Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 93 - 94 (sequence 1)
- Language
- German
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93 Das Judentum in christlicher Darstellung 94 DAS JUDENTUM IN CHRISTLICHER DARSTELLUNO1) Von George Foot Moore, Professor an der Harvard-Universität Cambridge (Mass.) Autor. Übersetzung aus dem Englischen von Rosalie Perles. *)Anmerkung der Redaktion: Professor George Foot Moore ist einer der gelehrtesten christlichen Theologen Amerikas. Über seine Persönlichkeit und seine wissenschaftlichen. Leistungen können wir mach Angabe des Autorenlexikons „Who is who in America" und Mitteilungen eines mit ihm persönlich bekannten Gelehrten folgendes mitteilen: Er ist geboren in West ehester Pennsylvania-am 15. Oktober 1851, erhielt A.B. in Yale 1872, A.M. in 1883, graduierte am Union Theological Seminary in 1877, erhielt den Doctor ot Divinity von Marietta College 1885, Yale 1897, Göttingen 1909, L. L. D. von Western Reserve University 1903, Harvard University,, 1906 und Litt. D. von Yale University 1915, 1878—1883 Pastor in Zanesville, Ohio, 1883—1902 Professor of Hebrew, Andover Theological Seminary, 1902—1904 Professor der Theologie und seit 1904 Professor of History of Religion in Harvard. Verfasser von: Commentary on Judges, Int. Grit. Comm. 1895, Book of Judges, translation and notes, 1898, Ditto in Hebrew, Critical edition with notes 1900 (Regenbogenbibel) 1913, Literature of the Old Testament 1913—1919, History of Religion in zwei Bänden 1914 Metempsychosis, außerdem viele Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften und Encyclopadia Biblica. ' Augenblicklich hat er ein dreibändiges. Werk über die jüdische Theologie in der tannatischen Periode im Druck. Den Titel hat er noch nicht bestimmt. In „Menorah Journal", Februar 1922, S. 1—14, erschien von ihm ein Artikel „The idea of Thorah in Judaism", a third annual Zunz iecture, die er vor der Intercollegiate -Menorah Association in Cincinnati hielt. Er zeigt hier wieder ein Verständnis und eine Sympathie, wie sie bei nichtjüdischen Gelehrten mehr als selten ist. Kürzlich hielt er eine Serie von zehn Vorlesungen über den Ursprung und Entwicklung der Religion, die im Herbst erweitert als Buch erscheinen wird. — Moore ist ein besonders netter und freundlicher Mensch, der für Jüdisches merkwürdig viel Verständnis hat und gerne Gelegenheit nimmt, auch öffentlich gegen Antisemitismus aufzutreten. Das erzählten einige Studenten, die einer Serie von öffentlichen Vorlesungen von ihm beiwohnten. I. Bis zum Ende des achtzehnten Jahrhund er ts2). Das Interesse der Christen für jüdische Literatur war immer mehr apologetisch oder polemisch als geschichtlich. Die Verfasser des Neuen Testaments stellten sich die Aufgabe, aus den Heiligen Schriften zu erweisen, daß Jesus der erwartete Messias war. Zu diesem Zwecke zeigten sie, daß seine Geburt, seine Lehren und seine Wunder, seine Verwerfung durch sein Volk, sein Tod, seine Auferstehung" und iHimmelfahrt bis in die kleinsten Züge schon von den Propheten vorausgesagt waren. Die genaue Erfüllung ihrer Verheißungen in so vielen Einzelheiten sei also ein vollgültiger Beweis für die Berechtigung seiner Ansprüche und lasse Erschienen in The Harvard Theological Review vol. XIV, July 1921, S. 197-254. 2) Die folgenden Seiten sollen nicht eine Geschichte der Literatur oder auch nur eine Einführung in dieselbe bieten. Die Absicht des Autors war, die Einflüsse zu zeigen, welche ihren Charakter in den verschiedenen Perioden bestimmten, und diese Abschnitte durch hervorragende Werke zu illustrieren, um damit den Grund zu legen für eine kritische Prüfung der modernen Darstellungen des Judentums, denen der zweite Teil diesen Arbeit gewidmet ist. keinem Zweifel Raum, daß seine eigene Voraussagung sich nicht auch erfüllen würde in dem baldigen Erscheinen des . Menschensohnes zum Gericht, so wie Daniel ihn in seiner Vision gesehen hatte. In den Paulinischen Briefen, im Hebräerbrief und im Johannesevangelium soll weniger bewiesen werden, daß Jesus der von den Juden erwartete Messias war, als daß der Herr Jesus Christus, von welchem die Christen Erlösung von ihren Sünden und die Gewähr ihrer Seligkeit erhofften, ein göttliches Wesen war, der Sohn Gottes, das. Fleisch gewordene Wort Gottes, unddieser höhere Glaube suchte ebenfalls seinen Beweis in den Heiligen Schriften. Die Apologetik der folgenden Jahrhunderte, besonders diejenige, die sich gegen die jüdischen Einwände richtet, hat dasselbe Hauptthema: Jesus war der Christus (Messias), und Christus "ist ein göttliches Wesen. Andere Themen, welche ihre Vorläufer auch im Neuen Testament haben, treten dagegen zurück, besonders die Entbindung der Christen vom mosaischen Gesetz oder die Aufhebung der Gesetzesoffenbarung überhaupt, oder ihr Ersatz durch neue Gesetze" Christi, die Verwerfung des jüdischen Volkes durch Gott wegen seiner Verwerfung Christi, und die Übertragung aller einst den Juden verliehenen Vorrechte und Verheißungen auf die Kirche, das wahre Israel, das Volk Gottes. Der Umfang der antijüdischen Apologetik, der noch vorhandenen oder der uns nur nach Titel und Zitaten bekannten, ist beträchtlich3). Die älteste Schrift, eine Disputation zwischen Jason, einem Judenchristen, und einem alexandrinischen Juden inamens Papiscus, die wahrscheinlich nicht lange nach der jüdischen Empörung unter Hadrian verfaßt und Ariston von Pella zugeschrieben wurde, ist verloren. , Nicht viel später kommt die bekannteste griechische Apologie dieser Art, J u s t i - nus Alartyrs Dialog mit dem Juden Trypho. Die literarische Form des Dialogs war gewählt worden, weil sie dem Autor ermöglichte, ebensowohl die jüdischen Einwände zu bekämpfen, wie ihre eigenen Argumente in der zweckdienlichsten Form zu entwickeln. Zweifellos fanden in reichem Maße wirkliche Kontroversen zwischen Juden und Christen statt, durch welche die Apologeten mit den Hauptpunkten im Argument ihres Gegners bekannt wurden, aber in den Apologien ist der jüdische Disputant ein Strohmann, der seine Schwierigkeiten nur hervorhebt und seine Einwände nur macht, um dem Christen Gelegenheit zu geben, zu zeigen, wie leicht sie gelöst oder widerlegt werden können, während zuletzt der Jude sich als besiegt zu erklären hat. Dies an sich zeigt zur Genüge, daß die Autoren nicht schrieben, unf Juden zu bekehren, sondern um Christen zu erbauen, 3) Der jüngste Überblick über diesen Zweig der christlichen Apologetik bis zum 5. Jahrhundert mit Angabe der modernen Literatur findet sich bei J u s t e r Les Juifs dans l'Empire Romain (1914) I, 53—76. Für einen allgemeinen Überblick über das ganze Gebiet sei verwiesen aut L. Biau, „Poiemics and Polemical Literature", Jewish Encyclopedia X, 102—109.