Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1922) · p. Seite 119 - 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
Article
Aus der Welt der Psalmen
Date
1922-05-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584111-2591494--18482-2591514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 Aus der Welt der Psalmen 120 In jenen bangen Jahrzehnten war das Herz unserer vertriebenen Väter von einer einzigen Sehnsucht erfüllt, von dem verzehrenden Verlangen nach Rückkehr in die alte Heimat. Und diese £roße Hoffnung, von der sie lebten bei Tag und Nacht, erfüllte sich auch. Ein Atlas trat auf, der die Erdkugel auf seine starken Schultern nahm und den Lauf der Welt änderte. Kyros, der Perser, erschien. Kaum ein halbes Jahrhundert nach der Zerstörung des Tempels lag Babylon am Boden, und der neue Herr der Welt gestattete den Verbannten die Heimkehr nach Erez Israel. In diese Tage führt uns 'der hundertsechsundzwanzigste Psalm, das Lied der Heimkehrenden: „Als der Ewige die Gefangenen von Zion zurückführte, da waren wir wie die Träumenden." Als vor drei Jahren, nach dem Waffenstillstand, unsere Gefangenen nicht zurückkehrten, verstanden wir erst recht das Gebet, in das der Psalm ausklingt, die Zuversicht, mit der er schließt: „Führe zurück, Ewiger, unsere Gefangenen, wie Ströme ins dürre Land. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Es geht' dahin und weint der Sämann, der den Samen auswirft, Jubelnd kehrt er heim, tragend seine Garben." Es folgten stille Zeiten, arm und voller Leiden. Das kleine, schwache Heim in Palästina schien die Kraft zum Leben nicht zu haben. Aeußere Feinde traten auf, Samaritaner, Am moniter. Im Innern herrschte Zwietracht, und das Ende der dürftigen Herrlichkeit schien gekommen. Diesen Zeiten voller Schmerz und enttäuschter Hoffnungen, in denen dennoch still und unbemerkt der Keim zu künftiger Größe reifte, entstammt auch jener Psalm, dessen wir am Eingang gedachten: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen. Von wannen wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat. Er läßt nicht wanken Deinen Fuß, es schläft nicht Dein Hüter. Siehe, nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels. Der Ewige ist Dein Hüter, der Ewige Dein Schatten zu Deiner Rechten, daß am Tage die Sonne Dich nicht treffe und der Mond nicht in der Nacht. Der Ewige behüte Dich vor allem Bösen, Er behüte Deine Seele. Der Ewige behüte Deinen Ausgang und Deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit." Und die Zeiten schritten langsam voran. Noch einmal leuchteten dem kleinen Palästina glorreiche Tage. Die Epoche der Befreiungskriege gegen die Syrer hob an, das Zeitalter der makkabäischen Helden. Unsere Synagoge hat ihnien im Chanukkafeste ein bleibendes Gedächtnis gestiftet. Ein dauerndes, ewiges Denkmal jener Tage sind aber auch die Psalmen aus der Makkabäerzert Aus ihnen spricht die gewaltige, bedrängte und doch ruhmvolle Zeit, da die brausenden Wasser über unserem Haupte zusammenschlugen und die Scharen der Völker wie Bienenschwärme gegen uns anstürmten, da die Makkabäer ihr Volk aus dem Rachen des Löwen retteten und in der Stunde der höchsten Gefahr doch noch die Schlinge des Vogelstellers zerreißen konnten, in die es schon verstrickt war. Aus diesen Psalmen schreit die Not des Krieges: „Gott! Völker sind in Dein Erbe gekommen. Sie haben Deinen heiligen Tempel verunreinigt und Jerusalem zur Einöde gemacht. Sie haben die Leichen Deiner Knechte zum Fraß für die Vögel des Himmels gemacht und den Leib Deiner Frommen für die .Raubtiere. Sie haben Blut wie Wasser rings um Jerusalem vergossen, und keiner hat begraben. Wir wurden zur Schmach für unsere Nachbarn, zu Spott und Hohn für Alle ringsum. Wie lange noch. Ewiger, wirst Du zürnen, wird wie Feuer Dein Eifer brennen? Gieße Deinen Grimm aus über die Völker, die Dich nicht kennen, und über die Reiche, die Deinen Namen nicht anrufen, denn sie haben Jakob zerstört und seine Stätte verwüstet. Gedenke uns nicht der Schuld der Früheren, bald möge uns Deine Barmherzigkeit erreichen, denn wir sind sehr arm. Hilf uns, Gott unseres Heils, ob der Herrlichkeit Deines Namens willen, und rette uns und versöhne unsere Schuld ob Deines Namens." Dieses flehentliche Gebet ist erhört worden. Und in dem gleichen Buche der Psalmen, in dem es für die Ewigkeit aufbewahrt worden ist, lesen wir das schönste Wort beglückten Dankes. Im' brausenden Chore wurde es aus dem Tempel jubelnd hinausgerufen in die Welt, wenn die versammelte Menge mit entlastetem Herzen einen Rückblick warf auf die große Zeit, auf die unerhörte Gefahr und das Wunder der Rettung. Dann stimmten sie den Hymnus an: „Danket dem Ewigen, denn Er ist g'ütig, denn ewig währet seine Gnade." Not und Sorge, Freude und Rettung in vier Jahrhunderten jüdischer Geschichte haben also in den Psalmen ihren Ausdruck gefunden. Diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.