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Ost und West · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1922) · p. Seite 99 - 100

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1922)
Article
Das Judentum in christlicher Darstellung
Date
1922-03-01
Page
Seite 99 - 100 (sequence 4)
Language
German
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99 Das Judentum in christlicher Darstellung 100 Gegengründe der Juden schon zurückgewiesen. Der dritte Teil hat drei Unterabteilungen (distinctiones). Der erste Teil handelt von der Einheit Gottes und der Unterscheidung der Personen in der Gottheit; der zweite vom Menschen, dem Sündenfall und seinen Folgen; der dritte kann als Christologie bezeichnet werden und schließt mit Kapiteln von der Verwerfung der Juden und dem schließlichen Übertritt des Restes." In Auseinandersetzung mit den Juden stützt sich Martini auf die hebräische Bibel und zitiert in reichem Maße jüdische Autoritäten. Seine Zitate werden lang und breit im Original gegeben mit genauen " Quellenangaben, wie es zu" seiner Zeit üblich' war, begleitet von einer lateinischen Übersetzung und Auslegung. Der Umfang seiner Kenntnisse ist sehr groß: Er zitiert die Targumim, beide Talmude, den Seder Olam, die verschiedenen, gewöhnlich Rabboth genannten Midraschim, den Midrasch auf die Psalmen, die Mechilta auf Exodus und anderes. Von Kommentatoren benutzt er Raschi (gest. 1105), Ibn Esra (gest. 1167), David Kimchi (gest. 1235) und seinen eigenen Zeitgenossen R. Moses ben Nachman, und zitiert häufig den Moreh Nebuchim von Maimonides (gest. 1204). Einige der Werke, aus denen er schöpfte, sind verschollen und nur durch seine Auszüge bekannt. Ein solches, aus dem er häufig zitiert, war der dem R. Moses Hadarschan (blühte in Narbonne um die Mitte des elften Jahrhunderts) zugeschriebene Bereschith Rab'bah9). Außerdem sind Auszüge aus Josippon und den Toledoth Jeschua zu erwähnen. Andererseits ist es wichtig zu bemerken, daß der Pugio keine Zitate aus dem Sohar oder anderen kabbalistischen Werken enthält. Die Kabbala konnte, als Martini schrieb, tatsächlich in Spanien nicht recht aufkommen gegen die aristotelisierende Strömung, obgleich Asriel, der als Begründer der spekulativen Kabbala betrachtet wird, zu der Generation vor ihm gehörte, und Moses ben Nachman, den Asriel in die Kabbala eingeführt haben soll, sein Zeitgenosse war. Der Pugio ist eine Streitschrift, und die äußere Form eines ernsthaften theologischen Streites ist, wie man beobachten kann, selten eine vollkommen höfliche. Aber er wurde in der Absicht geschrieben, Juden zu bekehren, nicht sie zu beschimpfen, und im Vergleich mit viel jüngeren judenfeindlichen Schriften kann er vornehm genannt werden, trotzdem der Titel den Gedanken an einen Mörder weckt. Aber sein eigenster Wert besteht darin, daß es ein Werk echter Gelehrsamkeit ist. In einem Orden, wie der der Dominikaner, welcher unter seinen Mitgliedern zahlreiche übergetretene Juden zählte und unter ihnen Männer von rabbinischer Bildung, da war ein gemeinschaftliches Studieren leicht möglich, und es ist wahrscheinlich, daß Martini sich das nutzbar machte. Doch was er auch beim Sammeln seines Materials für eine Hilfe gehabt 'haben mag, er hat es sich offenkundig ganz zu eigen gemacht. Der Pugio ist nicht nur beachtenswert als ein erstes Unternehmen seiner Art. Er 9) Die Texte, wie Martini sie zitiert, weichen manchmal wesentlich von den uns vorliegenden Handschriften und Drucken ab, und seine Ehrlichkeit wurde darum angezweifelt. Wo der Text wirklich in christlichem Interesse