Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Der Rabbi und sein Sohn
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 91 - 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Der Rabbi und sein Sohn 92 Da traf es sich', daß das Liederheft aus seinem Versteck über der Brust auf die Erde niederfiel. Der Rabbi blieb stehen, wie starr, als risse ihn Feuerlärm aus einem süßen Traume. Sein ganzer Körper bebte, und er griff sich' wie Hilfe suchend an seine Schläfenlocken. Nun gab es keine Deutelei mehr. Denn Schalom hatte zum anderen Male den Sabbat entheiligt: Er hatte ein Heft über den „Eruw" getragen. Am Sabbat. Und schlimmer noch': Er hatte ihn betrogen, da er vor dem' „Eruw" so tat, als durchsuchte er in frommer Sorge seine Taschen . . Aber auch' Schalom hatte sich erschreckt. Er ließ den Kopf sinken und konnte kaum die Tränen zurückdrängen. .Der Alte wollte wieder reden. Die Frage schien auf seinen Lippen zu schweben: „Was soll das sein?" Aber kurz entschlossen beugte er sich nieder, griff nach' dem Heft so fest, als sollte es ihm keiner mehr entreißen. „So! Also wirklich' abtrünnig!" rang es sich aus seiner Brust. Jedes Wort wurde ihm schwer. Vom Fleck durfte er sich' nicht rühren mit dem Heft in der Hand. Das hieße ja: am Sabbat tragen. Und da seine Beine vor Erregung bebten, setzte er sich1 ins Gras. Er wollte doch sehen, was er eigentlich' in Händen hatte. Er blätterte umher in dem engfoeschriebenen Heft. „Komm her!" rief er dem Sohne zu, der einige Schritte abseits stand. „Was ist 4as?" — „Lieder." „Lieder? Wozu sind die nütze?" Er fühlte, wie die Schwäche ihn übermannte. Mannhaft kämpfte er dagegen an. „Wozu Lieder. Abtrünniger du!" ' : , — „Zum Lesen, Väterchen." „Also zum Lesen. Andere mußt du auch noch verführen. Jerobeam du! Andere auch noch zu Abtrünnigen machen. Nein, ich dulde es nicht. Ich1 kann, ich darf es nicht dulden ..." * * * Mählich und mählich neigte sich die Sonne. Es wurde Zeit, wieder heimzugehen. Was aber sollte er mit dem Hefte anfangen? Auf der Wiese konnte er es nicht zurücklassen. Da fiele es gar einem Fremden in die Hände. Oder Schalom nahm es wieder an sich1. Um aber des unruhigen Sinnens frei zu werden, stellte sich' der Rabbi hin und betete das Vorabendgebet. Und als er ein Stück des Gebetes in Andacht vollendet hatte, steckte er das Heft in seinen Gürtel, ohne sich vom Fleck auch nur zu rühren. Schalom stand ruhig beiseite. „Sag das Minchagebet, Bengel!"befahl der Alte. Der Alte betete weiter. Und er fühlte, wie die Weihe des Gebetes seinen Zorn löschte. Und da sein Blick seinen Sohn traf, der so betrübt neben ih'm stand, kam ihm wieder der Zweifel: Das soll ein Abtrünniger sein, den man in eine Grube werfen und töten müßte? Und Schalom fühlte sich im Banne des Willens seines Vaters — das erstemal in seinem Leben! Er hatte ihn ja immer geliebt. Nun fühlte er sich wie ein ergebener Untertan . . . Die Sonne war untergegangen. Und ihre letzten Strahlen säumten das Gewölk am Horizont. Sah sie nichts und hörte sie nichts von den Tränen, dem stillen Weinen des alten Rabbi? Da er zu den Worten des Gebetes kam: „Du bist einzig. Und dein Name ist einzig. Und dein Volk Israel ist ein einziges Volk auf Erden und du gabst ihm den Säbbat als den Tag der Ruhe zu eigen; als ewiges Erbe," da rief er den freien Himmel und die weite Erde zu Zeugen an . . . Der Alte weinte. — Aus den geschlossenen Augen rannen die Tränen. Und Schalom sah ergriffen zu. Aber er konnte den Blick nicht von seinen Liedern wenden und kämpfte gewaltsam das Verlangen nieder, sie wieder an sich zu reißen. Es war schon Nacht, da sie den Heimweg antraten. Kein Wort wurde gesprochen. Als kehrten sie von einem Begräbnis heim . . . Aber in Schaloms Seele bohrte die Sorge, daß der Alte zu Haus die Lieder Ins Feuer werfen würde und daß die Flammen verbrannten, was ihm von süßen Träumen geblieben war . . . Erst als sie vor der Tür ihrer Wohnung standen, fand Schalom den Mut, mit einer Stimme, in der die Tränen bebten, zu sagen: „Vater, lieber Vater, gib mir jdie Lieder. Ich' bitte dich!" Und der Alte gab ih'm das Heft und sagte, ohne ihn anzusehen : „Nimm sie. Aber erzähle;der Mutter nichts. Tu ihr kein Herzeleid an. Denn sie ist krank und elend."