Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 101 - 102 (sequence 5)
- Language
- German
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101 Das Judentum in christlicher Darstellung 102 unterstützen, daß die unterscheidenden Lehren des Christentums aus diesen selben Büchern bewiesen werden können. Der Beweis wird geführt in Form einer Diskussion, an welcher Reuen lin (Capnio), Hoogstraaten (Prior der Dominikaner in Köln) und Galatinus selbst teilnehmen; Galatinus als Hauptredner, Reuchlin als Fragesteller, der bescheiden zu den Füßen des Galatinus sitzt, Hoogstraaten als gelegentlicher Gegenredner. Die Übereinstimmung zwischen Galatinus und Porchetus wurde früh bemerkt in einem für den ersteren wenig schmeichelhaften Sinne14), aber Joseph Scaliger war es vorbehalten, zu entdecken, daß De Arcanis ein ungeheures Plagiat aus Pugio war, von dem er 20 Jahre früher ein Manuskript in einer Bibliothek von Toulouse gesehen hatte15). In der Tat, obgleich Plan und Disposition verschieden sind, war"doch das meiste von dem gelehrten Material in den Arcana direkt von Martini übernommen. Die kritische Vergleichung, welche die Dominikaner ein halbes Jahrhundert später, als sie den Pugio herausgaben, anstellten, ergab einen erschöpfenden Beweis von der Unredlichkeit des Franziskaners. Die langen Annalen literarischen Diebstahls haben keinen außerordentlicheren Fall aufzuweisen. Die zahlreichen materiellen Zusätze des Galatinus sind hauptsächlich kabbalistisch, entnommen aus dem Sohar oder anderen dem Simeon ben Jochai untergeschobenen Schriften. Er zitiert auch häufig aus einem Werke, genannt Gale Razaja (Enthüller der Geheimnisse), welches keinen Geringeren zum Verfasser haben wollte als R. Judah ha-Kadosch. Obgleich mehr als ein Buch mit dem gleichen Titel (aus Dan. 2, 29) von den Bibliographen aufgeführt wird, ist keines von ihnen von Galatinus, und man hat sogar den Verdacht ausgesprochen, daß es lediglich ein Machwerk von Galatinus selbst war, der vermutlich' ebenso fähig war, fingierte Quellen zu erfinden, wie wirkliche zu verheimlichen16). Der Verdacht tut ihm nicht Unrecht, obgleich er vielleicht seine schöpferische Phantasie überschätzt, aber in diesem Falle ist er irrig. Der wirkliche Verfasser war Paul von Heredia (gest. 1486), ein spanischer Jude, der seine Bekehrung zum Christentum durch eine Reihe unverschämter Fälschungen zu beweisen suchte17). So groß auch die Masse gelehrten Materials war, das Galatinus heimlich aus dem Pugio übernahm, der Zweck und Plan der Arcana war ein ganz anderer. Galatinus war es, wie schon bemerkt, vor allem darum zu tun, die Sache Reuchlins gegen die Dominikaner zu unterstützen; Hoogstraaten ist durchweg der Gegner, dessen Angriff gegen die ganze jüdische Literatur zurückzuweisen ist. Galatinus beschränkt sich jedoch nicht auf diese Aufrieb raist und als Juristauf. In seinem Bericht unterschied Reuchlin sieben Klassen von jüdischen Büchern, von denen höchstens nur. so anstößige Schriften wie Toledoth Jeschua und direkte Angriffe auf das Christentum wie das Nizzachon Vernichtung verdienten. Dafür wurde er selbst Gegenstand eines giftigen Angriffs. 14) Z. B. von Jean Morin, Exercitationes Biblicas lib. I, exerc. 1, c. 1 (S. 9 f.), 1660. 15) In Briefen an Casaubonus, Aug. 1603, Mai 1604. Siehe Carpzovs Ausgabe des Pugio S. 106 f. Scaliger hielt irrtümlich Raymundus Sebon für den Verfasser. 