Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Rabbi und sein Sohn
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 2)
- Language
- German
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87 Der Rabbi und sein Sohn 88 Sakener Rabbinat übernehmen — denn der ältere Sohn war ein reicher Makler, dessen Geldgeschäfte dem Vater nur wenig benagten; die einzige Tochter war jung gestorben und hatte kleine Waisenkinder zurückgelassen . . So war seinem Herzen nur Schalom geblieben, ein stiller, züchtiger und fleißiger Jüngling . . Zwar war er ein wenig trotzig. Aber ist das ein Fehler für einen Mann? Schwerer trüg ers schon, wenn Schalom wirklich die Bücher der Sünde läse, wie man ihm erzählt hatte. Das konnte und wollte der Alte nicht glauben. Und wärs selbst wahr, so hatte sein Sohn sicher schon längstens Buße getan. „Wenn ein Weiser bei Tag sündigt, braucht man schon am Abend nicht mehr darüber nachzudenken." So lehrte die Gemara. Denn das ist die Weisheit des Weisen, daß er bald die Reue fühlt und Buße tut.-- Schalom aber seine Deutungen der heiligen Schrift vorzutragen, reizte ihn nicht gerade. Vielleicht war es eine Scham, vielleicht auch, weil sein Sohn niemals mit ihm zum „Rebben" hatte fahren wollen. Nun aber der Gast ihn mit seiner Branntweingier ganz verwirrt hatte, sah er auf seinen Sohn mit einer Weichheit, als bäte er mit den Augen: Hör du mir zu, Schalom, konnte es dir schaden? Schalom wandte sich ihm zu und blickte dem Alten tief in die Augen — aus Ehrfurcht; denn er liebte seinen Vater. Er dachte bei sich: weiß 'der Alte wirklich' nichts von meinem sündhaften Studium? Er war ganz mit sich beschäftigt und hörte nur halb zu, herablassend und fast mitleidig. Doch' als der Alte davon sprach, warum die Frommen in Gottes Kuß sterben, da leuchtete es in Schaloms Augen wie ein Feuer auf, und es begab sich' das Seltsame, daß die weltentrückte Lehre des Chossids in Schalom das tiefe Motiv einer Romanze von -glühender Sinnlichkeit erzeugte: die Seele aushauchen im Kusse der Geliebten. Das Motiv gefiel ihm so, daß er sich bald, nachdem der Gast fortgegangen war und der Rabbi in einem anderen Zimmer sich niedergelegt hatte, an das Niederschreiben machte. Am Sabbat! Das Herz pochte ihm', und es schien ihm ein starkes Stück, nach' dem sabbatlichen Mahl ein Liebeslied aufzuschreiben. Aber es war ein Trotz in ihm, den Sabbat zu entweihen in der Stube, in der sein Vater der Gemeinde das heilige' Recht zu sprechen pflegte. Aus einem verschlossenen Kasten holte er das Schreibzeug und ein Heft, das seine Lieder enthielt, und setzte sich vorsichtig an!den Tisch'. Scheu blickte er noch einmal um sich, ob keiner im Zimmer wäre. Und er suchte sich mit der Erfahrung zu beruhigen, daß sein Vater immer stark hustete, wenn er sich vom Schlafe erhob. Er machte ja solch ein Gepolter beim "Aufstehn, daß mans in der dritten Stube hören konnte. Schalom konnte also ruhig sein. Er warf den Gürtel, der seine Lenden umschnürte, beiseite, machte sich ans Werk, um jedes Zwanges bar in seinem Manuskript zu blättern. Und in dem Glänze und Klange seiner alten Lieder fand er die weihevolle Sammlung für die neue Schöpferstunde. In heißem Wonneschauer stieg das Motiv empor und verdichtete sich zu Rhythmen. Ihm war, als läge er auf dem Totenbett, krank und siech1, die Augen starr, die Sprache gelähmt. Sehen konnte er nichts mehr. Aber auf seiner Wange fühlte er einen weichen, zarten, duftigen Kuß. Und ein süßer Klang drang in seine Seele. Er möchte seine Hand ausstrecken, verlangend. Aber sie fiel kraftlos zurück. Der Tod senkte sich' auf ihn nieder. Und ein wundersamer Glanz leuchtete aus Schaloms Augen. Wirre Gefühle drängten sich in seiner Seele, als wollten sie die Haft zersprengen. Gedanken, Worte brausten durch' sein Hirn, wie der Hall einer Maschine . . . Und die Hand bewegte sich', zeichnete einen Buchstäben neben den anderen aufs Papier, ein Wort zum andern. Und wenn er den versonnenen Blick hob, war es, als tuschelten sich' die Wände zu: „Stört den Dichternicht in seinem Schaffen, hemmt den Priester nicht, der seinem Gotte ein Opfer bringt!" — — —: Indessen war dem Rabbi eine neue Deutung eingefallen. Er erhob sich aus dem Bett, um eine Stelle nachzuschlagen. Er suchte ein guch. uncj ohne daß es Schalom bemerkte, trat er in das Zimmer. ■/ Entsetzt blieb er stehen. Seine Züge erstarrten in schmerzlicher Verzerrung. Er setzte sich — fast zusammenbrechend — auf eine Bank seinem Sohne gegenüber; und über seine Lippen rang sich' ein Ton, ein Aufschrei. Mehr noch ein Seufzer. Lange hielts ihn nicht auf der Bank. Was konnte er tun, was konnte er seinem Sohne sagen? Das Herz war ihm zum Zerspringen. Und heiße Tränen quollen in seine Augen. Weinen mußte er, weinen. Und so lief er bestürzt aus dem Zimmer. Schalom blieb wieder allein. Nicht das Bewußtsein einer Schuld quälte ihn. Es war tiefes, kindliches Mitleid mit seinem Vater, das ihm die Seele zusammenschnürte. Er stellte das Schreibzeug wieder in den Kasten und ging hinaus, sein Liederheft unter der Kleidung verbergend. Und er ging ins Bethäus. Doch dort war ihm noch' weniger heimlich zumute. Die Bänke standen in wirrer Unordnung umher. Man sah ihnen an, wie sehr sich die Gemeinde beeilt hatte, nach dem Gebete zum Sabbattische zu kommen. Nur der Diener lag schlafend auf einer Bank und zog schwer schnarchend die Luft so hastig ein, als wollte er die ganze Atmosphäre einsaugen, um die übrige Welt zu ersticken. Sonst war alles tot, als schliefe, die ganze Menschheit ihren Sabbatnachmittagschlaf