bearbeitet ist, sind die von ihm benutzten Exemplare eher von jüdischen Konvertiten interpoliert worden, als daß .er sie selbst gefälscht hat. Das Urteil moderner jüdischer Kritiker ist im allgemeinen günstig für seine Ehrlichkeit. bleibt innerhalb seines Rahmens bis heute ein bewundernswertes Denkmal von Gelehrsamkeit. Ein großer Teil von allem, was heutzutage den Grundstock von Quellennachweisen auf diesem Gebiete bildet, stammt letzten Endes von Martini, obgleich' diese Quelle lange Zeit vergessen war, und nicht selten sind die Nachweise falsch geworden in der langen Reihe derer, die immer voneinander entlehnt haben. Einige charakteristische Beispiele hierfür werden weiter unten gegeben werden. In neueren Büchern hat der Pugio seinen traditionellen Platz in der Bibliographie, aber seine Kenntnis aus erster Hand ist nur selten zu finden. Martinis Werk, in drei großen Bänden, war in einem anderen Sinne zu monumental. Exemplare davon sind nicht in großer Zahl erhalten und waren es wahrscheinlich niemals. Hinweise darauf finden sich in den folgenden Jahrhunderten nur selten. Sehr früh schon war jedoch ein guter Teil seines Inhalts in ein handlicheres Buch übergegangen, die „Victoria" des Porchetus de Salvaticus.., vollendet im Jahre 1303. Der Autor, ein Karthäuser aus Genua, erklärt in der Einleitung, daß er sein Werk Victoria nenne, eo quod per eum Judaei facile convincuntur, ac eorum conscientiae non modicum penetrantur. Er erkennt an, wie viel er Raymund Martini verdankt, a quo sumpsi hujus libelli materiam in plerisque compilandi. Die langen Auszüge aus den rabbinischen Quellen im hebräischen Original sind weggelassen und noch viel anderes, was Porchetus augenscheinlich nicht als wichtig für seinen Zweck ansah. Andererseits bringt Porchetus nicht selten Material aus eigenem bei, das nicht im Pugio zu finden ist, zum Beispiel eine Diskussion über die Aussprache des Tetagramms (Johouah )!<>). Porchetus' Victoria wurde in Paris im Jahre 1520 gedruckt und herausgegeben unter der Leitung von A. Giustiniani, dem ersten Professor des Hebräischen und. Arabischen an der Universität von Paris11). Das Werk ist offenbar zu seiner Zeit sehr verbreitet gewesen. So zitiert es beispielsweise Luther, der tatsächlich daraus längere Stellen übersetzte in seinem Schriftchen: „Vom Schern Hamephoras und vom Geschlecht Christi". Dasselbe ist in den großen Ausgaben angehängt seiner Schrift: „Von den Juden und ihren Lügen" (beides 1543 erschienen). Zwei Jahre, bevor Giustiniani die Victoria druckte, veröffentlichte Petrus G a 1 a t i n u s, ein Franziskaner, mit der Unterstützung des Papstes Leo X. und des Kaisers Maximilian einen Folioband unter dem Titel: De arcanis catholicae veritatis12), dessen unmittelbarer Zweck es war, Reuchlin in seinem Streite mit den Dominikanern über die Bücher der Juden13) durch den Nachweis zu 10) Über die Aussprache Johouah bei Porchetus siehe meine Bemerkungen in The American Journal of Semitic Languages and Literatures XXVIII (Uct. 1912) S. 55—57 und über Luthers Benutzung des Porchetus ebd., S. 60 f. 11) Siehe Anhang. 12) Siehe Anhang. 13) Die Dominikaner hatten auf Betreiben des getauften Juden Pf et t er kor n 1508 vom Kaiser ein Edikt erwirkt, wonach die Juden all ihre Bücher zur Prüfung abliefern sollten, und solche Bücher, die Beleidigendes für die christliche Religion enthielten, verbrannt werden sollten. Der Kaiser ließ sich aber bewegen, die Sache noch einmal in Erwägung zu ziehen, und forderte Reuen Iin zu einem Gutachten als

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