Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 2)
- Language
- German
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95 Das Judentum in christlicher Darstellung 06 vielleicht auch um Heiden zu überzeugen, die zwischen der wetteifernden Propaganda der Synagoge und der Kirche hin und her schwankten. Die (Beweisführung für die Göttlichkeit Christi dreht sich hauptsächlich um die Theophanien des Alten Testaments und die Erscheinungen des Engels des Herrn, in welchem schon Philo die Offenbarung eines göttlichen Wesens erkannt hatte, des Logos, unterschieden von dem transzendenten Gotte. Von lateinischen Apologeten ist der erwähnenswerteste Tertullian Adversus Judaeos. Die Gelegenheit zu dem Werke gab, wie uns der Autor erzählt, eine langwierige Disputation zwischen einem Christen und einem zum Judentum Übergetretenen, aber die Beweisführung ist nicht in Form einer Disputation gehalten4). Alle alten Apologien haben viel miteinander gemein sowohl im Gegenstande als auch in den! angeführten Bibelstellen. Spätere Autoren haben -unzweifelhaft freien Gebrauch von ihren Vorgängern1 gemacht, und Sammlungen von loca probantia aus dem Alten Testament wurden eigens für den Gebrauch der Streitenden angelegt. Die Beweisführung ist rein biblisch; die zumeist symbolische oder allegorische Auslegung wird in einer Überlieferung festgelegt und von einem nach dem anderen wiederholt. Schon mehr Wirklichkeitssinn zeigen die gegen die Juden gerichteten Homilien des Aphraates und Chrysostomus' Predigten Adversus Judaeos. In ersteren sehen wir, daß eine aggressive jüdische Polemik im Persischen Reich eine nachdrückliche Verteidigung notwendig machte, und in letzteren, daß viele Christen in Antiochien so stark angezogen waren durch die jüdischen Feste und andere Zeremonien, besonders durch das große Fasten des Versöhnungstages, daß die Befürchtung nahelag, ihre jüdische Voreingenommenheit könnte sie weiter führen als zum bloßen Zuschauen. Der letzte wichtige Vertreter der älteren Art der Apologetik ist Isidorus von Sevilla, De fide catholica ex Vetere et Novo Testamento contra Judaeos. Das erste Buch stellt die katholische Lehre von der Person Christi dar als des Gottessohnes, erzeugt vom Vater ante saecula ineffabiliter; Christus deus et dominus; die Dreieinigkeit; die Fleischwerdung, Passion, Auferstehung und Himmelfahrt. Im zweiten Teil behandelt der Autor die Verwerfung der Juden, die Verbreitung des Evangeliums bei den Heiden, die Abschaffung des Alten Testaments mit all seinen Institutionen, und die Einsetzung des Neuen mit seinen Sakramenten. So bietet Isidorus eine Zusammenfassung und Systematisierung der lateinischen Apologetik und übermittelt sie dem frühen Mittelalter, von Grund aus lehrmäßig und noch; streng biblisch. Von früher jüdischer Apologetik und Polemik haben wir kaum irgendeine Kenntnis. Nur der Talmud erzählt uns einiges von palästinensischen) Rabbinen hauptsächlich aus dem dritten und dem frühen vierten Jahrhundert, welche mit katholischen Christen über Punkte der Auslegung disputierten oder die Lehren der Kirche bekämpften, besonders 4) Joseph Scaligers Beurteilung dieser Apologien ist nicht unzutreffend: Judsei hodie cum disputant, sunt subtiles. Justinus Martyr quam misere contra Tryphonem scripsit, et Tertullianus. Debet valde peritus esse Judaismi, qui Judseos volet reprehendere et retutare (zitiert bei Wagen seil 89). über die Person .Christi5). Die in .den christlichen Apologien herkömmlichen Einwände tragen kein Merkmal der Herkunft aus jüdischen Schriften. Daß aber im zweiten Jahrhundert solche vorhanden waren, ist aus inneren Gründen wahrscheinlich, und es ist möglich, daß C e 1 s u s aus ihnen schöpfte in seinem „Wahren Wort". Mehr als dies kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Von einer jüdischen Literatur in griechischer oder lateinischer Sprache ist von dieser Zeit an keine Spur vorhanden. Nachdem das Christentum als Staatskirche eingesetzt war und der Übertritt von Christen zum Judentum als schweres Verbrechen galt, gab es wahrscheinlich nicht mehr viel Schriften, die sich gegen die Kirche und ihre Lehren richteten oder Propaganda für das Judentum zu machen suchten. Die Situation war eine andere als im Persischen Reiche, wie wir in dem Falle Aphraates gesehen haben, und nach dem Siege der Araber in den Ländern unter moslemitischer Herrschaft, wo Juden und Christen gleichgestellt waren und einige Chalifen sich bei Hofe durch Diskussionen über die Verdienste der drei Religionen unterhielten. Dort hatte vielmehr die christliche Apologetik eine dringendere Aufgabe in der Verteidigung gegen die Angriffe von moslemitischer Seite. 'Bei der orientalischen Wiedergeburt der Wissenschaft, an welcher die Juden lebhaften Anteil nahmen, erstanden unter ihnen Gelehrte, die wohl vertraut waren mit dem Neuen Testament und den Finessen der christlichen Lehre. Die Kontroverse des zehnten Jahrhunderts zwischen rabbinischen und karaitischen Juden führten alsbald beide Teile dazu, Christentum und Islam in ihre Apologetik einzuschließen. Saadia (gest. 942), der Vorkämpfer der Orthodoxie und der erste, der eine systematische Darstellung und Verteidigung der jüdischen Theologie unternahm, bestreitet nicht nur die christlichen Argumente für die Messianität Jesu, besonders diejenigen aus Daniel 9, 24—27, sondern auch die Lehren von der Dreieinigkeit und von, der Person Christi. Über letzteren Gegenstand unterscheidet er vier besondere Theorien, darunter die allerneueste. Sein Zeitgenosse, der Karäer Kirkisani, stellt den Glauben und die Lehre der (Unmittelbaren Schüler Jesu in Gegensatz zu den Lehren der Kirche. Nach ihm war erst Paulus der Schöpfer der Lehre von der Dreieinigkeit und vom Gottessohn. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß die jüdischen Apologeten der folgenden Jahrhunderte sich nicht nur bemühten, die von den Christen aus dem Alten Testament entnommenen Argumente zu widerlegen, sondern auch den Kampf in das Gebiet des Gegners verlegten durch die am Neuen Testament und an den Dogmen der Kirche geübte Kritik. In der folgenden Periode verlegte sich das geistige Übergewicht innerhalb der moslemitischen Welt nach dem Westen, wo Studium und Wissenschaft eifrig gepflegt wurden und manche der besten Geister sich der Philosophie widmeten. Die Juden nahmen Anteil an dieser Bewegung und auf allen Gebieten standen manche unter ihnen in vorderster Reihe. Da wurde zwischen den Bekennern der drei Religionen, auf welche die gemischte Be- 5) Einige Illustrationen bietet Blau a. a. O. 103. Siehe auch Bacher, Agada d. paläst. Amoräer I, j555 f. (Simiai), II, 115—118 (Abahu) und die Indices s. v. Christen, Christentum. [Bergmann, Jüd. Apologetik im neutestamentlichen Zeitalter. Berlin 1Q08.]