlaß? Der Erforscher der Psalmen, der gelehrte Kenner der alten jüdischen Geschichte. Der Leser der Lieder aber und der Beter weiß, selten davon und braucht auch nichts davon zu wissen. Denn diese ganze Dichtung ist aus der Zeit herausgewachsen in die Ewigkeit. Sie ist zum Liede der Menschheit und zum Gesang für alle Zeiten geworden. Darum brauchen wir nun nicht mehr von der vergangenen Zeit zu sprechen, in der sie wurzeln, sondern von ihrem ewigen Werte, von der ewig gleichen menschlichen Seele, die aus ihnen spricht, und die auch uns, die späten Hörer, die Tiefen und die Quellen der Seele schauen läßt. ( II. Die Seher und Propheten, die iir den Psalmen zu uns sprechen, sehnten sich nach1 Gott. Ihr Auge schaute ihn in der Natur, im Gange der Geschiehte und in den Schicksalen des menschlichen Lebens. Es erblickte ihn überall. In den Bekenntnissen und Offenbarungen ihres Geistes nimmt die Seele den gleichen Weg, wie das Volk. Sie schreitet ihre Bahn, „von der Knechtschaft zur Freiheit, von Kummer zur Freude, vom Druck zur Erlösung, von der Trauer zum Festtag von der Finsternis zum hellen Lichte". Viele Psalmen heben trübe und traurig an, aber sie enden jubelnd in strahlender Freude. Sie blicken auf die Welt und sehen hier nur Leben und Seele und Herz. Sie kennen keine tote Natur. Sondern für sie ist das Licht Gottes Gewand und das Firmament der Söller, den Er sich gebaut hat. Die Wolken sind Sein Wagen, und der zuckende Blitz ist Sein Diener. Am Ufer des rauschenden Jordan;hören sie, wie die Ströme in die Hand klatschen und die Berge jubeln, weil der Ewige! kommt, die Erde] zu. richten. So beseelt diese Poesie die ganze Natur mit lebendigem, fühlendem Dasein., Sie schaut den Aufgang der Sonne und sieht den frischen, freudigen, des Leuchtens durstigen Strahl des großen Gestirns, sie nennt den glühenden Ball einen Bräutigam, der aus seiner Hochzeitskammer hervortritt, einen Helden, der frohlockt, zu durchlaufen die Bahn. Mit .Wonne weilt ihr Auge am gestirnten Himmel. Hier lernte der Mensch zuerst Ordnung und Maß, Zahl und Gesetz in der .Welt zu ahnen. Und Aug' in Aug' mit der gewaltigen, erhabenen Natur fühlt der Dichter die ganze Größe des Menschen: „Gott, unser Herr! Wie herrlich ist Dein Name auf der ganzen Erde, der Du Deine Pracht an den Himmel gesetzt hast! Wenn ich Deinen Himmel sehe, Deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die Du bereitest: Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest, daß Du ihm nur wenig fehlen ließest von himmlischen Wesen und ihn mit Macht und Ehre gekrönt hast, daß Du ihn zum Herrscher über Deiner Hände Werk gemacht hast und alles ihm zu Füßen legtest, Schafe und Rinder alle, und auch die Tieire des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, was durch die Bahnen der Meere zieht! Gott, unser Herr! Wie herrlich ist Dein Name auf der ganzen Erde!" Weit über die Gotteshäuser des Judentums und des Christentums hinaus, über Synagogen und Kirchen, ist durch .Beethovens Komposition der neunzehnte Psalm aller Welt bekannt geworden: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, und Seiner Hände Werk verkündet die Feste. Mit dem Himmel ist die ganze alte Welt vertraut. Die Psalmen aber kennen nicht nur ihn, sondern die ganze Natur. Licht und Wolken, Berg und Tal, die Schöpfung der Erde und ihres Lebens, der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, der Ozean mit allem, was sich darin regt, mit den mächtigen Schiffen, die der Mensch baut, und dem Leviathan, der in seiner übermächtigen Größe doch nur Gottes Spielzeug ist, der ganze Kosmos ist zusammengefaßt in dem kleinen hundertvierten Psalm, diesem freundlichen, liebevollen Blick auf die ganze Schöpfung. Alles, was da lebt, Tiere und Menschen; alles ist Gottes Geschöpf und lebt von seiner Gnade. „Sie alle hoffen auf Dich, daß Du ihnen ihr Brot gebest zur rechten Zeit, Du öffnest Deine Hand und sättigst alles, was da lebt, mit Deiner Gnade. Du gibst ihnen und sie sammeln, Du öffnest Deine Hand und sie sättigen sich mit allem Guten. Du verbirgst Dein Antlitz und sie erschrecken, Du nimmst ihnen ihren Odem, und sie verscheiden und kehren zu ihrem Staube zurück. Du sendest Deinen Geist und sie werden neugeschaffen, und Du erneust das Antlitz der Erde."