1G) Morinus macht ausführliche Andeutungen darauf, und ein halbes Jahrhundert später schrieb Buxtorf der Ältere: Oalatino ssepissime hic über laudatus et citatus, de cuius fide multi dubitant. 17) Eine Note über Heredias Fälschungen wird in einer anderen Nummer der Harv. Theol. Rev. erscheinen. gäbe. Wenn er es unternimmt in einer langen Diskussion (Buch VII) die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria gegen Hoogstraaten und Hoogstraatens Autorität, Aquinas, zu beweisen, so setzt er nur die ständige Kontroverse seines Ordens gegen die Dominikaner fort und seine gelegentlichen Zitate aus (unechten) jüdischen Schriften reichen schwerlich als Vorwand aus. In den beiden Jahrhunderten und mehr, die zwischen Martini und Galatinus liegen, hat sowohl die christliche Theologie wie die jüdische Polemik neue Punkte in den Vordergrund gestellt, wie in den Kapiteln, von der Mutter des Messias gesehen werden kann. Die Arcana haben sich der neuen Situation angepaßt. Galatinus' Arcana wurden mehrere Male wieder abgedruckt (Basel 1591, Frankfurt 1603, 1612, 1672) und viele, die nach ihm kamen, entnahmen ihnen direkt oder indirekt einen großen Teil ihrer Gelehrsamkeit. Der Pugio selbst wurde zuerst gedruckt im' Jahre 165 lls). Er hatte lange warten müssen, hatte aber dann das Glück, in Hände zu fallen, die dieser Aufgabe würdig waren. Die Namen derjenigen, die in verschiedener Weise das Unternehmen ermunterten oder förderten, sind auf dem Titelblatt aufgeführt, und ihr betreffender Anteil daran ist in der ausführlichen Einleitung genau angegeben. Der Hauptherausgeber, Joseph Voisin19), hat nicht nur vier Manuskripte für den Text verglichen, sondern hat auch zu den verschiedenen Kapiteln des "zweiten fund dritten Teils „Observationes" hinzugefügt, welche weitere Zitate aus den von Martini und späteren Autoren benutzten Quellen enthalten, einschließlich einiger aus dem Sohar und kabbalistischen Bibelerklärern, wie Bachja, Noten über Verschiedenheiten zwischen dem Text des Talmuds und anderer Bücher, die im Pugio angeführt werden, und dem der gewöhnlichen Drucke, Verschiedenheiten, die zum Teil aus der Tätigkeit der aufeinanderfolgenden Zensoren sich erklären und dergleichen. Zu Martinis Prooemium fügte Voisin in einer Länge von nahezu 150 Folioseiten Prolegomena hinzu, welche hauptsächlich von der Lex' non scripta und dem ganzen Stoff der jüdischen Tradition handeln, einschließlich einer vollständigen Analyse der Mischna; die dreizehn Normen der halachischen Deduktion; über die Talmude, Midraschim und Kommentatoren, mit einem kurzen Kapitel über die Kabbala usw.; dann über die Lex scripta und ihren Inhalt; die Gebote, positive und negative; die Einteilung des Pentateuch; die Regeln zum Abschreiben der Heiligen Schrift und die Fehler, welche eine Abschrift für die Benutzung unzulässig machen; die strittige Frage des Alters der Vokalisation; den Kanon und die Autorschaft der verschiedenen Bücher nach jüdischer Tradition; über hebräische Poesie; die Haphtaroth und die Einteilung der prophetischen Bücher; die Übersetzungen des Alten Testaments usw. Besondere Erwähnung verdient eine reiche Sammlung von Zitaten aus dem Alten Testament (geordnet nach ihrem Vorkommen im. Neuen), die von den Juden in ähnlicher Weise ausgelegt wurden, wie sie im Neuen Testament ausgelegt und angewandt wurden, und rabbinisclie Parallelen zu den Ideen und Ausdrücken des Neuen Testaments — ein Vorläufer, auf einem beschränkten Gebiet, von den Horae Hebraicae späterer Gelehrten. (Fortsetzung folgt.) 18) Siehe Anhang. 19) -Siehe Anhang.