Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 97 - 98 (sequence 3)
- Language
- German
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97 Das Judentum in christlicher Darstellung 98 völkerung der Iberischen Halbinsel sich' verteilte, viel gestritten über die Grundlagen ihres jeweiligen Glaubens und die Wahrheit ihrer Lehren. Wenn hier Christen in eine derartige Kontroverse mit Juden sich einließen, so waren sie in einer ganz anderen Lage als ihre apologetischen Vorgänger. Sie hatten es nicht mit fingierten Gegnern zu tun, sondern mit wirklichen Kämpfern, welche sich tapfer wehrten und kräftig zurückschlugen. Außerdem zwangen jetzt die Verteidiger des Judentums ihre Gegner, ihnen bei Beweisen aus der Bibel auf das Gebiet des hebräischen Urtextes zu folgen, und nicht auf das einer anfechtbaren griechischen oder lateinischen Übersetzung. Sie hatten nicht nur die überlieferte Kenntnis der Sprache, sondern hatten sich, den Fußstapfen der arabischen Philologen folgend, die hebräische Grammatik und das Wörterbuch dienstbar gemacht. Sie besaßen Kommentare des Alten Testaments, in welchen der Text nach' einer gesunden philologischen Methode ausgelegt war, häufig mit geschichtlicher und kritischer Einsicht, und sie unterschieden klar zwischen dem wörtlichen Sinn und den homiletischen Nutzanwendungen. Sie kannten auch die Traditionen des Judentums, wie sie im Talmud und Midrasch niedergelegt sind, und seine maßgebende Lehre und Betätigung. Sie definierten und systematisierten seine Glaubensanschauungen und Lehrsätze, brachten sie in Einklang mit der Heiligen Schrift und der Philosophie und unternahmen es, sie durch Autorität und Vernunft zu begründen. Die christlichen Gegner waren demnach gezwungen, wenn sie nicht fortan in die leere Luft hauen wollten, die jüdische Literatur zu kennen, die alte sowohl wie die moderne. Es genügte nicht, ihre Auslegungen ihres Alten Testaments mit Belegstellen zu behaupten, sie mußten sie beweisen. Zu diesem Zweck war eine der wirksamsten Methoden, zu zeigen, daß ihre Auslegung, wenn auch von den zeitgenössischen Gegnern geleugnet, ihre Stütze in der alten Tradition fand — im Targum, Talmud, Midrasch' —, deren Autorität die Juden nicht bestreiten konnten, oder daß sie im Einklang war mit neueren jüdischen Exegeten von großem Rufe. In dieser Weise die Alten gegen die Modernen auszuspielen, ist, wie wir sehen werden, eine beliebte Taktik in dieser neuen Art von Apologetik. Was sie auch sonst wert sein mag, so hat sie wenigstens das eine gute, sie führte zu einem eifrigeren und eindringenderen Studium des Judentums, als es irgendein rein wissenschaftliches Interesse bewirkt hätte. Übergetretene Juden machten sich natürlich nützlich bei dieser neuen Apologetik. Sie brachten die Kenntnisse mit, und indem sie ihren neuen Glauben verteidigten; oder den alten angriffen, entschuldigten sie ihre eigene Abtrünnigkeit und lieferten den Beweis einer Aufrichtigkeit, welche häufig auf beiden Seiten angezweifelt wurde. Der früheste dieser Art, welcher uns aufbewahrt wurde, ist der Dialog des Petrus Alfonsi (gestorben 1110), Arzt des Königs Alfonso VI. von Kastilien, der Pate stand bei seiner Taufe, daher der Name „Alfonso's Peter". In seiner neuen Würde als '„Peter der Christ" widerlegt und bekehrt sich schließlich der Verfasser in seiner alten Eigenschaft als „Moses den Juden". Die Beweisführung ist überwiegend philosophisch und biblisch. Jüdisches bringt er hauptsächlich nur bei, um die Absurditäten der Haggada lächerlich zu machen, besonders ihre Anthropomorphismen. Nur selten (z. B. zu Gen 49, 10) wird eine jüdische Deutung zur i Stütze einer christlichen angeführt. Übertritte wurden häufiger im dreizehnten Jahrhundert6). Mit der Erstarkung und Festigung der christlichen Königreiche setzte eine immer konsequenter unfreundliche Politik der Regierungen gegen die Juden ein,- und die Kirche förderte diese Maßregeln. Um dieselbe Zeit wurde das Bekehrungswerk der Dominikaner, welche Gregor IX. (1227—1241) besonders mit dieser Aufgabe betraut hatte, mit Ausdauer und zielbewußtem Eifer verfolgt. Raymund de Penaforte (gestorben Januar 1275), der General des Ordens, suchte die Mohammedaner rund Juden mehr durch Überzeugung zum katholischen Glauben zu gewinnen, als durch Verfolgung in die Kirche zu zwingen, und errichtete zu diesem' Zweck ein Kollegium, in dem begabte und dafür eigens ausgewählte Mitglieder des Ordens sich dem Studium des Arabischen, Hebräischen, Aramäischen, der moslemitischen und jüdischen Heiligen Schriften und ihrer philosophischen und theologischen Literatur widmeten. Unter ihnen befand sich auch Raimundus Martini, dessen Pugio Fidei das große Denkmal dieser Bemühungen ist. Über sein Leben, dessen größten Teil er in einem Kloster seines Ordens in Barcelona zugebracht hat, , ist wenig überliefert. Im Jahre 1264, im Verfolg der Disputation von Barcelona, die im vorhergehenden Jahre in Gegenwart des Königs Jaime. I. von Aragonien zwischen dem Konvertiten Pablo Christiani und Rabbi Moses ben Nachman stattgefunden. hatte7), war Martini einer von der Kommission, welche der König eingesetzt hatte, jüdische Bücher zu untersuchen mit dem Auftrag, die Stellen auszumerzen, welche Christus oder die Jungfrau Maria beschimpften. Er hatte dadurch die denkbar beste Gelegenheit, mit der jüdischen Literatur aller Zeiten bis herab in seine Tage bekannt zu werden und Abschriften zu bekommen. Sonst wissen wir, daß er im Jahre 1278 in der Mitte des zweiten von den drei Teilen hielt, in welche sein Werk eingeteilt ist (II, X, 2, S. 316)8), und daß er 1284 noch am Leben war. Der erste der drei Teile des Pugio enthält eine Widerlegung der Irrtümer der Philosophen, hauptsächlich der arabischen Aristoteliker, deren drei Grundirrtümer sind, daß die Welt ewig ist, daß Gottes Allwissenheit nicht die Einzeldinge einschließe und daß niemals eine Auferstehung der Toten stattfinden werde. In diesen Kapiteln zeigt er seine Vertrautheit mit den moslemitischen Autoren und arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen. Averroes ist, wie anzunehmen war, der anstößigste der Philosophen, Algazel (Ghazali) ein willkommener Bundesgenosse. Der zweite und dritte Teil handelt von den Juden. In ersterem wird der Beweis geführt, daß der Messias schon gekommen ist, und werden die 6) Siehe unten Note 23. 7) Ein von R. Moses b. Nachman niedergeschriebener Bericht über diese Disputation findet sich bei Wagenseil Tela ignea Satanas. Die drei zur Debatte gestellten Gegenstände waren: Ob der Messias schon erschienen sei; ob der Messias der Propheten mensch-, lieh oder göttlich war; ob Judentum oder Christentum die wahre Religion sei. In dem vorliegenden Bericht endet die Kontroverse mit der Dreieinigkeit. 8) Das Jahr 1278 wird oft ungenau als Jahr der Vollendung des ganzen Buches angegeben.