Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1922) · p. Seite 69 - 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1922)
Article
Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland
Date
1922-03-01
Page
Seite 69 - 70 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584110-2591443--18442-2591467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

69 Der Wandel des jüdischen Frauentyps seit der Emanzipation in Deutschland 70 verriet, Eleganz, natürlichen Esprit und eine große Freiheit der Umgangsformen." — So fahren diese Frauen wie ein Wirbelwind in die damalige Gesellschaft, wecken das verschlafene, dumpfe und philiströse Bürgertum auf und führen die heterogensten Elemente zusammen: Diplomaten und Schriftsteller, Adlige und Juden, Gelehrte und Schauspieler, Aufklärer und Geisterseher, Konservative und Revolutionäre. In ihren Salons reiben sich, was bis dahin streng geschieden war, Stände und Kasten, Konfessionen und Rassen.!Bei Rahel trafen sich die Philosophen Fichte und Schleiermacher, die Romantiker Schlegel und Tieck, de Ia Motte Fouque und Arnim, der Historiker Müller, der Publizist Gentz, Heine und Börne, Pückler und Ganz. Während Marcus Herz mit den Aufklärern Ramler, Nicolai und Spalding philosophierte, schwärmte Frau Henriette mit den Genossen des „Tugendbundes" Wilhelm und Alexander von Humboldt und Carl la Roche, mit Sophie Mereau und mit Goeckingh, dem Freunde Bürgers, für Herzensbündnisse und geistige Liebe, oder unterhielt sich' mit ihrem Seelenfreunde Schleiermaclier über seine ,,Monologen" oder die „Reden über die Religion". Es habe, so hat sie später selbst gesagt, in Berlin keinen Mann und keine .Frau von Bedeutung gegeben, die nicht längere. oder kürzere Zeit ihrem Kreise angehörten. Marianne von Eybenberg und Sara von G ro tt.hu s, beide aus dem Hause Meyer, standen lange Jahre in Korrespondenz mit Goethe; Marianne S a a 1 i n g, die noch' als alternde Frau' mit "„ihren Mondscheinaugen" Ludwig Börne fesselte (im übrigen ganz germanisch aussehend in ihren goldblonden Haaren, den leuchtenden blauen 'Augen und der rosigen Gesichtsfarbe), regte Theodor Körner zu einigen zarten Liebesgedichten an; die wunderschöne Friederike Robert, eine Schwägerin Raheis, hat Karl von Holtei begeistert, ihr hat Heine, der sie selbst als seine „Muse" bezeichnete, den1 Sonettenkranz „Friederike" und das Gedicht „Auf Flügeln des Gesanges" gewidmet. Im Hause Sara Levys, einer Tochter Daniel Itzigs, verkehrte Mirabeau, Frau v. Genlis lind Frau von Stael; es geht auch die Legende, Bettina Brentano habe sich dort mit Achim von Arnim verlobt. In Paris wußte die Erzieherin Henriette Mendelssohn, die Rahel das Feinste und Zarteste nennt, was sie gekannt, Fraii von Stael, Benjamin Constant, Spontini und'Heiberg zu fesseln. Fanny von Arnstein und Caecilie von Eskeles, beide Töchter Daniel Itzigs, brachten das Berliner Salonleben nachl Wien, wo sie besonders während des Wiener Kongresses durch Schönheit, Geist und Anmut alle berühmten Fremden in ihr Heim zogen, wie den Herzog von Wellington, den Kardinal Consalvi, den Fürsten Hardenberg, die Grafen Capo - dlstria, Pozzo di Borgo, den Prinzen von Hessen-Homburg, die Grafen von Bernstorff und von Münster. Der Grund für den eigenartigen Zauber, durch den diese Frauen die glänzendsten Köpfe ihrer Zeit fesselten, lag in ihrem innersten Wesen. Sie verbanden wunderbar und organisch die ganze ursprüngliche und überströmende Unmittelbarkeit, wie sie oft junge Kolonialvölker haben, mit den feinsten, geistigen Kulturwerten der Gegenwart. Sie erfüllten so im wahrsten Sinne Goethes Wort, daß das höchste Glück der Erdenkinder die Persönlichkeit sei. Sie schöpften aus der eigenen Tiefe die anregende und belebende Kraft, durch' die sie der damaligen Geselligkeit einen Reiz verliehen, wie ihn weder vorher noch nachher Deutschland gekannt hat. Man hat darum in richtiger Empfindung Frau von Arnstein als die „Stael Wiens", Henriette Herz als die Reeamier, Rahel als die Lespinasse Berlins bezeichnet. Denn sie verstanden jene Kunst, die bis dahin nur in Frankreich heimisch war, graziös und geistvoll zu plaudern, leicht und beschwingt von einem Thema zum anderen überzugehen, allen Ereignissen des Tages, der Literatur, des Theaters eigene Lichter aufzusetzen, ihnen eigene Noten zu geben und so die Geselligkeit, wie Rahel einmal sagt, zu „einem bewußten, anmutvollen Zusammenwirken des Besten zu machen, was die Menschheit hervorgebracht hat". Mit der den Juden so verhängnisvollen Gabe verstanden sie aber auch zu zersetzen und zu analysieren, Menschen witzig und geistvoll zu charakterisieren, Schauspiele und Dichtungen auf ihren Wert zu prüfen und zu kritisieren. Ihre lebendige, mitschwingende Seele wußte aber auch auf der anderen Seite tief in die Ideen und Stimmungen der Künstler einzudringen, sie aufzunehmen und zu verarbeiten. Während die Deutschen sich oft noch ablehnend gegen Produkte ihres eigenen Volkstumes verhielten, erkannten sie mit dem rascheren Tempo ihrer Rasse ewige Werte. Und sie verkündeten diese — das ist das Bezeichnende für sie — mit orientalischer Heißblütigkeit, mit zitternder Andacht, mit glühender Werbekraft. Wie die Frauen einst Christus und Mohammed offenbarten, so offenbarte Rah'el die Sendung Goethes, den sie für ihren Kreis erst entdeckte, so predigte Dorothea die Lehren der Romantiker. 'Freilich die glänzende Außenseite barg auch tiefe Schatten. Bei oberflächlicheren Naturen wurde Manie und - Mode, was tieferen Herzensbedürfnis war. Die lang unterdrückte Lebenslust flammte hell empor und riß viele in einen Strudel von Abenteuern und Irrungen, in denen sie sich verloren. Eine Sucht nach ästhetischem und raffiniertem Wohlbehagen, nach Flitter und Ruhm machte sich breit, gleichsam als Reaktion gegen alle Entbehrungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.