Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1922)
- Article
- Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 81 - 82 (sequence 5)
- Language
- German
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81 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 82 des Davidsschildes stehen die Buchstaben- TVittb; was Albert Wolf unter Lesung vonals Magistrat auffaßt. Man wird die Veröffentlichung der Ferdinandschen Verleihungsurkunde abwarten müssen, um zu entscheiden, ob diese Lesung und Deutung richtig ist Die dialektische Schreibung (d für t) wäre in-diesem Falle sonderbar. Auch erwartet man eher ein hebräisches Wort als Magistrat mit hebräischen Buchstaben. Sollte nicht vielmehr der alte özechische Name Mezigrade für Prag vor* liegen? Man brauchte hierzu nur die Reihenfolge }tÖ statt WO einzusetzen, um den Stadtnamen "in^ö zu erhalten! Jünger als das Stahlpetschaft der Gemeinde ist das Messingpetschaft der rabbinischen Behörde Prags mit der Inschrift: „Israelitische Ober Juristen in Prag." Auch hier gibt der hebräische Text zu Fragen Anlaß. Die Buchstaben in den beiden oberen Außenwinkeln des Davidsschildes und (beidemal ohne Strichelchen) lese ich yn rva und TM miö, d. i. mknrn rrfr«» mio. Im Mittelstücke folgt Jans pp (ebenfalls ohne Strichelchen). Was bedeutet aber unten riDD? Wolfs Erklärung, daß diese Form des Siegels zur Be* stätigung des Fleischkaschrus gebraucht wurde, ist unmöglich. Dazu brauchte man nicht das Siegel des Bethdin, sondern das des Schächters, auch hat Peßach zunächst nichts mit Fleisch zu tun. Viel eher kann man an ein Siegel für das Kaschrus von Peßach* waren denken. Merkwürdig, daß auch das dritte Prager Amts* Siegel, das Stahlpetschaft der Fleischerzunft mit der Inschrift „Prager Jüdische Fleisch Zunfft", nicht ohne weiteres verständlich ist, dieses Mal in der Symbolik des Wappens. Oben sehen wir einen Löwen, der mit der einen Tatze ein Beil schwingt. Wir könnten das Instrument ebenso gut für eine Fahne halten. Daß es sich aber um ein Beil handelt, das der böhmische Löwe führt, sehen wir an dem Siegel des Fleischers Chajjim ben Wolf Feiwels, auf dem das unentbehrliche Requisit des Fleischergewerbes deutlicher erkennbar ist. Unter* halb des heraldischen Löwen ist nach der bisherigen Deutung im Petschaft der Fleischerzunft ein Schlüssel eingraviert, innerhalb der Verzierung des Schlüssel* griffs ein Davidsschild. Was hat der Schlüssel mit der Fleischerzunft zu tun? Ich sehe daher unten keinen Schlüssel, sondern wiederum ein Beil und keine Schlüsselverzierung, sondern eine Kreis* Verzierung des Davidsschildes. ' ' Das vierte Prager Petschaft gehörte dem israelitischen Knaben*Waisenhause, das fünfte, ein Silberplätt*Petschaft, einem Prager Privatmann, aber keinem geringeren als dem Gemeindevorsteher und Wohltäter Jacob Bassevi von Treuenberg (gest. 1634), dem ersten geadelten Juden des habsburgischen Kaiserhofes. Das Wappen des Siegels (Abb. 4) zeigt im Schilde - einen schrägen Balken mit drei Sternen, zu dessen beiden Seiten je einen doppelt* geschwänzten Löwen mit ausgestreckter Zunge und über dem gekrönten Helme einen Löwenkopf zwischen Adlersfittichen. Die durch den Löwen* köpf geteilte Umschrift lautet: 1623 I B S VT, d. i. Jacob Bas Schewa von Treuenberg. Adel und Wappen wurden Bassevi am 18. Januar 1622 von Kaiser Ferdinand II. verliehen und im Jahre darauf von der böhmischen Hofkanzlei im Namen Ferdinands als Königs von Böhmen bestätigt, wo* durch sich die Jahreszahl 1623 er* klärt. Obgleich der Geadelte in den öffentlichen Urkunden Bassevi (Bassewi) genannt wird, hielt er in seinem Siegel an der hebräischen Form Bas Schewa in zwei Worten (B S) fest. Bath Schewa ist Familien* name, schon Jacobs Vater Abraham führte diese Zusatzbezeichnung. Die Dreizahl der Sterne stimmt mit der Beschreibung in der Adelsurkunde überein, sie sind achteckig (in unserem Siegel achtstrahlig). Die Literaturan* gaben von acht Sternen sind falsch. Auch das Siegel des Elieser Lipman ben Meir aus Berlin wird niemand in der Sammlung Wolfs vermuten; denn der Genannte ist kein anderer als der Oberlandesälteste der schlesischen Judenschaft, der Hofagent Lippmann Meyer in Breslau, den wir oben als Philanthropen kennen lernten (Medaille Nr. 104). Der hebräische Name wird auf dem Carneolstein durch das Monogramm LM in gekrönter Umfassung ergänzt. Das Messing*Petschaft des Altonaer Ober* rabbiners Akiba (Awigdor, Victor) Wertheimer (gest. 1835) kam erst vor kurzem durch Schenkung eines Berliner Nachkommen in unsere Sammlung Es trägt die Umschrift: „Rabbiner und Praeses des jüdische (1) Gericht (!) in Altona'*. In einem Rahmen (Vorderseite eines Kastens) steht der Name E. V. Wertheimer; auf einer Erhöhung über dem Rahmen ist eine Frau abgebildes, die in der Linken ein aufgeschlagenes Buch, in der Rechten eine Wage hält. An der oberen Leiste des Rahmens liest man: Virtus omnia vincit. Das merkwürdige Siegel mit der Justitia und dem lateinischen Spruche — jedes hebräische Wort fehlt — gehört den Jahren 1816—1823 an, in letzterem Jahre erhielt Wert* heimer den Titel Oberrabbiner. Abb. 4. Siegel des Bassevi von Treuenberg in Prag