Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Rabbi und sein Sohn
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 3)
- Language
- German
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89 Der Rabbi und sein Sohn 90 so fest, daß nicht einmal das Erwachen der Toten sie zum Aufstehen veranlassen würde. So ging denn Schalom wieder aus dem Beth'aus; und eine Unruhe trieb ihn immer wieder vor des Rabbi Stube. Denn eines fühlte er, je länger um so deutlicher: er mußte sich mit seinem Vater auseinandersetzen. Es mußte ein Ende gemacht werden. Was hatte er noch im Vaterhaus zu schaffen! Er mußte in die Welt hinaus, um seinem Ziele, ein Schriftsteller zu werden, nahezukommen. In diese trotzigen Entschlüsse aber drängte sich trübend das Mitleid mit dem Vater. Er hätte den Alten so gern trösten mögen. Und fand doch' den Weg des Trostes nicht. Sollte er ihn küssen, ihm um den Hals fallen? Und weinend flehen: „Du und ich1, sind wir beide nicht ohne Schuld? Es sind ja andere Welten, in denen wir leben." Aber wie könnte er dem Alten seine Welt, die Welt der neuen Tage, näherbringen . . . In seinem Zimmer saß der Rabbi, über ein Buch' gebeugt, als wollte er sich in den heiligen Buchstaben begraben. Auf dem Herzen lag es ihm wie ein schwerer Stein. In den Augen standen ihm Tränen. Hätte er nur ein lebendes Wesen um sich' gehabt, mit dem er sich hätte aussprechen, an dessen Busen er sich' hätte ausweinen können. Sollte er mit seinem Weibe sprechen? . . . Und leise rief er: „Selch!" „Was willst du? O, wie mir schlecht ist! Mein Gott,: wie zerrt das in meinem Fuß." So wimmerte die Frau. Der Rabbi aber sagte: „Gehts wieder so bös?" Mehr konnte er nicht sprechen. Und in Gedanken tat er schon Buße, daß er einer Kranken, einem ■ zerbrochenen Menschen, hatte Herzleid machen wollen. Es dauerte eine lange Weile, bis der Rabbi wieder ganz zu sich1 kam und mit Ruhe an die Ereignisse der letzten Stunden denken konnte. Er konnte, er wollte es nicht glauben, daß sein Sohn — sein Sohn Schalom! — den Säbbat entweiht hatte, daß sein Sohn die Strafe der Steinigung verwirkt hätte. Das war ja unmöglich. Das konnte nur eine Versuchung des Teufels gewesen sein . . . Dabei kam ihm hilfreich eine chassidische Geschichte in den Sinn. Ein Chossid hatte mit eigenen Augen den heiligen Rabbi am Sabbat die Pfeife rauchen sehen. Aber der Rabbi war nur behext. So grübelte er. Allein je länger er wartete, um so deutlicher lösten sich die entschuldigenden Phantasien von ihm. Schalom ließ sich nicht sehen: alles war wirklich'. Und er lief aus der Stube, den Sünder zu suchen. Es mußte etwas geschehen. Doch' kaum hatte er seinen Sohn erblickt, der versorgt und versonnen vor dem Lehrhause auf- und abging, da blieb er erschreckt stehen: er fürchtete die Begegnung. Doch Schalom hatte ihn gesehen, und da sie sich in die Augen blickten, schritt der Rabbi — gehemmt und gestoßen von dem Sturm der Gefühle — auf seinen Sohn zu. Und mit einer weichen, tonlosen Stimme fragte er: „Wollen wir ein wenig gehen?" Aber seine Augen suchten den Boden, da er also sprach1. Schalom antwortete nicht. Er ging mit. So kamen sie an die Stadtgrenze, den „Eruw". Der Rabbi suchte seine Taschen durch; um nur nichts Tragbares über den Eruw zu führen. Dann band er sein Taschentuch um den Hals. Und da er seinen Sohn wie flehend ansah, knüpfte auch er sich' das Taschentuch um den Hals. Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, sagte der Vater (und ein Husten zerriß die Worte): „Was soll das sein?!" Schalom war fest entschlossen, keine Antwort zu geben. Aber der Vater zwang sich zur Härte und fragte wieder: „Was soll das sein?! Also? . . . Den Sabbat entweihen?. .. Den Sabbat entweihen!" Er blieb stehen, denn ein Hustenanfall zerzauste ihn. Dann gingen sie weiter und kamen auf eine große Wiese. Schalom starrte auf ein Pferd, das sich der Kette entwinden wollte. Der Alte hielt sich die Hand vor die Augen, um sich der Strahlen der mählich zum Abend hinneigenden Sonne zu wehren. „Wie kannst du nur den Säbbat entweihen? Sag, ist das recht? Ist es wirklich recht? Einfach den Sabbat entweihen! Ich hab ja auch so mancherlei gelernt, was einem Chossid nicht zukommt — aber den Sabbat entweihen? Sag, mein Kind: haben dich böse Geister umlauert? Warum kamst du dann nicht zu deinem Vater? Oder bin ich etwa nicht dein Vater?" Das mußte doch' den Sohn überzeugen! Und wäre er der schlimmste Abtrünnige, er konnte doch nicht leugnen, daß er sein Vater sei. „Kommen die bösen Geister" — sprach' der Alte weiter, und er sagte es in jenem Singsang, in dem man den Talmud studiert — „so sagt man es doch' dem Vater. Was kann das schaden? Das kann doch1 gar nichts schaden! Auch mir kamen einst böse Geister — da fuhr ich zum heiligen Rabbi nach1 LibawitsCh. Man darf sich selbst nicht fallen lassen. Verstehst du, Schalom, darf sich selbst nicht fallen lassen." Die letzten *\Vorte sprach1 er längsam, jede Silbe betonend. Und die belebte Geste seiner Hand machte sie noch eindringlicher. Hinter der gefurchten Stirn lächelte die Gewißheit, daß Schalom sicher noch' nicht in die Gefahr des Abfalls geraten war. „Sieh" — sagte er, und seine Stimme wurde weich — „es nahen uns die Versuchungen. Aber deswegen . . ."